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Die alltäglichen Abenteuer
der Hundetrainerin Maike Maja Nowak
Die neue Tausend Tölen Serie
Hundetrainer haben ein aufregendes Leben. Ihre Arbeit ist vielschichtig und immer abwechslungsreich. Sie könnten viel zu erzählen, haben sie doch täglich mit Lebewesen zu tun. Zu denen, die in diesem Bereich sehr viel erlebt haben, gehört zweifellos Maike Maja Nowak. Sie leitet in Berlin das Hundezentrum für Training & Therapie "Dog-Institut" und behandelt als Expertin für Verhaltensstörungen deutschlandweit Hunde. Sie ist geprüfte Hundepsychologin und Verhaltenstherapeutin, prof. Hundetrainerin, Therapiehundeführerin und HP-Psychotherapeutin für Menschen. Sie arbeitet ohne Gewalt und ohne Leckerlis. Dafür mit reichem Hintergrundwissen, souveränen Führungskenntnissen und einer großen Sensibilität gegenüber Hund und Mensch. Auch Humor und unkonventionelle Lösungsideen sind kennzeichnend für ihre Arbeit.
Maike Maja Nowak lebte sieben Jahre mit einem 10-köpfigen Hunderudel in der Weite Russlands. „Das meiste habe ich von meinem Leithund Wanja gelernt und nicht bei meinem Studium", sagt sie lächelnd. Nächstes Jahr erscheint dazu ein Buch. Auch als Journalistin ist sie tätig. Unter anderem für die Zeitschrift taz, das österreichische Hundejournal „Wuff" und die Hundejournale„ Ein Herz für Tiere", sowie „Partner Hund". Im TV sendeten Sat1, Vox, Arte und das MDR Sendungen über sie.
Mehr Infos unter www.dog-institut.eu
Die Abenteuer der Hundetrainerin Maike Maja Nowak
Das Paar
Der Mann war mir schon im Kurs aufgefallen.
Er hat die Anmut eines schmächtigen Jungen in der Hülle eines Vierzigjährigen. Sein Kinn doppelt sich trotz Dünnheit und nimmt seinem Gesicht jede männliche Markanz.
Ein Mundwinkel ist dauerhaft zu einem ironischen Ausdruck nach unten gezogen. Seine Augen blicken misstrauisch und mit leichter Verachtung in die Welt.
Seine Frau ist eine dünne Blondine, die ängstlich um ihn herum huscht und versucht, alles Recht zu machen. Sie arbeitet dabei unermüdlich als Entschärferin der Bomben, die ihr Mann in seine Sätze legt, wenn er mit ihr oder anderen spricht.
„Das ist doch Blödsinn." Sagt er zum Beispiel während einer Übung mit seinem Hund, die er wie alles verweigert.
„Aber schau mal, es klappt doch. Probier es doch einmal aus. Sie meinen es doch nur gut hier." Fleht sie und macht die Übung selbst.
Ein Jahr später erhalte ich von der Frau einen Anruf, dass sich die Jack-Russel-Hündin inzwischen mit der älteren Foxterrierhündin beißt und sie nicht mehr weiß, was sie machen soll.
Ich fahre zum Hausbesuch und finde zwei Hunde vor, die eigentlich nichts gegeneinander haben, außer in den Rollen, in die sie täglich gedrängt werden.
Die Frau ist äußerst verletzt, dass ihr Mann den Jack-Russel vorzieht und den Foxterrier ablehnt. Da sie bei diesem ersten Hausbesuch allein ist, kann sie offen sprechen. Sie schaut mich mit riesigen, blauen Kulleraugen an und hat viele gute Fragen.
Da sie davon ausgeht, dass Hunde gleichberechtigt behandelt werden müssen, verschlimmert sie die Bevorzugung des Jack Russels durch den Mann dadurch, dass sie verstärkt den Foxterrier beachtet.
Beide Hunde befinden sich also ständig in diesem Spannungsfeld des Paares.
Ich erkläre ihr an mehreren Beispielen warum es unter Hunden keine Gleichberechtigung gibt. Wenn ein Leithund gerade durch Kontaktliegen, oder Spiel einem anderen Hund Zuneigung schenkt, wird er es nicht automatisch mit jedem Hund tun, der daraufhin zu ihm kommt. Er entscheidet, mit wem er gerade Nähe möchte.
Stellen Sie sich vor, Ihr Chef lobt gerade in einem Einzelgespräch Ihre Arbeit. Ein Kollege kommt herein. Da er auch gelobt werden will, setzt er sich zwischen Sie und Ihren Chef auf den Schreibtisch. Ihr Chef wendet sich sofort diesem Kollegen zu, lobt ihn und vergisst Sie. Würde dies mehrfach am Tag vorkommen, würden Sie diesen Kollegen sicher nicht mehr mögen. Aber auch Ihr Chef würde Ihnen unberechenbar, manipulierbar und nicht mehr vertrauensvoll erscheinen. Sie würden eventuell beginnen, genau wie Ihr Kollege, auf dieselbe Art Aufmerksamkeit einzufordern.
Eine ähnliche Situation herrscht bei dem Foxterrier und dem Jack Russel.
So gehen sie auch häufig aufeinander los, wenn einer von ihnen gestreichelt wird und der andere dazu kommt, um auch gestreichelt zu werden.
Ich möchte der Frau zeigen, wie sie sich in Zukunft verhalten könnte.
Ich rufe das Foxterriermädchen und streichle sie. Sofort schießt der Jack Russel heran, um sich seinen Platz zu erobern. Ich schiebe ihn weg, ohne ihn überhaupt anzusehen und streichle weiter den Foxterrier. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie verdutzt der Jack Russel ist und noch einen Anlauf wagt. Ich schaue ihn streng an, mache ein Warngeräusch und er geht daraufhin sofort in sein Körbchen und legt sich hin.
Mit dem Foxterrier mache ich ein großes Trara und streichle, lobe und spiele mit ihm, um der Frau zu zeigen, wie entspannt der Jack Russel bleibt, wenn er nichts mehr zu entscheiden hat.
Danach gehe ich in eine andere Ecke des Raumes und rufe den Jack Russel. Dieser kommt unterwürfig, mit langsamen Bewegungen und kleinen Schwanzwedlern auf mich zu und leckt mir begeistert das Kinn.
Der Foxterrier nähert sich wedelnd, um das Spiel fortzusetzen. Ich schaue ihn warnend an, er bleibt stehen und legt den Kopf schief. Kurze Zeit später legt er sich hin und beobachtet mich und den Jack Russel.
Die Frau staunt, weil die zwei Hunde wie sie sagt, sonst schon längst aufeinander losgegangen wären. Ich bitte sie, genau dasselbe zu tun, damit sie sieht, dass dies bei ihr, wenn sie sich richtig verhält, genauso verläuft. Alles bleibt entspannt.
„Aber wenn ich einmal nicht dabei bin und die beiden beißen sich?" fragt die Frau ungläubig über das schnelle Ergebnis.
„Wenn Sie die Hunde richtig behandeln, haben sie keinen Grund mehr, sich zu beißen. Beide sind weder dominant noch aggressiv. Es ist eigentlich eher ein Wunder, dass Sie geschafft haben, sie zum Beißen zu bringen." Sage ich halb im Scherz.
Ich möchte jedoch noch sehen, welcher der beiden Hunde hier den höheren Status hat. Mit einer Bewegungseinschränkung zeige ich beiden, dass sie an der Stelle in der Küche bleiben sollen, an der sie gerade sind und verlasse mit der Frau den Raum. Der Jack Russel legt sich hin und rührt sich nicht, der Foxterrier kommt fünfmal hinterher getappert, bevor er in der Küche sitzen bleibt. Er hechelt stark und erlebt offenbar gerade einen starken Kontrollverlust.
Man sieht dem Jack Russel genauso an, wie wenig Wert er darauf legt, Entscheidungen zu treffen, wie man dem Foxterrier ansieht, dass er sich für alles verantwortlich fühlt und gerade für den Schutz der Frau sorgen möchte, die sich seinem Blickfeld entzieht.
„Wir brauchen unbedingt noch einen Termin mit Ihrem Mann", sage ich. „Ich muss ihm selbst erklären, was es für Schaden anrichtet, wenn er den Jack Russel durch übertriebene Zuwendung und Bevorzugung zu einem Status aufbläst, den er nicht hat. Wichtig wäre jedoch auch, dass Sie aufhören, den Foxterrier in eine Beschützerrolle zu bringen, die ihn überfordert. Ihre Kompensationsversuche versteht er ja nicht als solche."
Wir verabreden einen Termin, bei dem auch der Mann da ist und ich bitte sie, ihren Ehrgeiz bis dahin nicht wieder darein zu setzen, ihren Mann von meinen Überlegungen überzeugen zu wollen. Das würde ich gern selbst tun. Da ich seinen Spott kenne, habe ich die Befürchtung, dass er alles, was ich gerade in der Frau an Verständnis für die Situation aufgebaut habe, sogleich wieder einreißt.
„Es ist wichtig, dass zumindest einer von Ihnen sich jetzt erst einmal richtig verhält, damit es keine Missverständnisse unter den Hunden mehr gibt."
Sie schaut mich fassungslos an. „Aber ich MUSS meinem Mann doch erklären, was richtig ist. Er wehrt ja immer alles ab."
„Ich glaube, ehrlich gesagt nicht, dass Ihr Mann überzeugt werden möchte." Ich verschweige, dass ich auch vermute, dass er seinen Spott und sein Misstrauen gar nicht hergeben möchte. Wenn man einem Handwerker, der bisher alles mit einem Hammer erledigte, plötzlich zum Schraubeneindrehen den Hammer wegnimmt, wird er auch nicht gleich auf den Schraubenzieher kommen, sondern empört seinen Hammer zurück haben wollen.
Mir fällt eine kleine Tragikkomödie dazu ein, die sich in dem abgelegenen russischen Dörfchen abspielte, in dem ich mehrere Jahre nach der Wende lebte. Auch dort gab es, in völlig anderer Form, ein Paar mit dieser Struktur. Der alte Kolja brauchte seinen Alkohol, den er, von seiner Sucht abgesehen, auch als Lebenswerkzeug auf gar keinen Fall hergeben wollte. Seine Frau, Nura, kämpfte seit fünfzig Jahren einen vergeblichen Kampf gegen die Trunksucht ihres Mannes. Nichts konnte sie davon abbringen, zu glauben, dass ihre Argumente, Strafen und Drohungen, ihn eines Tages verändern würden. Sie hielt ihm abends zu Hause lange Vorträge, um ihn von der Schädlichkeit des Trinkens zu überzeugen. Man hörte sie bis auf die Straße. Nur Kolja hatte bereits gelernt, wegzuhören.
Sie verfolgte ihn oft durch das Dorf, an die Holzhäuserwände gedrückt, eine Geheimagentin mit Kopftuch, Schürze und Stock, um ihn dabei zu erwischen, dass er bei einer Babuschka Selbstgebrannten kaufte.
Dann erblindete Nura an grauem Star, was ihre Nachstellungen unmöglich machte und ein wochenlanges Komasaufen von Kolja zur Folge hatte, der sich offenbar fühlte, wie einige Jugendliche heute auf dem Ballermann. Daraufhin erfand sie eine neue Strategie. Sie schnappte sich seinen hinteren Jackenzipfel und folgte ihm, so an ihn angedockt, auf Schritt und Tritt. Der gutmütige Kolja ließ sich auch das gefallen und irgendwann geschah es, dass er gelernt hatte ihre Anwesenheit genauso zu vergessen, wie ihre täglichen Vorträge. Er kaufte eine Flasche Samagon, obwohl Nura an seiner Jacke hing. Diese war daraufhin so erbost, dass sie ihn nach Hause schimpfte und prügelte. Kolja hatte die Flasche, die sie nicht sehen konnte, noch immer in der linken Hand und versuchte seine Verprügelung, das Laufen und einige unbemerkte Schlucke aus der Flasche zu vereinbaren.
Ich denke, Sie können keinem Menschen etwas wegnehmen, was dieser nicht hergeben möchte. Sie können nur Grenzen setzen.
Nach dem Hausbesuch erhalte ich eine email der Frau. Sie schreibt mir, wie lange sie sich schon eine berufliche Veränderung wünscht und wie gern sie auch mit Hunden arbeiten würde. Sie arbeitet als Verkäuferin an der Kasse in einem Supermarkt, aber sie traue sich nicht, etwas anderes zu machen. Ermutigt durch meinen Berufswechsel 2000, den sie auf meiner Website nachlas, fragt sie nun an nach Möglichkeiten.
Als ich zum zweiten Hausbesuch eintreffe, hat sich der Mann bereits in Pose gesetzt. Die Beine weit gespreizt, das Becken nach vorn geschoben, sitzt er auf einem Küchenstuhl. Die Arme sind vor der Brust verschränkt und Spott sprüht aus seinen Augen.
Ich erkläre ihm das Ergebnis der letzten Stunde.
„Das hat mir meine Frau schon gesagt", meint er abschätzig.
Ich bitte ihn, dieselbe Übung zu machen, wie beim letzten Mal seine Frau. Er steht betont langsam auf und ruft den Jack Russel. Der springt auf ihn zu, an ihm hoch und schnappt ihn respektlos in den Hemdärmel. Der Mann streichelt ihn.
„Sie haben ihn gerade dafür gestreichelt, dass er respektlos zu ihnen war", sage ich.
Der Mann schnauft und wenn Verachtung schäumen würde, so käme sie ihm sicher aus der Nase.
„Respektlos. Das ich nicht lache. Das macht er nur, weil er spielen will mit mir."
Ich schweige, um die Übung erst einmal zu Ende zu bringen.
„Sehen Sie, der andere Hund bleibt liegen. Bei mir beißen sie sich also nicht!" deutet der Mann auf den Foxterrier, der keine Anstalten macht, ebenfalls beachtet werden zu wollen.
„Ich möchte die Situation einmal umdrehen. Das wäre interessanter. Sie streicheln den Foxterrier und schicken den Jack Russel weg", sage ich ruhig.
Der Mann macht eine wegwerfende Handbewegung, die sagen könnte: Nichts leichter als das.
Er sagt „Sitz" zu dem Jack Russel und ruft den Foxterrier. Dieser blickt erschrocken auf den Mann und bleibt wo er ist. Der Jack Russel stürmt nach vorn und springt an dem Mann hoch.
„Nein, du jetzt nicht", beachtet der Mann den Jack Russel. Woraufhin dieser sich noch größere Mühe gibt, Aufmerksamkeit zu bekommen.
Er bellt ihn an und wedelt herausfordernd.
Der Foxterrier duckt den Kopf ab und rührt sich nicht vom Fleck. „Na komm doch", sagt der Mann irritiert und verliert sofort seine Selbstsicherheit. Der Foxterrier schaut weg. Es ist deutlich zu sehen, dass er unsicher ist und auch Angst hat.
Ich teile dem Mann diese Beobachtung mit.
„Quatsch. Der hat doch keine Angst vor mir. Das ist nur, wenn meine Frau dabei ist. Die verpimpelt den doch", begehrt er auf.
„Das stimmt nicht. Er hat auch sonst oft Angst vor Dir", entfährt es der Frau, die sofort rot wird über ihre eigene Courage.
Der Mann ist nun restlos verstimmt, setzt sich wieder hin und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Aber Schatz, schau doch, er hat doch auch Angst, wenn er mit Dir allein Gassi gehen soll. Er will ja nie mit. Wir wollen doch daran etwas ändern", fleht sie.
Der Mann zeigt deutlich seine Haltung, in dem er die Arme noch enger vor der Brust verschränkt.
Der Frau ist die Situation peinlich und sie bittet darum, dass ich mir die Hunde einmal draußen anschaue, weil der Jack Russel wie verrückt an der Leine zieht.
„Der geht ja gar nie an der Leine", sagt der Mann.
„Eben", antwortet die Frau. „Weil er ja nicht gut läuft an der Leine. Aber wenn wir zu Ausstellungen wollen, muss er das."
„Bei mir wird er laufen", behauptet der Mann.
Kaum hat er den Jack Russel draußen angeleint, springt der wie ein Jojo neben dem Mann auf und ab und beißt in den Griff der Leine oder in den Jackenärmel des Mannes. Der Jack Russel verbittet sich eindeutig Maßnahmen, die ihn in seiner Bewegungsfreiheit einschränken.
„Er will immer spielen", sagt der Mann.
„Das hat mit Spiel nichts zu tun. Er verbittet sich Ihre Führung, weil Sie ihn sonst nicht führen, sondern dazu da sind, ihn zu bespaßen", sage ich.
Ich biete an, zu zeigen, wie der Hund nicht mehr zieht.
Er gibt mir die Leine.
Als der Jack Russel nach vorn gehen will, schiebe ich ihn zackig und mit einer Bewegung vor der Brust nach hinten. Er blickt mich verdutzt an und geht noch einmal nach vorn. Dieses Mal drehe ich mich zu ihm ein, schiebe ihn sehr entschieden (aber ohne Gewalt) nach hinten und gehe sofort locker weiter. Das war`s. Der Hund bleibt hinter mir.
(Eine Sache, die wir in allen Führungskursen in der Hundeschule jedem Hund-Mensch-Team bisher beigebracht haben.)
Die Frau äußert ihr Erstaunen. „Nun schau doch mal. Das ist ja ein Ding. Jetzt läuft der plötzlich an lockerer Leine."
„Na ja, die macht das ja auch den ganzen Tag mit Hunden, deshalb klappt das. Wenn wir das jetzt machen, klappt das nicht", ergänzt der Mann.
„Dann könnten Sie doch jetzt einfach üben. Anders habe ich es auch nicht gelernt."
Der Mann nimmt lustlos die Leine. Sofort schießt der Hund an ihm hoch, zur Seite und nach vorn. Der Mann verfolgt ihn und versucht von hinten auf ihn einzuwirken.
„He, nicht ziehen. Warte. Bleib. Siehste, das klappt nicht, habe ich ja gesagt. Kann ja auch nicht klappen. Wir haben das ja noch nie gemacht, woher soll der Hund das denn jetzt begreifen..." (stark gekürzte Fassung).
Dabei ruckt er an der Leine und der Hund bekommt einen Kehlkopfkrampf.
Ich atme tief durch, unterbreche, schaue den Mann freundlich an und sage: " Sie müssen nicht etwas können, was Sie gerade üben. Dazu ist Üben doch da. Bleiben Sie bitte ganz ruhig und konzentrieren Sie sich einmal nur darauf, was Sie gerade machen wollen. Der Hund will nach vorn, Sie schränken sofort seine Bewegung ein, fertig. Das kann jeder Leithund und jede Hundemama, sonst würden sie ihr Rudel bei Gefahr nicht schützen können. Da Sie kein Hund sind, müssen Sie diese Form erst trainieren. Ein Hund müsste auch sehr lange üben, würde man ihm einen Tango beibringen wollen."
„Ich habe gelesen, dass man an der Leine rucken soll", sagt der Mann.
„Das kann ich mir gut vorstellen", antworte ich. „Das steht tatsächlich in sehr vielen Büchern. Nun rucken Sie aber ja schon eine Weile und ich muss fragen, hat es irgendetwas an dem Verhalten Ihres Hundes geändert?"
Die Frau schüttelt den Kopf, der Mann schweigt beleidigt.
„Darf ich Ihnen das einmal an Ihnen selbst vormachen?" frage ich. Der Mann hebt die Schultern.
Ich fasse ihn am Jackenärmel und gehe los. „Stellen Sie sich vor, Sie sind jetzt der Hund und ich habe Sie an der Leine. Immer wenn Sie irgendetwas tun, was mir nicht gefällt, rucke ich an Ihrem Ärmel." Da ich dies begleitend tue, schaut mich der Mann aggressiv an.
„Ich mache das nur zur Demonstration. Würde ich jetzt noch 10 Mal an Ihnen rucken, wären Sie nur extrem genervt und würden sich sicher fragen, warum ich Ihnen nicht einfach sagen kann, WAS ich will.
Wenn Sie nicht möchten, dass Ihr Hund vorn zieht, müssen Sie seine Bewegung so einschränken, dass er dort gar nicht mehr ist. Das tun Sie nicht mit der Leine, sondern mit sich selbst."
Sobald der Mann die Leine in die Hand nimmt, schießt der Jack Russel wieder nach vorn, bellt und springt an ihm hoch.
„Das ist doch Scheiße. Das klappt nie. Das macht er doch schon immer. Woher soll er denn jetzt auf einmal wissen, dass er es anders machen soll. Das kann ja nicht gehen. Ich kann das auch gar nicht können... „(stark gekürzte Fassung). Der Mann tanzt um den Hund herum und reißt wie verrückt an der Leine.
Die Frau versucht, zu beschwichtigen. „Aber Du hast doch gesehen, dass er es bei Maja sofort verstanden hat. Wir müssen das nur auch so machen, Schatz. Probier es doch nur ein EINZIGES Mal so, wie sie gezeigt hat."
Der Mann schmeißt die Leine auf den Boden.
„Was verärgert Sie so, dass Sie sich nicht gestatten können, einfach einmal genau das zu versuchen, was ich Ihnen zeige?" frage ich.
„Das klappt nicht, auch wenn ich übe", gibt der Mann auf und geht.
Die Frau gerät in große Aufregung.
„Jetzt ist er sauer. Das wird schlimm nachher."
„Ich muss Sie schon fragen, um wen es hier eigentlich geht?" erkundige ich mich. „Um Ihren Mann oder um die Hunde?"
Die Frau schaut unsicher.
Ich sehe sie direkt an und sage vorsichtig.
„Es wäre toll, wenn Sie bei sich bleiben könnten. Wenn Sie Ihr Leben noch einmal durch einen anderen Beruf ändern möchten, dann brauchen Sie Mut. Vielleicht gelingt es Ihnen, die Hunde als Spiegel zu nehmen, wie viel davon Sie schon haben und was noch nicht gelingt. Wenn Sie bei sich bleiben und mit den Hunden gut umgehen, werden die Hunde auch gut auf Sie reagieren, egal was Ihr Mann macht. Überlassen Sie es doch einmal ihm selbst, wie er handelt und dadurch behandelt wird. Die Energie, die Sie hineinstecken, um zu beschwichtigen und zu befrieden, fehlt Ihnen selbst, um etwas zu verändern. Entschuldigen Sie, wenn ich so offen bin, aber Ihre Mail hat mich sehr gerührt und ich möchte Ihnen deshalb darauf auch ehrlich antworten."
Die Frau sieht mich ernst an und nimmt dann die Leine des Jack Russels. Obwohl er auch bei ihr noch mehrfach versucht, sich vorn in die Leine zu hängen, bewältigt sie die Situation ruhig und so, dass erste Erfolge zu sehen sind. Der Hund beginnt, beim Laufen zu ihr zu schauen und auf sie zu reagieren, wenn sie seine Bewegung einschränkt. Es ist nur ihrer schüchternen Art zu danken, dass es noch nicht dauerhaft klappt. Aber sie kann bereits 100 Meter mit einem an lockerer Leine laufenden Hund gehen.
„Wir müssen noch einmal schnell nach Hause. Mein Mann hat das Geld", sagt sie am Ende der Stunde.
Der Mann verhandelt gerade in irgendeiner Debatte etwas mit der Müllabfuhr. Das Geld drückt er mir nach Aufforderung seiner Frau, kommentarlos in die Hand, ohne mich anzusehen.
Einen Tag später erhalte ich mehrere emails der Frau mit Beschreibungen und Fragen zur Hundesituation.
Der Mann zieht den Jack Russel nun noch mehr vor, um zu beweisen, dass das genauso richtig ist. Die Hunde beißen sich seitdem noch öfter, was den Mann mit einer eigenartigen Genugtuung zu erfüllen scheint, wie die Frau berichtet. Die Frau weiß nicht, was sie tun soll.
In ihrem Fall würde ich sehr gern empfehlen, eine Bewegungseinschränkung ausnahmsweise nicht nur bei den Hunden vorzunehmen.
Nur Mut! Hunde, die bellen, beißen bekanntlich nicht.
Paul
Foto: Anette Wiewand-Fotolia.com
Die Absätze des Treppenhauses wirken wie eine Bühne für den letzten Auftritt abgeschaffter Dinge. Ein Tischfußballspiel liegt auf einer lädierten Mikrowelle. In einem Berg von Altkleidern steckt ein Wecker. Ein kaputtes rotes Fahrrad umklammert eine alte Singernähmaschine, die mit einer dicken Staubschicht überzogen ist. Müll und Sperrmüll, wohin das Auge blickt.
An der Tür ist kein Namensschild. Nur ein Daumenbreites Loch in Bauchhöhe, das einen Spion spart. Der junge Mann, der mir öffnet, sieht aus, als hätte er die Nacht durchgemacht auf die eine, oder die andere Art. Sein Gesicht ist aufgequollen, sein Blick müde und abwesend.
Dagegen wirkt der große, muskulöse Weimaraner im Hintergrund sehr munter und in seiner Aggression hellwach. Er bellt sich wütend die Seele aus dem Leib und nur ein Maulkorb hindert ihn daran, noch eine Lautstärke zuzulegen.
Der Grund für mein heutiges Kommen ist, dass Paul bereits Besucher gebissen hat und nicht zur Ruhe kommt, solange sich ein Fremder in der Wohnung aufhält. Außerdem möchte der junge Mann mit seinem Lebensgefährten in eine neue gemeinsame Wohnung ziehen und etwas zur Zusammenführung mit dessen Katze wissen.
Ich kenne natürlich durch meine Arbeit den Anblick von Gebrauchshunden in Wohnzimmern. Border Collies, die aus Verzweiflung die Kinder der Familie, oder vorhandene Meerschweinchen hüten, Schäferhunde, die in Ermangelung einer Aufgabe einen extremen Beschützerinstinkt entwickeln, Jack Russel Terrier, die sich die Pfoten aufknabbern, oder Kläffer werden, weil sie als Arbeitsterrier, der sie sind, nicht verwendet werden.
Der Weimaraner, Paul, jedoch bietet einen Anblick, der mir einen neuen tiefen Stich versetzt. Dieser elegante, wegen seiner hohen Triebstärke von vielen Förstern geschätzte Hund, sitzt in einem von Zigarettenrauch vernebelten, kahlen Zimmer im Prenzlauer Berg und sieht rattenunglücklich aus.
Ich bitte darum, den Hund von seinem Platz zu lassen. Er läuft schnurstracks auf mich zu und rammt mir seinen Kopf in den Bauch. Er wirkt in seiner Wut dennoch sehr unsicher und zuckt sofort zusammen, wenn ich mich bewege. Er tänzelt unruhig vor und zurück und kann sich nicht entschließen, was zu tun wäre. Es muss äußerst frustrierend sein, Dinge für die man sich zuständig fühlt, nicht lösen zu können.
Ich gebe ihm durch den Maulkorb ein paar Stückchen gebratene Pute, die er sehr gern nimmt. Schnell stellt sich heraus, dass Paul sofort ruhig wird, wenn man sich mit ihm beschäftigt und selbst Ruhe ausstrahlt. Bereits nach fünf Minuten lasse ich den Maulkorb entfernen und ich kann mit Paul arbeiten, ohne dass er sich oder seinen Menschen gefährdet fühlt. Während der Beschäftigung mit ihm ist Paul begeistert dabei, sobald diese jedoch aufhört und er auf seinem Platz in Ruhe bleiben soll, steigt der Druck in ihm extrem an. Er fiept, brummt und knurrt in vielfältiger Weise. Seine Reaktion, auch sofort wieder einen Schutzinstinkt aufzubauen, empfinde ich als Übersprungshandlung.
„Das zum Beispiel regt mich total auf." Sagt der junge Mann, der bisher völlig abwesend wirkte, plötzlich aggressiv. „Das macht er Stundenlang. Er nölt, fiept, brummt. Das nervt total."
„Aber Paul kann nicht anders," entgegne ich. „Wenn ich soviel Druck hätte wie er, würde ich einen Stapel Holz hacken, oder 10 km rennen. Paul kann nicht entscheiden, jetzt in den Wald zu gehen. Er muss gerade hier in diesem Zimmer sitzen."
„Ich apportiere mit ihm jeden Tag eine Stunde im Friedrichshain, das muss ja wohl reichen." Sagt der junge Mann genervt.
Eine Pause entsteht.
Ich verdaue nicht nur die Antwort sondern versuche mir auch den jungen Mann an der frischen Luft beim Apportieren vorzustellen. Ich erhalte oft Auskünfte von Kunden, zu denen ich nichts sagen kann. „Er springt sonst nie auf das Sofa." zum Beispiel, wenn ein Hund während meines Hausbesuches mit der Selbstverständlichkeit des Alltages ein Sofa sein Eigen nennt. Je nachdem welchen Draht ich zu den Menschen entwickeln konnte, mache ich einen Scherz darüber oder schweige.
Hier schweige ich. Bestimmte Hunde passen zu ihren Menschen wie Bäume in die Wüste. Es hilft nicht, den Baum immer mal mit einem Tropfen zu gießen, er wird nur umso langsamer verdursten.
Der junge Mann hält sich an seiner Zigarette fest wie ein Ertrinkender. Als sie zu Ende ist, zündet er sich die Nächste in einer solch panischen Weise an, als könnte er in der Zwischenzeit untergehen. Wäre nicht der Hund, ich würde mir Sorgen machen um IHN.
Ich übe mit dem jungen Mann, wie er Paul mit einer Bewegungseinschränkung zeigen kann, dass er auf seinem Platz bleiben soll, wenn jemand kommt. (Beschrieben schon oft in anderen Montagsgeschichten) Ich gehe an die Tür und klingle. Paul schießt an dem jungen Mann vorbei, dieser wird sofort unbeherrscht und schickt ihn in völlig falscher Art und Weise, mit viel Palaver zurück zu seinem Platz. Ich bin ratlos, wie ich mit einem so unkonzentrierten Menschen arbeiten soll.
Wir bitten einen Nachbarn zum Training dazu. Obwohl er am Anfang sehr skeptisch ist, nimmt er bereits nach kurzem sehr wach am Training teil. Er stellt interessierte Fragen und setzt Dinge sofort um. Als er herein kam, war er auf den wütenden Paul zugegangen, hatte gelacht und gerufen: Wau, wau, wau...das kann ich auch" was Paul nur noch wütender machte. Nun hat er aufgehört, Paul anzustarren und übt eifrig „Touch" mit ihm. Der junge Mann sitzt apathisch auf dem Sofa und blickt überdrüssig auf den Hund, der sich sofort wieder aufregt, wenn nichts passiert.
Dass Paul nicht zur Ruhe kommen kann, weil er nach meiner Ansicht, offenbar viel zuviel Ruhe hat, weist der junge Mann von sich.
Der Nachbar bedankt sich bei der Verabschiedung für das, was er gelernt hat, obwohl er gar keinen Hund besitzt. Der junge Mann verabredet eine zweite Stunde in der Wohnung seines Freundes wegen der Zusammenführung mit der Katze. Ich bitte ihn, die Führung, die ich ihm gezeigt habe (beschrieben in vielen anderen Montagsgeschichten) bis zum nächsten Mal zu üben.
Der Aschenbecher ist übervoll, als ich gehe.
Der Freund des jungen Mannes macht einen wachen, offenen Eindruck. Ich schöpfe Hoffnung, als er mir die Tür öffnet.
Paul sitzt wie beim ersten Mal bellend auf einer Decke, der junge Mann steht davor, Paul schießt an ihm vorbei, auf mich zu, rammt mir den Kopf in den Magen. Der junge Mann wedelt unentschieden und hilflos mit den Armen.
Er wirkt noch abwesender als beim ersten Mal und eine Zigarette im Aschenbecher sendet ihren Rauch ungenutzt in den Raum.
„Sie müssen auf Paul aufpassen." Sage ich entsetzt über das absolut nicht vorhandene Trainingsergebnis. „Er kann doch nicht glauben, dass Sie die Situation im Griff haben, wenn Sie immer abwesend sind."
„Ich hatte heute einen schlechten Tag." Erwidert der junge Mann genervt.
„Es wäre trotzdem gut, wenn Sie sich jetzt diese eine Stunde konzentrieren könnten, sonst wäre das Training völlig umsonst."
„So kann ich gar nicht." Ruft er, während Paul sich wie ein wilder zwischen uns gebärdet.
„Wenn Sie das Problem mit Paul lösen wollen, müssen Sie leider wach sein. Paul ist es nämlich." Sage ich bestimmt und ruhig.
„Ich würde Sie auch heute gern darum bitten, nicht zu rauchen. Diese eine Stunde wäre es gut, wenn Sie sich ganz auf Ihren Hund konzentrieren könnten."
Der junge Mann drückt sofort die Zigarette aus und entschuldigt sich. Ich äußere mein Bedauern darüber, dass er einen schlechten Tag hatte und die Spannung lässt nach.
Ich erkläre dem Freund die Führung und er setzt sie gut um. Der junge Mann jedoch reagiert wieder genervt und aggressiv auf den Hund, wenn dieser seinen Platz verlassen will. Ich bitte darum, Paul den Maulkorb abzunehmen und ihn zu mir zu lassen und zeige dem Freund, wie schnell Paul ruhig wird, wenn man etwas mit ihm tut. Wir machen „Touch" und einen „Tupperdosentrick" und Paul ist vollauf damit beschäftigt und ruhig. Sobald er wieder auf seinen Platz soll, beginnt er zu fiepen und zu knödeln. Ist er kurz ruhig, starrt er auf die Katze, die im Fenster liegt.
Es ist überdeutlich zu spüren, dass Paul sich entsetzlich langweilt und ihm sowohl eine seinem Trieb gerechte Beschäftigung fehlt, als auch ein anwesender, wacher Mensch.
„Ich bin kein Führungsmensch. So was kann ich nicht," sagt der junge Mann. „Das muss doch auch anders gehen."
Ich sammle alle Ruhe in mir zusammen, die ich finden kann und sage freundlich: „Sie müssen auch kein Führungsmensch insgesamt werden. Wären alle Hundebesitzer Leitwesen an sich, dann würden alle Siemens leiten oder die Telecom. Ich bin jeden Tag bei ganz normalen Menschen, die keine Führungspositionen inne haben. Und selbst wenn ich zu Menschen komme, die eine Firma leiten oder als Selbstständige ihr Leben entscheiden, können sie oft nicht ihren Hund führen, sonst würden sie mich ja nicht rufen. Das hat einfach damit zu tun, dass sie Menschen sind und keine Hunde.
Es ist aber möglich, in den Bereichen, in denen ein Hund Führung braucht, aufmerksam zu werden und sie ihm zu geben. Das ist eine Frage der Übung und der Bereitschaft. Sie können das auch lernen. Ich glaube, Sie stellen sich Führung viel schwieriger vor, als sie ist. Menschen fühlen sich, wenn sie etwas leiten, meistens IMMER unter dem Zwang, alles zu kontrollieren. Das macht ein Leithund nicht. Er reagiert nur dann, wenn es NÖTIG ist. In der Zwischenzeit bleibt er völlig entspannt. Wenn ich zusammenzähle, wie oft am Tag ich für meine drei Hunde Situationen entscheiden muss, dann sind das vielleicht 10 oder 15. Das betrifft zum Beispiel Straßenübergänge und Hundebegegnungen. In der Zwischenzeit bin ich entspannt und in meinem eigenen Alltag, denn es gibt gar keinen Anlass, zu reagieren. Für gewöhnlich orientieren sich die Hunde an ihrem Leitwesen und man muss ihnen wenig erklären. Meistens muss man ihnen nur mitunter sagen, was sie NICHT tun sollen. Zum Beispiel weiter geradeaus zu laufen, wenn da gerade Glasscherben liegen. Dann muss ich für sie entscheiden, dass sie stoppen sollen und ausweichen. Das ist meine Aufgabe.
Das kann man tatsächlich lernen." Füge ich ermunternd hinzu. „Ich habe es auch erst lernen müssen."
Der junge Mann blickt skeptisch auf den Hund.
„Wie soll das aber mit der Katze gehen, wenn wir zusammen ziehen?" fragt der Freund und schaut auf die Uhr. „Im Moment fürchtet sie sich noch."
„Ich würde ein Babygitter zum Einsetzen in jede Tür, kaufen." Sage ich. Vorerst können Sie dann der Katze jeweils Sicherheit in einem Raum gewähren und sogleich ein Kennenlernen aus der Distanz zwischen ihr und Paul. Sie können sie mit derselben Bürste wie Paul bürsten, damit beide ihre Gerüche gut kennenlernen und die Räume oft wechseln, in denen sich beide aufhalten, damit sie auch dort die Gerüche des anderen kennen lernen können. Ich empfehle noch weitere Dinge und vor allem Geduld. Auch ich saß drei Tage neben meiner alten Katze, Esmiralda, im Busch im Garten, in den sie nach der Ankunft meines Hundes, Viktor, geflüchtet war, um sie zu besänftigen. Nach drei Tagen stieß sie wieder zu uns und in ihren letzten Jahren lag sie oft an Viktor gekuschelt und schlief.
Abschließend versuche ich zusammen zu fassen, was mich sehr viel mehr beschäftigt, als die Zusammenführung mit der Katze.
„Ich glaube, dass Paul ein ganz toller Hund ist und Sie ein netter junger Mann, aber Sie zwei sind unglaublich unterschiedlich. Ich weiß nicht, wie Sie es schaffen können, anwesender zu sein. Sie wirken sehr abwesend. Paul dagegen ist äußerst wach und da. Ich bin ratlos, welche Lösung man da für Sie finden könnte."
„Das hat seine Gründe, dass ich abwesend wirke." Sagt der junge Mann abweisend. Ich spüre, dass er sich weder öffnen will, noch kann. Ich muss das respektieren, doch aus Verantwortungsgefühl dem Hund gegenüber versuche ich, noch weiter Transparenz zu schaffen
„Ich glaube nicht, dass sich an der Situation etwas ändern kann, wenn Sie nur genervt sind von Ihrem Hund und die Gründe für dessen Genervtheit nicht beseitigt werden. Paul wird sich weiter Aufgaben suchen müssen, die Ihnen unlieb sind und Ihren Alltag erschweren, wenn er keine Aufgaben bekommt."
Einen Moment lang blickt mir der junge Mann zum ersten Mal direkt in die Augen. Ich habe wenig Hoffnung, aber in diesem Moment eben doch ein wenig. Der Freund sitzt freundlich und ruhig dabei. Beide bitten um einen dritten Termin nach ihrem Umzug in die gemeinsame Wohnung. Der junge Mann bedankt sich bei der Verabschiedung für die Stunde.
Zwei Tage später erhalte ich folgende Mail von dem Freund des jungen Mannes geschrieben:
„Liebe Maike Maja Nowak,
den Termin am ....in der.....Straße sagen wir ab. Mir ist bis heute nicht klar, was ihr Auftritt bewirken sollte, worin eigentlich Ihre Leistung bestand, au?er ein paar Happen Pute und einer reichlich bauernschlauen Persönlichkeitsanalyse, die überhaupt keinen Spielraum lässt. Ihr Ton ist übrigens in keinem Fall angemessen, aber diese aggressive Arroganz wird Ihrem windigen Metier ja von jeher nachgesagt - gelernt haben Sie ja nichts, also müssen Sie das, was niemand anerkennt ausser Ihresgleichen, dementsprechend progressiv vertreten."
Name Soundso
Der Freund irrt sich. Ich habe etwas gelernt aus diesem Fall. Beim nächsten Mal höre ich darauf, wenn mein Bauchgefühl sagt, dass es gar keinen Zweck hat, zu trainieren. Ich werde nicht wieder, um dem Hund zu helfen, versuchen, einen Menschen zu öffnen, der keine Öffnung wünscht. Leider hat das gar nichts gebracht, außer dem sehr unangenehmen Gefühl, nach zwei sehr anstrengenden Stunden, dem Hund in keiner Weise geholfen zu haben.
Der Chefwechsel
Die Stimme der Frau am Telefon klingt unsicher, freundlich und nach einem älteren Semester. Ihr Hund, Heinrich, maßregelt sie, wenn sie nicht tut, was er möchte. Leider knurrt er sie dazu nicht nur an, er beißt zu.
Das Häuschen, in dem das Paar wohnt, liegt versteckt hinter anderen Häusern, fern von den kleinen Wegen des Ortes, verträumt zwischen Bäumen. Gemütlich sieht es aus und ich würde in ihm vertrauensvoll Schutz suchen, falls dieser notwendig wäre. Eine liebenswürdige, ältere Frau mit klugen Augen öffnet mir die Tür und die Idylle wird nur gestört von einem roten Cocker Spaniel, der an ihr vorbei schießt und sich wie ein Wahnsinniger darüber erregt, dass ich hier eindringen will.
Er rollt mit den Augen, springt vor und zurück (Gott sei Dank auch zurück, das gibt Hoffnung), bellt und schnauft in höchster Wut und zum ersten Mal erahne ich, was mit dem seltsamen Begriff „Cockerwut" gemeint sein könnte, obwohl ich schon viele Cocker kennenlernen durfte, die bissen wie die Teufel.
Dieser hier nimmt es jedoch ganz besonders genau und ich lasse, wie immer in so einem Fall, meine Stiefel an, um bei einem eventuellen Angriff eine feste Schuhsohle bereit zu haben. (Bei einer Bissattacke halte ich den Fuß bzw. die Schuhsohle blitzschnell hin, um andere Körperteile zu schützen.)
Ich gehe an dem rasenden Cocker vorbei in die Wohnung, ohne ihn anzusehen und verlasse mich auf mein Gefühl. Durch optische Signale erhält man sowieso nicht unbedingt einen Hinweis darauf, ob man gebissen wird oder nicht. Ich kenne viele Hunde, die ohne jede erkenntliche Vorwarnung zubissen und andere, die zwar mit viel Getöse warnten, jedoch niemals gebissen hätten.
Ich SPÜRE nur, wann es soweit ist. Neulich stand ich beim Hausbesuch vor einem riesigen Ridgebackmix, der gerade darüber nachdachte, ob er mich beißt, oder nicht. Das Verrückte war, dass ich spürte, dass auch er wusste, dass ich es wusste, dass er darüber nachdenkt und als ich ihm daraufhin selbstbewusst noch einen Schritt Raum abnahm, entspannte sich die Situation sofort. Er oder ich. Das war geklärt.
Heinrich springt bellend an dem Stuhl hoch, den mir die Frau anbietet. Sie dagegen spricht sehr leise und nimmt nicht nur figürlich wenig Raum ein.
Langsam scheint es Heinrich aus dem gewohnten Takt zu bringen, dass ich ihn in keiner Weise beachte. Er zieht sich unter Frauchens Stuhl zurück und grummelt verstimmt.
Die Frau berichtet mir von den letzten Beißvorfällen, die häufig stattfinden, wenn es um Ressourcen geht: Futter, Aufmerksamkeit, Plätze z.B. Sie beschreibt diese Situationen auch, wenn ihre Freundinnen kommen.
„Er stellt sich solange vor meine Freundinnen hin und bellt, bis sie ihm ein Leckerli holen. Wenn sie das Leckerli aber nicht gleich hergeben, beißt er sie. Wenn sie sich auf das Sofa setzen, springt er hinter sie und drängt sie wieder runter."
Tapfere Freundinnen, denke ich bei mir.
„Mein Mann ist vor acht Wochen gestorben", fügt sie plötzlich überraschend sachlich hinzu. Ich bin betroffen und äußere mein Bedauern.
Sie erzählt von der langen Krankheit ihres Mannes und von der jahrelangen Pflege, die sie mit ihm hatte. Ich sehe ihr an, dass es mitunter erst einmal auch eine Befreiung sein kann, wenn schreckliche Umstände aufhören. Egal durch was. Zur Trauer braucht man Kraft.
Sie scheint die ihre in die letzten Jahre gesteckt zu haben und wirkt wie eine Kerze mit einer winzigen, wirklich winzigen Flamme.
„Mein Mann mochte den Hund nicht so. Er war eifersüchtig, dass ich mich auch ihm widme."
Ich bin sprachlos.
„Aber wenn man soviel gibt, braucht man doch dringend irgendwoher auch Kraft. Gut, dass Sie noch Heinrich hier im Haus hatten und nicht nur ihren kranken Mann."
Sie nickt vorsichtig.
Ich beobachte Heinrich aus den Augenwinkeln sehr genau, als ich meine Paradiesdose mit gebratener Pute hervorhole. Vielleicht ist er ja auch bei mir den Meinung, dass ich sie ihm nicht schnell genug gebe.
Klack macht es, als der Deckel der Dose aufgeht. Im selben Moment kommt der Putenwolkenduft unter dem Stuhl bei Heinrich an. Er reißt die Augen weit auf und schießt unter dem Stuhl hervor.
Ich schieße ihm entgegen.
Damit hat er nicht gerechnet. Er schaut mich kurz verdattert an und denkt über die Lage nach. Ich nutze die Chance, um die Dose auf den Boden zu stellen und warte.
Er macht einen vorsichtigen Schritt nach vorn und weicht sofort zurück, als ich ihm mit einem Warngeräusch Stopp sage und ihn streng anblicke.
Er setzt sich.
Ich nehme ein Stück Pute und gehe, ohne mich nach Heinrich umzusehen, von der Dose weg. Dann drehe ich mich um, hocke mich hin und rufe ihn zu mir. Er fragt mit vorsichtigen, ruckartigen Vor- und Rückwärtsbewegungen noch mehrfach an, ob er jetzt wirklich kommen darf. Ich ermuntere ihn mit weicher (nicht hoher!) Stimme und er schleicht geduckt, in einem großen Bogen an der Dose vorbei zu mir.
Wie soll ich der Frau sagen, dass ihr Hund eine Luftnummer ist. Er muss irgendwann einmal durch Zufall entdeckt haben, wie gut er an alles kommt, wenn er einfach zubeißt. Vom Wesen her jedoch ist er sehr unsicher und unterwürfig. Er bräuchte dringend eine souveräne Führung, um sich sicher und gut zu fühlen und um seine schlechtgelaunten Maßregelungen, die aus den ungeklärten Verhältnissen entstanden sind, zu beenden.
Heinrich leckt mir das Kinn und wedelt mit kleinen unterwürfigen Schwanzbewegungen. Die Frau sitzt da und ist sprachlos über ihren Hund.
Vorsichtig versuche ich ihr das Missverständnis zwischen ihr und Heinrich klarzumachen. Heinrich ist kein Hund, der nur Liebe braucht und Beschmusungen will, er braucht vor allem Grenzen und einen Halt.
Einen Moment lang denke ich, dass dieses Projekt zum Scheitern verurteilt ist, wenn ich die schüchterne alte Frau ansehe. Dann jedoch kommt mir ein ganz anderer Gedanke. Wann, wenn nicht jetzt, ist die Chance, sich Raum zu erobern, sich Neues zu erobern.
Frauen, besonders diesen Semesters, lernen, empfindsam zu sein, mitzufühlen, sich in andere hineinzuversetzen, gute Laune zu verbreiten, auszugleichen, emotional zu versorgen. Sie lernen nicht, etwas zu verlangen, sich dabei gut zu fühlen, Entscheidungen zu treffen, Wünsche zu äußern.
Warum sollte bei dieser Frau diese Lebenswende hier nicht ein neuer Anfang sein.
Ich zeige ihr die Übung (schon beschrieben in anderen Fällen) und bitte sie, dasselbe mit Heinrich zu tun. Sie blickt angstvoll auf den Hund und ist ganz starr.
„Sie brauchen keine Angst zu haben. Er wird Sie NICHT beißen. Ich verspreche es Ihnen," sage ich mit voller Überzeugung.
Sie stellt die Dose vor sich hin und macht, als Heinrich darauf zugeht, eine sehr vorsichtige, ängstliche Bewegungseinschränkung. Selbst diese genügt, dass Heinrich zurück weicht. Ich weiß nicht, wer erstaunter blickt. Heinrich, weil sein Frauchen nicht ausgewichen ist oder die Frau, weil Heinrich nicht an die Dose geht. Wir machen noch weiter Übungen mit Bewegungseinschränkung und zum Schluss der Stunde liegt Heinrich auf dem Rücken in einem Hundebett, das er laut Aussage von Frauchen bisher wacker verweigert hatte, um das Sofa zu besetzen und streckt alle vier Pfoten in die Luft.
Ich empfehle der Frau noch Yoga oder anderen Sport, damit sie ein besseres Körpergefühl entwickeln kann und verabschiede mich bis zum nächsten Termin.
„Eine Woche lang war der Geist von Maja hier", begrüßt sie mich "dann ging alles wieder von vorn los."
„Ich glaube nicht, dass es mein Geist war, sondern eher der Ihre. Sie scheinen eine Woche lang einiges anders gemacht zu haben", antworte ich lachend.
Wir wiederholen die Sache mit dem Futter und der Bewegungseinschränkung und beides klappt sofort. Da Heinrich dieses Mal schneller zur Ruhe kommt als beim ersten Mal, fällt mir noch mehr auf, wie unsicher und ängstlich er ist. Bei jedem lauten Geräusch schießt er unter dem Stuhl hervor und bellt hysterisch. Egal wer von uns beiden eine heftigere Bewegung macht, er bellt und blickt ängstlich in die Runde.
Heinrich schaut einem niemals in die Augen und mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken, als er es das erste Mal tut. Es geschieht mehr aus Versehen. Ich stehe vor ihm und mache gar nichts. Er schaut eine ganze Weile auf meine Beine und plötzlich wandert sein Blick hoch zu meinen Augen. In ihm liegt etwas zutiefst Verstörtes, Verkniffenes, auf beängstigende Weise Misstrauisches. Mich trifft sein Blick bis ins Mark und ich wende mich ihm umso freundlicher und ruhiger zu. Er fasst schnell Vertrauen. Wie so oft viel schneller, als es ein Mensch mit demselben Blick je könnte. Ich habe das Gefühl, dass Heinrich bisher sehr allein war in SEINER Welt.
„Ich kann nicht in der Küche auf der Sitzbank sitzen", sagt die alte Frau. „Auch da beißt er mich."
Wir gehen in die Küche. Sie zeigt auf die Bank. „Sehen Sie, da hat mein Mann immer gesessen, weil man von diesem Platz den besseren Ausblick hat. Jetzt wollte ich den Ausblick genießen und nun sitzt Heinrich dort und beißt mich, wenn ich dorthin will."
Chefwechsel, denke ich, nur in die falsche Richtung.
Auch jetzt sitzt Heinrich auf der Sitzbank und blickt herausfordernd zu der Frau. Ich gehe auf ihn zu und sehe einen Moment lang seinen Impuls, nach vorn zu gehen. Ich setze mich neben ihn, wische ihn mit einer einzigen Hüftbewegung, ohne ihn anzuschauen von der Bank und gähne demonstrativ, um zu betonen, wie selbstverständlich das für mich ist. Ich fege quasi den ganzen Tag Hunde von Bänken und Sofas. Natürlich übertreibe ich, damit die Frau wenigsten ein Zehntel davon umsetzt, denn tatsächlich braucht es gar nicht mehr bei Heinrich.
Der liegt jetzt unter dem Tisch zu meinen Füßen und hat friedlich den Kopf abgelegt.
Um ihn noch einmal auf die Bank zu locken, damit die Frau üben kann, gehen wir wieder in die Stube, zurück in die Küche und die Frau setzt sich auf die Bank. Sofort springt Heinrich hoch, klettert ihr von hinten auf den Rücken und will sie abdrängen.
„Zack, mit der Hüfte runterschmeißen!" ermuntere ich sie.
Vorsichtig berührt sie mit ihrer Seite den verärgerten Heinrich, der ja alles richtig macht, weil bisher ER der Leithund war und zu bestimmen hatte, wem welche Ressourcen gehören.
„Viel energischer!" rufe ich bestimmt, denn Heinrich holt gerade knurrend tief Luft, um zu beißen. Bscht, warne ich ihn energisch. Er hört sofort damit auf und ist verunsichert.
„Los, jetzt noch einmal."
Die Frau schiebt ihre Hüfte in ihn rein, er verliert eher aus Versehen das Gleichgewicht und rutscht von der Bank.
Danach verlässt er sofort die Küche, legt sich in das ehemals ungeliebte Hundesofa.
„ Das ist nur, weil Sie hier sind", sagt die Frau ungläubig.
„Gut, ich gebe zu, dass er Sie gebissen hätte, wenn ich nicht dabei gewesen wäre. Aber das lag nur daran, dass Sie zu zögerlich waren. Wenn Sie bestimmter auftreten kann Heinrich Ihnen einfach glauben, dass Sie eine Idee davon haben, wie man ein Rudel führt und schützt."
Ich setze mich zu der Frau auf die Bank und übe mit ihr Runterschmeißen mit Schmiss. „Sie dürfen sich Raum nehmen und alles, was Sie möchten. Sie entscheiden hier und Heinrich genießt dadurch den Luxus, keine Entscheidungen mehr treffen zu müssen. Er darf sie anhimmeln und ein ruhiges, beschütztes Hundeleben führen."
Dieser Satz scheint eine Initialzündung bei der Frau zu bewirken. Sie entwickelt plötzlich eine, mir ganz neue Bestimmtheit und ich falle fast auf den Hintern, weil ich mit soviel Schmiss dann doch nicht gerechnet habe.
Selten jedoch habe ich mich so gefreut, von einer Bank geworfen zu werden.
Bei unsere Verabschiedung bis zum nächsten Termin blickt sie mich ernst an und sagt bedeutungsvoll: „Ich gehe jetzt übrigens zu Miss Sporty."
Der Überfall
Meine Mitarbeiterin, Freerke de Buhr, informierte mich aufgeregt von dem Inhalt einer Mail, die im Büro des Dog-Institutes eingegangen war.
„Du, da ist etwas ganz Furchtbares passiert. Ein Mann ist in seiner Wohnung überfallen worden und sein Hund war dabei. Jetzt hat nicht nur der Mann, sondern auch sein Hund ein Trauma. Kannst Du da bald helfen?"
Ich rufe sofort bei der angegebenen Nummer an und erfahre folgende Geschichte. Ein Mann, der am Kudamm wohnt, ging mit seinem Lebensgefährten und seinem Hund zu einem Bankautomaten, um eine größere Summe Geld abzuholen. Der Mann ist von Geburt an halbseitig gelähmt und geht an einem Stock. Sie sind bereits wieder in der Wohnung, als es klingelt. Der Lebensgefährte öffnet, zwei bewaffnete Männer dringen ein, überwältigen die zwei Wohnungsinhaber, fesseln sie und rauben sie aus. Der Hund bellt während der ganzen Zeit hysterisch, weicht aber angstvoll vor den Angreifern zurück. Vielleicht hat ihm diese Angst das Leben gerettet, wäre er nach vorn gegangen, möchte ich mir nicht ausmalen, was hätte passieren können.
„Wir waren mit Lulu beim Tierarzt, weil sie seitdem Panikattacken hat, wenn Besuch kommt, oder Geräusche im Treppenhaus und Flur sind. Die Tierärztin stellte ein Trauma fest und empfahl uns, zu Ihnen zu gehen, um Lulu mit einer Verhaltenstherapie zu helfen", erzählt der Mann zu meiner Überraschung sehr ruhig und gefasst.
„Erhalten Sie selbst auch therapeutische Unterstützung?" frage ich nach.
„Ja, der weiße Ring hat uns einen Therapeuten zur Verfügung gestellt und wir haben den Vorfall, so weit es geht, verarbeitet. Natürlich ist es immer noch so eine Sache, wenn es an der Tür klingelt und wir auf der Straße im Dunkeln sind, aber es geht alles schon wieder viel besser. Wichtig ist jetzt Lulu, deren Angst immer schlimmer geworden ist statt besser."
„Das Wesen solcher Ängste ist leider, dass sie immer schlimmer werden, wenn man sich nicht mit ihnen auseinander setzt. Gut, dass Sie für Lulu Hilfe suchen." 
Wir verabreden einen Abendtermin.
Der Mann, der mir öffnet, wirkt zart und hat das Gesicht und die Ausstrahlung eines Schöngeistes aus früheren Zeiten. So stelle ich mir einen Dichter bei Hofe vor.
Die Wohnung ist gemütlich eingerichtet, ein Fernseher ist nicht in Sicht, dafür jede Menge Bücher.
Ich bin erstaunt, wie geschickt der Mann sich mit seiner halbseitigen Lähmung bewegt und wie wenig davon zu sehen ist. Es erfordert ein genaues Hinschauen, den starr angewinkelten Arm mit der abgebeugten Hand zu bemerken. Er verkörpert diese Haltung mit so großer Anmut, dass sie etwas Elegantes ausstrahlt. Wie ein Mensch, der beim Teetrinken, vornehm den kleinen Finger abspreizt.
Sein Lebensgefährte ist das ganze Gegenteil von ihm. Wer Alexis Sorbas gesehen hat, weiß wovon ich spreche. Haben Sie diesen wunderbaren Film jedoch verpasst, stellen Sie sich einen kraftvollen, sinnlichen Naturburschen vor, mit blitzenden Augen und Bewegungen, die in keiner Weise Nebensächlichkeiten pflegen.
Der Lebensgefährte spricht hervorragend Deutsch mit einem, mir sehr lieben, slawischen Akzent.
Unsere Begrüßung wird übertönt vom tosenden Gebell eines offenbar großen Hundes. Bevor ich Lulu sehe, höre ich bereits ihre Panik und dass sie gerade einen absoluten Kontrollverlust erlebt. Das Bellen schnappt über, kippt um in ein verzweifeltes Winseln, mit dem Versuch, sich in eine aggressive Drohung zu steigern, die sofort umschlägt in hysterische Angst.
Dieser Eindruck wird vom Auftauchen Lulu`s bestätigt. Eine Rotweiler-Schäferhundmischung schießt auf mich zu, rammt kurz in mich herein und geht ängstlich wieder zurück. Sie versucht, mir mit Bewegungseinschränkungen den Weg in die Wohnung zu versperren und versucht immer wieder, mich mit Drohgebärden abzuschrecken. Ihre Schnauze berührt mich mehrfach mit hochgezogenen Lefzen. Ich spüre jedoch nicht ihre Zähne. Eine durch alle Angst hindurch spürbare Sanftheit in ihrem Wesen, hindert sie offenbar daran, mich in ihrer Panik zu beißen.
Dass sie sich diesen Zug trotz des traumatischen Erlebnisses erhalten konnte, zeigt wieder einmal, wozu Hunde fähig sind.
Wir müssen sehr laut sprechen, um die aufgeregte Hündin zu übertönen. Ich spüre jedoch, dass allein schon mein Ignorieren sie etwas beruhigt. Ich zücke auf dem Sofa wie nebenbei „das Hundeparadies auf Erden" aus meiner Tasche und die Tupperdose mit frisch gebratenen Putenstückchen weckt sofort die Aufmerksamkeit der Hündin. Ich werfe Futter, ohne Lulu anzuschauen, weg von mir auf den Boden.
Sie holt sich die Beute sofort und behält mich dabei genau im Blick. Das ist ein sehr gutes Zeichen, denn wenn die Angst eines Hundes groß ist, frisst er oft nichts und es ist sehr schwierig, ohne diese Brücke an ihn heran zu kommen.
Sobald ich sie anschaue, bellt sie mich hysterisch an.
Schaue ich jedoch weg, holt sie das Futter bereits aus meiner Hand.
So beginne ich nach wenigen Minuten mit der ersten Übung. Ich möchte sehen, wie schnell Lulu bereit ist, wieder Vertrauen zu fassen, wenn man sich ganz ruhig und souverän zeigt.
Es ist wichtig, ihr zu vermitteln, dass ich weiß, was ich tue und was ich will. Ich habe einmal einen TV-Trainer gesehen, der in so einem Fall hockend, mit abgewandtem Rücken, die Hand nach hinten haltend immer wieder sagte: Ich tu dir nichts. Ruhig. Woraufhin der angesprochene Hund fast kollabierte.
Stellen Sie sich vor, Sie hätten Angst vor kleinen Männern mit Strubbelhaaren. Es klingelt, Ihre Frau/Mann öffnet und lässt einen kleinen Mann mit Strubbelkopf in Ihr Wohnzimmer. Der hockt sich abgewandt von Ihnen auf den Teppich und sagt: „Ich tu dir nichts. Ruhig."
Es mag wohl einen beruhigenden Effekt haben, dass der Mann nicht auf Sie zugestürzt kommt und Sie anschreit, aber unheimlich bleibt an dem hockenden Wesen, dass es nicht verrät, was es ÜBERHAUPT für Absichten hat und ob es vielleicht im nächsten Moment doch losstürzt.
Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es Vertrauen schafft, sich zu zeigen. Nicht nur bei Hunden.
Indem ich hier Lulu deutlich und ruhig klarmachte, dass sie an einer bestimmten Stelle bleiben soll und mit mir sofort rechnen muss, wenn sie es nicht tut, zeige ich ihr: Wenn ich etwas tue, nehme ich die Dinge ernst.
Dadurch kann sie mir auch zutrauen, dass ich Situationen ernst nehme, die für sie selbst bedrohlich scheinen.
Sie beobachtet mich genau und setzt zwei Pfoten nach vorn.
Ich warne sie mit einem Warngeräusch und gehe sehr bestimmt auf sie zu, als sie weiterläuft. Ich bleibe dabei aber völlig ruhig.
Ich nehme die Dinge nicht nur ernst, sondern ich bleibe dabei auch völlig ruhig, möchte ich ihr damit sagen.
Sie könnte mir in einer Gefahrensituation nicht vertrauen, würde ich schon jetzt hektisch reagieren. Souveränität zeigt sich im Alltag gerade in den kleinen Dingen.
Tatsächlich bleibt sie nach kurzer Zeit an jeder Stelle, die ich ihr, ohne ein Wort, nur mit einer leichten Handbewegung zuweise. Sie beginnt, mir zu vertrauen.
Ich möchte diese wortlose Form der Führung dem Mann beibringen. Dazu bitte ich, Lulu in den Nachbarraum zu bringen. Ich habe Angst, dass sie wieder in Panik gerät, wenn ich zackig auf ihn zulaufe, damit er an mir eine Bewegungseinschränkung übt.
Der Mann hat wie jeder Mensch anfangs die Schwierigkeit, diese neue Form des Kommunizierens umzusetzen und alles Gerede wegzulassen.
Ich versuche es ihm noch einmal so deutlich zu machen.
„Auch wir agieren jeden Tag mit Bewegungseinschränkungen und verbinden damit Status und Energie eines Menschen. Wenn wir auf einer vielbelebten Straße laufen, entscheiden wir die ganze Zeit, ob wir selbst einem anderen ausweichen oder ob dieser es tun wird. Kommt ein in sich zusammen gesunken wirkender Mensch auf uns zu, werden wir sehr wahrscheinlich nicht ausweichen. Ist der Gang eines Menschen sehr forsch, oder aggressiv, liegt es an uns, wie wir uns entscheiden. Wollen wir es auf einen Machtkampf ankommen lassen, riskieren wir eine Rempelei. Sind wir souverän, werden wir einem solchen Menschen ausweichen.
Fast immer jedoch erledigt unser Unterbewusstsein diese Entscheidung. Selten denken wir bewusst darüber nach. Weil dieses sehr viel weiser ist, als das Wissen, auf das wir bewusst zugreifen können, stoßen wir auch fast niemals zusammen."
Ähnlich agieren Hunde. Sie nehmen die Energie ihres Gegenübers wahr und reagieren darauf.
Der Mann lernt schnell und ist nur unsicher, weil er sich selbst durch die Behinderung Langsamkeit in den Bewegungen unterstellt. Ich kann das nicht feststellen. Er bleibt jedoch angespannt und ich befürchte, dass Lulu ihm so nicht zutraut, dass er einen möglichen Angriff künftig souverän abwehrt, oder ihm ausweichen kann.
Es geht jedoch genau darum. Wenn der Hund sich nicht sicher fühlt DURCH seine Menschen, wird er selbst versuchen müssen, die potentiellen Angreifer abzuwehren. Ziel ist, dass Lulu sich an ihren Menschen orientiert und durch sie erfahren kann, ob es sich überhaupt um eine Gefahr handelt, wenn Besuch kommt. Außerdem braucht sie eine Information, was sie dabei zu tun hat (z.B. auf ihrem Platz zu bleiben).
Wir holen sie wieder herein und ich bin erstaunt, wie zutraulich sie sofort auf mich zukommt und habe dadurch große Hoffnung für die Arbeit.
Der Mann übergibt an seinen Lebensgefährten. Er muss erst einmal im Kopf sortieren, was ich gut verstehe. Da er offenbar auch sonst viel mit dem Kopf gestaltet, kann er nicht von einer Sekunde auf die nächste einem Gefühl folgen.
Der „Alexis Sorbas" Lebensgefährte wiederholt meine Übung vom Anfang. Er soll auf Lulu zugehen, bis sie an einer bestimmten Stelle steht, ihr in der Luft eine Bewegungseinschränkung zeigen, weggehen und Entspanntheit demonstrieren.
Ich richte mich auf Korrekturen ein. Nichts davon ist nötig. Der Lebensgefährte hat nur durch das bisherige Zusehen alles im Blut.
Seine Bewegungseinschränkung ist so freundlich und bestimmt zugleich, dass es mir die Sprache verschlägt. Er bewegt sich danach lässig und völlig entspannt von der Hündin weg, reagiert aber sofort mit einem Warngeräusch, als diese loslaufen will. Sie setzt ihren Hintern sogleich wieder hin und blickt ihn ehrfürchtig an. Ich ebenso.
Wir alle sehen, dass man Vertrauen in diesen ruhigen, kraftvollen Menschen setzen kann.
Es klingelt. Der geplante Trainingsbesuch kündigt sich an. Ein Freund war geladen, der jedoch kurzfristig absagen musste und so springt ein gewisser Helmut ein, der in derselben Straße wohnt und gern bereit war, von der Couch aufzustehen, wie er sagt.
Lulu hat eine Schlüsselbandschlaufe an ihrem Halsband, an der sie der Lebensgefährte, wie zuvor abgesprochen, zügig zu ihrem Platz bringt, als es klingelt. (Greifen Sie bitte in so einer Situation nie in das Halsband, das wäre als drückten Sie den Einschaltknopf zur Aggression.)
Der Lebensgefährte macht eine Bewegungseinschränkung und stellt sich demonstrativ vor den bellenden Hund. Der andere Mann öffnet die Tür.
Ein polternder Riese kommt herein. Seemänner stellt man sich so vor, oder alternde Cowboys, wobei beide Gattungen ruhiger sind.
Helmuts Augen bekommen einen eindeutig heterosexuellen Glanz, als er mich begrüßt. „Ach, na so wat. Tach auch, anjenehm", sagt er, während er meine Hand zerdrückt und mir auf den Busen blickt.
„Schön das Sie uns helfen", antworte ich und bitte ihn Platz zu nehmen und den Hund nicht anzuschauen.
„Neben Ihnen jern," wird er forscher und lässt sich neben mich auf das Sofa fallen. Er ist sicher 1,90 Meter und wirkt trotz seiner vielleicht sechzig Jahre noch stark wie ein Bär.
Eine echte Herausforderung für Lulu.
Diese jedoch hört nach ein paar Bellern auf, legt sich, den beschützenden Mann vor sich, in ihrem Körbchen hin und den Kopf ab.
Ihre beiden Menschen sind sprachlos. Der Lebensgefährte geht vom Korb weg, setzt sich auf die Couch, Ruhe. Das andächtige Schweigen wird von Helmut unterbrochen.
„Nu, was soll denn dat hier sein. Dat is doch normal, dat ein Hund bellt, da brauch man doch nich so ´nen Herrmann zu machen. Ick hatte selbst zwee Schäferhunde, die ham pariert. Da gab`s nischt."
Der Mann versucht ihm klarzumachen, wie die Reaktion von Lulu sonst ist und noch bei meinem Eintreffen vor einer dreiviertel Stunde war.
„Hm," kommt es ungläubig zurück.
„Ham se das jelernt?" werde ich gefragt. Ich beantworte die Frage positiv.
„Aber `n hübsches Mädel sind`se" sagt er mir fast Fünfzigjährigen.
„Na immerhin etwas", antworte ich.
Ich schlage vor, dass Helmut noch einmal kommt.
Bei seinem zweiten Klingeln bellt Lulu, hört aber sofort damit auf, als der Lebensgefährte ihr eine Bewegungseinschränkung gibt und sich vor sie stellt.
Helmut stapft an Lulu vorbei und haut sich auf das Sofa neben mich, so dass ich einen Hopser mache. „Iss ja langweilig", kommentiert er das erfreuliche und schnelle Ergebnis von der guten Führung des Lebensgefährten.
„Wir könnten mit „Touch" noch eine weitere Annäherung an den Besuch erreichen." Ich erkläre die Funktion dieser Konditionierung und warum dadurch ein Hund die Kontrolle über eine Situation gewinnt, in der er sonst einen Kontrollverlust hat. (Beschrieben bereits in der Geschichte „Die Genauigkeit in Hundeperson")
Ich halte Lulu meine Hand hin, warte, bis sie sie mit der Schnauze berührt und gebe ihr erst dann aus der anderen Hand ein Leckerli. Sie versteht sehr schnell und bereits nach kurzem kann ich durch den Raum gehen, meine Hand irgendwohin halten, „Touch" sagen und sie stupst mit der Nase daran. Egal wie ich mich auf sie zu oder von ihr weg bewege, sie zeigt keinerlei Angst mehr, denn sie ist völlig konzentriert auf diese Lernübung und ihre Erfolgserlebnisse. Ich gehe zurück zum Sofa und zeige, wie man nun die eigene Hand über die Hand des Gastes halten kann und weiter „Touch" macht.
Helmut gibt mir mit dem Handrücken Morsezeichen in meine Handinnenfläche, die offenbar seine Begeisterung an der Berührung ausdrücken sollen.
Lulu macht weiter Touch an meiner Hand, knurrt Helmut jedoch sofort an, wenn ich seine Hand freigebe, damit sie diese berührt.
„Sie dürfen sie nicht ansehen", beschwere ich mich bei ihm.
„Du kannst mich ruhig Duzen", ist seine Antwort.
Ich beschließe, die Stunde zu beenden, damit wir jetzt keine Rückschritte machen. Während ich die Stunde zusammenfasse, geht Lulu von ihren Menschen zu mir hin und her und stupst uns mit der Schnauze an die Hand, um die Übung fortzusetzen. Als niemand reagiert, legt sie sich vor meine Füße und betreibt Knopfaugen-Hypnose. „Hast Du noch was auf Lager?" scheint sie zu sagen.
Wir verabreden einen neuen Termin zur Fortführung der Therapie und zu einer Einzelstunde mit dem behinderten Mann. Er braucht dringend Unterstützung in seinem Glauben an die Fähigkeiten, die er hat, was den Hund und seine Führung betrifft.
Helmut muss ganz dringend aufbrechen, als er hört, dass ich gehe.
Auf der Straße ist er jedoch plötzlich sehr schüchtern. Ich hatte mit allem gerechnet nur nicht damit. Er schleicht, zu mir schielend, neben mir her und wartet auf eine Reaktion. Ich habe Feierabend, auch von Helmut.
Auf dem Heimweg denke ich über Lulu nach und über das Glück, dass sie einen so souveränen Menschen wie den slawischen „Alexis Sorbas" an ihrer Seite hat, der ihr heute durch sein sicheres Auftreten so schnell helfen konnte.
Hunde können Dinge, zu denen wir Jahre bräuchten. Von einem Moment auf den anderen etwas zu ändern, wenn sich die Umstände ändern, dass ist gewiss nicht unsere größte Gabe. Ausgerechnet das Denken, auf das wir so stolz sind, hindert uns daran, diese Fähigkeit zu besitzen. Wir könnten nicht glauben, dass ein Nachbar, der bisher immer unfreundlich war und eines Tages plötzlich freundlich ist, sich über Nacht geändert hat. Wir DÄCHTEN sofort: Was führt er im Schilde? Was hat er vor? Was will er?
Ein Hund freut sich, dass der Mann, der sonst so unfreundlich war, es jetzt nicht mehr ist. Punkt.
Da kann man etwas von Hunden lernen. Vielen Dank Lulu.
Ich beiße, wenn ihr beißt
Bello ist ein roter Cocker Spaniel von sieben Monaten. Sein Gemüt jedoch ist, laut Aussage seiner Menschen, nicht so zart, wie sein Alter.
„Mein Mann und ich sitzen abends vor dem Fernseher und wenn einer von uns beiden aufsteht, beißt er uns. Aber richtig! Er zwickt nicht nur. Er beißt richtig zu. Wir sind dann vor dem Fernseher gefangen."
Nun gibt es ja auch andere Formen von Gefangenschaften vor dem Fernseher, wie zum Beispiel die Sucht danach, aber sie beißen nicht.
Wir verabreden einen Termin um 20.00 Uhr zur Tagesschau.
Ich komme mir ein wenig vor, wie die Kindernanny im Fernsehen, als ich so in der Tür lehne und beobachte, wie das Ehepaar einträchtig nebeneinander in seinen Sesseln sitzt und Fernsehen schaut. Bello liegt friedlich zusammengerollt zu ihren Füßen und schläft. Ein völlig harmonischer Anblick, bei dem niemand auf die Idee käme, dass derselbe Hund im nächsten Moment fest zubeißt.
Der Mann weiß Bescheid, stöhnt und blickt auf den Hund.
„Aber er beißt mich doch." sagt er offenbar in der Hoffnung, seine Frau würde von ihrer Forderung ablassen.
„Na, aber sonst beißt er mich!" deutet sie sich mit dem Zeigefinger empört auf die Brust.
Diese Betrachtungsweise übersteigt die Rhetorik des Mannes.
„Guter Hund" flüstert er beschwichtigend, als er vorsichtig ein Bein anwinkelt, um aufzustehen.
Zack, schießt Bello`s Kopf herum und der Mann wird auf das Heftigste gemaßregelt, weil er den Fuß bewegt hat. Er setzt sich sogleich wieder hin und hält sich das schmerzende Bein.
„Siehst du, er hat mich gebissen." Sagt er zu seiner Frau.
„War ja klar, deshalb haben wir die Frau Nowak ja hier." Antwortet sie gelassen.
„Aber sie müssen doch irgendwann einmal aufstehen. Wie haben Sie das denn bisher gelöst?" frage ich neugierig.
Die Frau hält kommentarlos einen Maulkorb in die Luft.
Ich setze mich nun auf die Couch, (in der Hoffnung, ich darf sie später auch wieder verlassen) und erfrage andere Alltagssituationen.
Schnell stellt sich heraus, dass Bello den gesamten Alltag des Ehepaars kontrolliert. Er bewacht beide auf Schritt und Tritt und entscheidet, wann er Ressourcen wie Nähe, Futter und Spiel zu bekommen hat,- eben das volle Programm, was einem Hund zusteht, der sein Rudel führt.
„Aber ich bin doch der Chef" sagt die Frau entgeistert. „Wieso sieht er mich denn nicht als Rudelchef?"
„Weil sie sich in den Augen des Hundes nicht kompetent benehmen." Sage ich ruhig.
(Sie hatte mir bereits am Telefon erzählt, dass sie den Hund schlägt, sobald er beißt und ihn auch anschreit.)
„Klar bin ich kompetent." Wird sie ungemütlich.
„Sie mögen als Mensch in einigen Bereichen kompetent sein. Ein Hund jedoch macht Kompetenz daran fest, wie gut man sich in SEINER Welt auskennt. Ich zeige es ihnen einmal an einer einfachen Übung, ok?" schlage ich freundlich vor.
Die Frau blickt mich skeptisch an.
„Bitten sie ihren Hund doch einmal, an einem bestimmten Platz zu bleiben. Vorher machen sie ihm natürlich den Maulkorb um, damit er nicht noch einmal beißt."
„Da bleibt er sowieso nicht," sagt die Frau, während sie den Maulkorb umbindet.
„Für eine Hundemama, oder einen Leithund ist es eine der leichtesten Übungen, dass alle Hunde im Rudel an einer ihnen zugewiesenen Stelle bleiben. Stellen Sie sich vor, eine Hundemama, die ihre Welpen im Freien großzieht, weil sie auf der Straße lebt, würde es nicht schaffen, ihren Kleinen zu verstehen zu geben, dass sie an einer geschützten Stelle bleiben sollen, während sie auf Nahrungssuche geht. Sie würde die Welpen allen Gefahren preisgeben."
Die Frau denkt nach. Ich spüre, dass sie ein wenig aus dem Konzept kommt. Um aus dieser Talfahrt herauszukommen, schnappt sie sich den Hund, zerrt ihn am Halsband auf seinen Platz und schreit: „Bleib!!!!!!! Da bleibst du!!!!!" Dabei starrt sie ihn aggressiv an und hält ihren ausgestreckten Arm beschwörend als Abstandhalter vor sich.
Bello kriecht drei Schrittchen auf sie zu.
„Zuuuuuuuuuuuurück!!!" schnauzt sie zackig.
Bello klemmt die Rute ein und bringt sich unter dem Stubentisch in Deckung.
„Wuuuu, wuuuu, wu!" beschwert er sich über die Attacke, soweit es der Maulkorb zulässt.
„Sehen sie," sagt die Frau fast triumphierend, „er bleibt nicht und jetzt bellt er mich sogar noch frech an."
„Er hat Angst vor ihnen." Sage ich ruhig und blicke sie fest an.
„Quatsch." Sagt sie wegwerfend und weicht meinem Blick aus.
„Sie haben gerade in der Hundesprache etwas völlig anderes ausgedrückt, als sie sagen wollten. Ich möchte sie hier nicht vorführen. Sie haben alles so gemacht, wie es andere Hundebesitzer auch machen, aber ihr Hund hat gerade alles richtig gemacht und sie alles falsch."
Der Mann im Sessel meldet sich zurück. „Ach, was meinen sie denn damit?" fragt er sehr interessiert und aufgeschlossen.
Ich baue mich vor der Frau auf, gehe dabei zurück und blicke sie an.
„Einem Hund sagen sie mit dieser Körperhaltung „Folge mir!" Sobald sie einen Hund anschauen, heißt das, dass sie etwas von ihm wollen, wenn sie dann noch, ihn anblickend, von ihm weggehen, ziehen sie ihn wie mit einem Magneten zu sich heran.
„Aber ich habe doch die Hand ausgestreckt, damit er dort bleibt!" entgegnet die Frau empört.
„Wenn sie dann noch die Hand ausstrecken und dabei den Hund anblicken und zurück gehen, heißt das in der Hundesprache: Folge mir, aber bitte ganz LANGSAM. Genau das hat ihr Hund getan. Er ist ganz langsam drei Schritte auf sie zu gekommen. Sie sind daraufhin auf ihn zugestürzt und haben ihn angeschrien. Daraufhin hat er sofort Angst bekommen und ist weggerannt. Entschuldigen sie, dass ich das so sage, aber in seinen Augen haben sie sich sehr beängstigend und damit inkompetent verhalten. Er tut, was sie sagen und sie schreien ihn an.
Ich wollte ihnen das nur zeigen, damit sie nachvollziehen können, warum ein Hund einen Menschen, der sich so widersprüchlich verhält, nicht im Geringsten als kompetent einschätzen kann. Wenn ein Mensch in den Augen des Hundes schon solche Kleinigkeiten nicht souverän löst, wie will er dann mit echten Konflikten im Alltag umgehen. Da übernimmt er lieber selbst die Rudelführung."
Die Frau denkt nach. Der Mann hat glänzende Augen.
„Stimmt nicht, wir haben das genauso in der Hundeschule gelernt!" ruft sie triumphierend und erleichtert über dieses rettende Argument.
„Dann hatten sie leider das Pech, wie übrigens sehr viele Hundebesitzer, in einer Hundeschule zu sein, die keine Ahnung von Führung, sondern nur Erfahrung mit dem Vermitteln von Konditionierungen haben. Also „Sitz", „Platz", „Bleib".
„Genau darum geht es doch." Wirft die Frau den Kopf zurück.
Ihr Mann beobachtet unseren Dialog wie ein hochinteressantes Tennisspiel, in dem er (offenbar zu seiner großen Erleichterung) einmal nicht selbst den Matchpartner darstellen muss.
„Haben sie schon einmal einen Hund beobachten können, der „Bleib" sagt? Frage ich.
Die Frau versteht meinen „Aufschlag" sofort. Sie lässt ihn einfach sausen.
Ich versuche, mich verständlicher zu machen.
„Stellen sie sich vor, sie hätten ab morgen einen Chinesen in der Familie, der weder ihre Kultur kennt und lebt, noch ihre Sprache kann. Er ist in China jedoch sehr kompetent und leitet dort eine große Firma. Würden Sie aber ihm ihr Leben anvertrauen? Könnte er wiederum ihre Sprache und würde ihre Kultur kennen, dann hätte seine Souveränität eine Chance, wenn sie den Nutzen davon hätten, dass er ihren Alltag ruhig und konfliktfrei zu gestalten weiß."
„Aber wie sage ich denn nun in der Hundesprache, dass Bello da bleiben soll?" fragt die Frau zu meiner Überraschung ehrlich interessiert.
Ich führe Bello ruhig an seinen Platz, mache eine Bewegungseinschränkung in seine Richtung, drehe mich um und gehe weg. Ich höre seine Pfötchen auf dem Parkett, drehe mich um, gebe einen scharfen Warnlaut von mir und als er nicht darauf reagiert, eine deutliche Bewegungseinschränkung. Er tappert sofort zurück auf sein Kissen und setzt sich. Ich gehe wieder weg. Bello bleibt. Nach einer Weile setzt er ein Pfötchen aus dem Korb. Ich warne, er zieht das Pfötchen zurück und das war`s. Mehr testet er mich nicht. Er packt sich hin und schläft. Ihm ist anzusehen, dass er sehr erleichtert ist, dass sich jemand anderes gefunden hat, der dieses Rudel hier schützen kann. Er hat die Nase voll davon, weswegen er abends auch zubeißt, wenn er todmüde von seiner Tagesaufgabe ist. Da ist er den ganzen Tag allen hinterher getappert, hat auf alle aufgepasst und wird schon wieder gefordert, weil die Unruhegeister nicht mal einfach still dasitzen können und ihn schlafen lassen. Nein, sie müssen schon wieder aufstehen, er müsste schon wieder hinterher laufen. Es reicht. Er kann nicht mehr.
Dass er dazu sofort zubeißt, hat meiner Meinung nach den einfachen Grund, dass auch die Frau sehr schnell aggressiv wird und zuschlägt. Bello hat gelernt, wenn einem etwas nicht passt, muss man in diesem Rudel sofort aggressiv werden.
Die Frau ist empört über meine Interpretation und schreit: „Nix da. Aggressiv ist hier gar keiner."
Ich schaue sie nur an und warte. Ich spüre, dass sie tatsächlich nicht
bemerkt, wie laut und unbeherrscht sie reagiert. Sie betrachtet mich angriffslustig. Der Mann dagegen blickt auf den noch immer schlafenden Hund (der schläft, obwohl wir uns bewegen) und sagt: „Jesses, der Arme. Und was kann man da tun?"
„Alltagssituationen so ändern, dass Bello den Eindruck gewinnt, sie führen und er muss es nicht mehr tun. Wenn er nicht mehr die Aufgabe hat, sie zu bewachen, kann er abends schöne Hundeträume haben und liegen bleiben, wenn sie aufstehen. Sie können dann ja allein auf sich aufpassen. Er muss sie nicht mehr zu Recht weisen, dass sie nun endlich still halten, damit er sich einmal ausruhen kann."
„Und wie ändern wir das konkret?" fragt die Frau etwas spitz, aber durchaus zugänglicher, als noch vor einer halben Stunde.
„Ich werde ihnen gern beibringen, was ich vorhin gemacht habe, damit Bello auf seinem Platz bleibt. Das wird dann sehr wichtig werden, damit sie ihm sagen können, dass er ihnen in der Wohnung nicht mehr hinterher zu tappern hat, weil sie auf sich allein aufpassen. Mit „Bleib" kommen sie da nicht sehr weit. Bei „Bleib" wartet jeder Hunde der Welt auf die Auflösung und ein Lob oder Leckerli. Es geht darum, dass sie lernen in seiner Sprache, also mit einer Bewegungseinschränkung, auszudrücken: Dageblieben, jetzt passiert hier für dich gar nichts. Du kannst entspannen.
Ich zeige auf den Hund. „Ich glaube er wird sehr dankbar dafür sein. Ich habe selten einen Hund gesehen, der so schnell eine ungeliebte Aufgabe loswerden wollte, wie ihr Hund. Doch im Augenblick hat er sie nur mir übertragen und er muss diese Aufgabe an sie abgeben. Daran arbeiten wir das nächste Mal.
Nachbericht:
Man sollte es nicht glauben, aber der Ehemann hat in den folgenden zwei Stunden begonnen, für Bello die Führung zu übernehmen. Er macht das ganz ausgezeichnet und so wie Bello darauf gewartet hat, seine Führung abzugeben, hat offenbar auch der Mann schon lange darauf gewartet sie einmal zu übernehmen.
Wenn das Ehepaar jetzt abends fernsieht, bringt der Mann Bello in sein Körbchen, zeigt ihm, dass ER Sendepause hat und schlafen kann. Seitdem hat Bello nie wieder gebissen und ist laut Aussage des Mannes auch sonst ruhiger und ausgeglichener geworden. „Komisch ist, dass er mich jetzt irgendwie sogar mehr zu mögen scheint, obwohl ich doch strenger bin." Erzählt er mir am Telefon.
„Klar, mag er sie mehr. Sie nehmen ihm viel Arbeit ab, sorgen für seine Sicherheit und sein Wohlbefinden. Er hat jeden Grund, sie jetzt zu mögen." Antworte ich erfreut.
(Alle Übungen sind nicht zur Nachahmung empfohlen ohne Trainingseinweisung, weil man auf dem Papier unmöglich beschreiben kann, mit welchem Ausdruck man bei welchem Hund Hundesprache spricht. Sie hat zwar immer dieselben Vokabeln, aber es ist eher wichtig WIE man sie spricht und mit WEM)
Ein Sack voll Legenden
Fotos: Nowak, Slominski, Tollkühn
Was Legenden über Hunde betrifft, so ist das ganze Jahr über Weihnachten. Es gibt sie immer, sie sind hübsch verpackt und man freut sich, weil sie einem scheinbar das Leben erleichtern. Wo man etwas weiß, braucht man nicht mehr zu suchen.
Viele Legendenverpackungen wurden noch nie geöffnet, weil man sich auf ihre Hülle verließ. Heute, so kurz vor Weihnachten, werden wir gemeinsam die vier der bekanntesten Legenden auspacken und ihr Geheimnis lüften. Ich kann Ihnen schon jetzt verraten, dass hohle Nüsse dabei sein werden.
Legende Nr. 1
„Der Rudelchef isst immer zuerst"
Ich habe schon viele Behauptungen gelesen und gehört, wie man als Mensch den Status eines Rudelchefs erlangen kann. Die Sache mit dem Keks ist auf jeden Fall eine der Amüsantesten. Vorschlag der bekannten Autorin ist, vor jeder Fütterung des Hundes, oder der Hunde, demonstrativ selbst einen Keks zu essen, damit die Hunde oder der Hund den Eindruck gewinnen, man äße zuerst und nähme dadurch den höchsten Status ein.
Tatsächlich praktizierten sehr viele meiner Kunden genau das, bis ich zum ersten Hausbesuch kam. Ich bewunderte jedes Mal, wie genau sie sich an die Anleitung der ihnen wildfremden, amerikanischen Autorin hielten und tatsächlich einen Keks aßen. Es hätte ja auch etwas X-beliebiges sein können. Ein Apfel, oder eine Salzstange. Nein, als hinge auch von dem Keks das Gelingen des Unterfangens ab, musste es dieser sein.
Interessanter Weise wurde ich jedoch fast immer zum Hausbesuch gerufen, weil der Status des Menschen nicht der eines Leitwesens war und es deshalb zu Schwierigkeiten gekommen war. Seltsam, trotz Keks.
Lachen Sie jetzt nicht über diejenigen, die ihre Hoffnung in dieses Ritual setzten, auch Sie werden schon Dummheiten auf den Leim gegangen sein, wie wir alle, im besten Wollen und Wünschen und in der Annahme, ein Experte hat uns beraten.
Aber zurück zur Rangordnung durch das betonte, zuerst Speisen.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen vor Ihrem dampfenden Teller in der Kantine, mit allen Kollegen der Firma, dürfen aber Ihr Besteck nicht anrühren. Erst wenn Ihr Chef den Raum betreten hat und vor Ihnen, wie jeden Mittag, demonstrativ einen Keks gegessen hat, ertönt ein Gong und auch Sie dürfen beginnen. Wie finden Sie diesen Chef. Kompetent? Souverän?
Auch unseren Hunden ist es nicht entgangen, dass wir nicht im Notstand leben und immer genügend Nahrung da ist. Ist dies der Fall, so fressen in einem Hunderudel alle Tiere zur selben Zeit. Es wird ein wenig Gerangel um die besten Happen geben, aber mehr nicht. Nur wenn ein akuter Nahrungsmangel vorliegt, fressen der Leithund, die Leithündin und die Welpen eines Rudels zuerst. Nicht aus Schikane, sondern einfach deshalb, weil es am Wichtigsten ist, dass SIE überleben, damit das Rudel überlebt.
Es geht dabei gar nicht um den Status der Macht, sondern um den Status der Wichtigkeit für die Erhaltung des Rudels.
So wie auch Frauen und Kinder in Notfällen zuerst gerettet werden. Das dient keinem Machtbeweis, sondern der Familien- und Arterhaltung.
Wenn Sie sich also vor Ihren Hund hinstellen und erst einmal demonstrativ einen Keks essen, obwohl genug für alle da ist, erinnern Sie eher (es tut mir leid das sagen zu müssen) an einen sehr unhöflichen, unsicheren Schnösel, als an ein Leitwesen. Nur Schnösel haben solche Demonstrationen nötig.
Legende Nr. 2
„Ein Rudelchef geht immer zuerst durch die Tür"
Ich erlebe bei meinen Hausbesuchen immer wieder bizarre Vorführungen, von Menschen, die versuchen, als erste aus der Tür zu gelangen. Es gilt offenbar als Akt höchster Wichtigkeit, dies zu tun, weil die Behauptung existiert, dass davon der Status abhängt. Neulich erklärte mir eine junge Frau, dass sie nicht versteht, warum ihr Hund sie nicht anerkennt, sie ginge doch immer zuerst durch jede Tür. Ich bat sie, es mir vorzumachen. Nicht um sie vorzuführen, sondern um ihr dann am konkreten Fall zu erklären, warum ihr Status dadurch nicht gesichert ist.
Die Frau leinte den Hund an, übrigens einen Herdenschutzhund, und nahm die Schlüssel, woraufhin der Hund sofort seinen riesigen Kopf an die Türöffnung presste. Sein Drang, als Erster hinauszugelangen, erinnerte mich stark an meine Hündin, Frieda, bei der ebenfalls ein Herdenschutzhund seinen Senf dazu gab.
Die Frau rammte dem Hund ihr Knie vor die Nase und schrie: "Gehst du zurück. Ich geh zuerst. Bleib! Sitz!"
Der Hund versuchte das lästige Knie zu umschiffen und war äußerst genervt von dem lästigem Hindernis.
Dann öffnete sie die Tür einen Spalt, der Hund schoss vorbei an ihrem Bein, stieß mit der Nase in den Türspalt, vergrößerte ihn blitzartig mit seinem Schädel und war draußen.
„Sehen Sie, das meine ich." Schrie nun die Frau entnervt.

Natürlich ist es möglich, bei einer geklärten Führung, auch einen Herdenschutzhund davon abzuhalten, als erster durch die Tür zu gehen. Aber wozu, wenn die Führung GEKLÄRT ist. (Was in diesem Falle nicht so war.)
Es gibt einfach verschiedene Gründe, die einen Hund dazu treiben, als erster die Lage zu sichten. So wie es auch bei uns Menschen verschiedene Motivationen gibt, vorn, als Erster zu laufen. Neugier, Kontrollzwang, Beschützerinstinkt, Machtdemonstration. Das sind ganz verschiedene Motivationen, von denen nur die Letzte etwas mit Status zu tun hat.
Auch unter Hunden gibt es diese verschiedenen Gründe. Ein mutiger Welpe wird aus Neugier aus einer Tür schießen wollen, ein ängstlicher Hund aus Kontrollzwang, ein Leithund aus Beschützerinstinkt und ein Schnösel als Demonstration seiner Schnöselallmacht.
Wer meine Hündin Frieda kennt, weiß, was sie für ein gutmütiges Lamm ist und wie sehr sie sich an mir orientiert. Sie dürfte ruhig etwas weniger unterwürfig sein. Dennoch will sie, genau wie der beschriebene Herdenschutzhundkollege, dringend zuerst aus jeder Tür. Mit Status hat das nicht im Allergeringsten zu tun, sondern einfach damit, dass in Friedas Erbgut die Information lebt: „Lage peilen!!! Bescheid geben!!!"
Genau das macht sie. Frieda informiert, ich entscheide. Auch meine Rüden, Husar und Anton, in Russland waren Späher. Sie liefen immer zuerst aus dem Hof und hielten sich stets vor dem Rudel auf.
Sie nahmen dem Leithund, Wanja, viel Arbeit ab und waren ihm treu ergeben.
Man kann also z.B. einem Herdenschutzhund verbieten, als erster durch die Tür zu gehen, doch ist das in meinen Augen genauso, als würde man einem „Wunderkind", das den Trieb zum Klavier spielen in sich trägt, den Klavierdeckel auf die Finger schlagen.
Viel wichtiger erachte ich, dass ein Hund SIE als Leitwesen betrachtet und wenn er zuerst durch die Tür geht, keine Entscheidungen trifft, sondern Nur die Lage peilt.
Einen ängstlichen Hund und einen Schnösel jedoch, lasse auch ich nicht zuerst aus einer Tür. Ein ängstlicher Hund bekommt sonst die Bestätigung, dass er sich selbst um die beängstigenden Dinge kümmern soll und damit noch mehr Angst und ein Schnösel kriegt den Größenwahn, wenn er es darf.
Sie sehen also, es kommt einfach immer drauf an.
Legende Nr. 3
Ignorieren Sie Aufmerksamkeit erregendes Verhalten
Hier nun muss ich auch einmal die Geduld vieler Hundehalter erwähnen.
Ich hatte tatsächlich schon Kunden, die es schafften, eine Stunde bei Ohren betäubendem Gebell, stumm in eine andere Richtung zu sehen.
Natürlich änderte das nichts am Gebell des Hundes. Der hatte ja bereits gelernt, dass er nur seeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeehr lange bellen muss, um zum Ziel zu kommen. Denn irgendwann geht allen Menschen die Puste aus. Dem einen reißt der Geduldsfaden nach drei Minuten, dem anderen nach einer Stunde. Nur der Hund, der hat Geduld ohne Ende.
Clipart: Aufmerksamkeit
Sie kennen das sicher auch von sich selbst. Wenn Sie von ihrem Partner Aufmerksamkeit möchten und der ignoriert Sie, Sie sprechen lauter, er ignoriert sie, Sie beginnen zu schreien, er ignoriert sie,- Sie gewinnen immer mehr an Fahrt...er ignoriert sie. Sie werden gleich wahnsinnig, er ignoriert sie.
Viel unanstrengender wäre es ja gewesen, er hätte Ihnen gleich gesagt, dass er gerade seine Ruhe haben möchte.
Genau das können Sie mit Ihrem Hund tun, wenn Sie wissen, wie Sie ihm „Stop" sagen können.
Was im Status ranghohe Hunde wirklich ignorieren sind die Ehrbekundungen anderer Hunde. Dem Getöse, das viele Hunde machen, wenn das Leitwesen zurück kehrt, begegnet ein Leithund mit hoch gestrecktem Kopf und demonstrativer Ignoranz. „Ja ist ja gut, ich bin unterwegs weder verletzt worden, noch krank geworden, es ist alles in Ordnung mit mir." Würde er damit sagen.
Was demonstrieren wir Menschen unseren Hunden, wenn wir nach Hause kommen?
„Aij, jai, jai, da bist du ja!!!!!!!!!!!!!! Da ist ja mein Schatz. Ja, da bin ich wieder da!" Wahlweise klatschen wir in die Hände, oder tun andere Dinge, um unsere Begeisterung über das Wiedersehen auszudrücken.
Stellen Sie sich vor, Ihr Chef kommt von einem Außendienst zurück in die Firma. Sie fragen ihn etwas, um zu testen, was er für Laune hat und er umarmt sie mit den Worten:
„Aij, jai, jai, da bist du ja!!!!!!!!!!!!!! Da ist ja mein Schatz. Ja, da bin ich wieder da!" Er klatscht begeistert in die Hände und gebärdet sich wie ein Geisteskranker vor Freude über das Wiedersehen.
Dass ein Leithund oder ein menschlicher Chef im Idealfall diese Dinge nicht tut, liegt vielleicht daran, dass er einen guten Job machen muss, um das Überleben aller zu sichern und mit den anderen Wesen nicht deshalb zusammen ist, um eigene emotionale Lücken zu füllen.
Legende Nr. 4.
Ein Hund darf nicht in das Bett
Entscheiden Sie selbst.
Mein Leithund, Wanja, hatte im Hof einen speziellen Lagerplatz. Dieser Platz war bei den anderen Hunden sehr begehrt und die größte Ehre war es, einmal dort ruhen zu dürfen.
War Wanja im Hof, aber nicht auf seinem Platz, näherte sich niemand seinem Lager. Lag er jedoch darauf, gab es Anfragen. Oft blieb Bambino davor stehen und wedelte unterwürfig mit dem Schwanz. Mitunter lud Wanja ihn dann ein, auf sein Lager zu kommen, in dem er wegschaute. Oder er schickte ihn weg, in dem er ihn streng ansah.
(Auch interessant zum Thema: Ignorieren. Wanja schaute hier z.B. nur weg, um sein Einverständnis zu geben.)
Auch andere Hunde fragten auf höfliche Weise an (weiches Schwanzwedeln, gesenkter Kopf, unterwürfige Haltung) und je ruhiger und höflicher sie waren, umso größer war die Chance für sie, auf Wanjas Lager zu gelangen.
Bei guter Führung ließ er sogar unseren Oberschnösel, die Betriebsnudel, Felix, der im Status das Schlusslicht darstellte, auf seinen Lagerplatz. Da Felix ein wichtiges Gen für Ruhe fehlte, fiel es ihm besonders schwer, respektvoll anzufragen. Er wedelte und tippelte aufgeregt viele Ballerinaschritte auf Wanjas Lager zu, um sich abzuarbeiten, bevor er es erreicht hatte. Dann duckte er den Kopf unterwürfig und leckte wild in der Luft, aus dreißig Zentimeter Distanz, Wanjas imaginäre Lefzen. Entweder schaute Wanja ihn dann streng an und Felix trollt sich sogleich, oder er blickt gelangweilt weg, was eine Einladung war.
In letzterem Fall machte sich Felix stocksteif, was seine einzige Möglichkeit schien, ruhig zu bleiben, stakste zu Wanja auf das Lager und rührte sich nicht mehr. Er schaut mit verklärtem Blick vor sich hin und feierte diesen Moment in für ihn untypischer Reglosigkeit. Beim Schlafen geriet ihm dann aber doch wieder die Betriebsamkeit in die Pfoten und er zuckte, dass es ein wahrer Flohzirkus war. Wanja hätte ihn rausschmeißen können, so wie wir es mit Hunden tun, die unseren Schlaf stören. Er stand dann jedoch einfach auf und suchte sich einen anderen Lagerplatz.
War Wanja nicht im Hof, war sein Platz frei gegeben und jeder konnte ihn sich erobern.
Finden Sie nun selbst eine Übersetzung für Ihr Verhalten.
Ein kleiner Tipp: Eine respektvolle Anfrage ist auf keinen Fall, von seinem Hund durch Bellen angeschnauzt zu werden, oder durch Fiepen manipuliert zu werden.
Springt Ihr Hund allein auf Ihr Bett, wenn Sie darin liegen, nimmt er sowohl Ihren Lagerplatz, als auch Ihren Individualraum respektlos in Anspruch. Im Bett liegt dann zwar ein Chef. Aber Sie sind es nicht.
Springt Ihr Hund auf Ihr Bett, wenn Sie nicht da sind, gilt dieser Platz in der Hundesprache als freigegeben. Eine Statusverletzung stellt dies nicht dar.
Zusammenfassung:
Mir scheint, es gibt deshalb so viele hilflose Konstrukte, Macht über einen Hund erlangen zu wollen, weil wir Menschen keine andere Idee, als die der Macht und so wenig gute Vorbilder für Souveränität haben.
Souveränität beinhaltet Ruhe, Freundlichkeit, Überblick, gute Entscheidungen treffen zu können und vor allem: zu wissen, mit wem man sein Leben teilt und wie dieses Wesen kommuniziert.
Ein Hund sagt nicht zum anderen „Sitz", „Platz", „Bleib"!
Das wäre so, als würde ich Sie bitten, von jetzt an, an jedem Bushaltestellenschild zu bellen. Sinnentleert.
Gäbe ich Ihnen jedoch für jedes Bellen 10 Euro, würden Sie bald Ausschau nach der Straße mit den meisten Bushaltestellen halten. Aus genau diesem Grund macht ein Hund „Sitz". Nicht weil Sie der Rudelchef sind, sondern weil er sich etwas davon verspricht. Ein Leckerli, Aufmerksamkeit, Lob.
Führung erlangen Sie nur durch Kenntnis von Ihrem eigenen Hund: seinen Charaktereigenschaften, seinen Erbanlagen, seiner Art zu kommunizieren und Souveränität. Würden Sie einem Wesen Ihr Leben anvertrauen, das unsicher, laut, gewalttätig oder nur lieb ist?
Legenden sind schön, aber nutzlos, wenn Sie von Menschen für Hunde erdacht wurden.
Das Problem ist, dass ausgerechnet Hunde sich nicht daran halten.
In diesem Sinne wünsche ich allen ein legendenfreies und beziehungsreiches Weihnachtsfest.
Ihre Maja Nowak
Kreise
Ein Ehepaar, das zu meinem Vortrag erscheint, wirkt sehr abwartend und misstrauisch. Ich spüre eine unsichtbare Wand zwischen Ihnen und mir. Wie erfreut bin ich, als sie am Ende des Vortrages bis zum Schluss warten, um einen Termin für ihren Hund Max mit mir zu vereinbaren.
Sie sind jetzt gelöster und scheinen sich entschieden zu haben, noch einmal Vertrauen zu fassen. Ihr letzter Vertrauensvorschuss ging leider übel aus.
Sie erzählen mir, dass sie einen Hund aus dem Tierheim holten und um etwas zu tun, mit ihm zum Hundesportverein gingen. Dort bestand der ganze Verein aus selbsternannten Hundeflüsterern, die alle einen guten Rat für sie wussten.
Im Prinzip muss man dazu nicht in einen Sportverein gehen, auch ein ganz normaler Hundespielplatz reicht aus, um dieselben Erfahrungen zu machen.
Gleich vorab. Lassen Sie sich bitte nicht ständig aus dem Konzept bringen von den Meinungen anderer. Sie werden von 100 Menschen, die es gut meinen, 100 verschiedene Ratschläge erhalten.
Interessant dabei ist, dass oft Menschen einen Rat wissen, die gar nicht dasselbe Problem haben. Selbstverständlich kann Ihnen, wenn Sie einen Jagdhund ihr Familienmitglied nennen, ein Mopshalter einen tollen Tipp geben, wie sie ihren Hund vom Jagen abhalten. Bei dem Mops, der gar keine Anstalten zum Jagen macht, funktioniert das sicher sehr gut. Ein Mensch mit einem fröhlichen, selbstbewussten Hund wird Ihnen sicher vieles zu Ihrem Hund sagen können, wenn dieser sehr ängstlich ist.
Treffen Sie wirklich einmal einen Menschen mit demselben Problem wie Sie, merken Sie das meist daran, dass Sie ein Anteil nehmendes Gespräch ernten und keine Belehrung.
Das Ehepaar nun, war völlig verwirrt von den vielen Meinungen der Sportfreunde.
„Die einen sagen, Max wäre ein Monster, die anderen, er wäre lieb. Wir wissen jetzt gar nicht mehr, was wir für einen Hund haben. Können Sie bitte einmal kommen und ihn einschätzen."
Da Max ihr erster Hund ist, verstehe ich die Verwirrung zum Teil. Dennoch bin ich ein wenig irritiert, dass die beiden Menschen gar kein eigenes Gefühl für ihren Hund haben.
Bei meinem Klingeln, drei Wochen später, ertönt ein tiefes, sattes Bellen. Max ist ein Prachtbursche. Er könnte ein Bardino-Stefford-Mix sein, groß, muskulös, mit einem imposanten Kopf, einer wunderbaren Fellzeichnung und herrlichen Augen.
Das Eintreffen einer fremden Person in seinem Territorium macht ihm sehr zu schaffen. Es ist kein schöner Anblick zu sehen, wie der große Hund sich enge Kreise zwischen den Möbeln in einem kleinen Zimmer sucht und diese, mit aufgerissenen Augen und stark hechelnd, läuft.
„Das ist ja freundlich von ihm, dass er sich diese Form ausgesucht hat, um seinen Druck loszuwerden und nicht mich angeht," sage ich.
Ich habe es gerade ausgesprochen, als Max an mir hochspringt und auf mir aufreitet wie ein Verrückter. Ich versuche ihn energisch mit einer Bewegungseinschränkung abzuschütteln, unterbreche diesen Versuch jedoch, weil ich spüre, dass er in seiner Unsicherheit und seinem Überdruck beißen würde, wenn ich damit weiter machte.
Ich bitte den Mann, Max an die Leine zu nehmen.
Ich zeige ihm, wie er Max auf einem Platz, in diesem Falle, seinem Hundekorb, halten kann, ohne zu sprechen und ohne ihn festzuhalten, oder festzubinden.
Während wir das üben, erzählen mir beide die Geschichte. Max ist ein anderthalbjähriger Fundhund. Herkunft unbekannt.
In den ersten vierzehn Tagen lief alles ganz gut, bis auf ein paar Dinge, die Max anfraß, während die Frau und der Mann auf Arbeit waren.
Dann kam der Supertipp von den Hundesportfreunden.
„Sperrt ihn am besten in eine Box."
Tatsächlich sperrte das Ehepaar, um den Haushalt zu schonen, den Hund für 9 Stunden täglich in eine Box, in der er sich nicht drehen konnte.
Nach dem dritten Knastmonat, begann der Hund Kreise außerhalb der Box zu drehen.
Man muss dazu sagen, dass dies heute seine Hauptbeschäftigung ist. Sie kennen dieses krankhafte Verhalten von Tieren aus dem Zoo. Es ist ein Druckabbau.
Stellen Sie sich einen Fahrradschlauch vor, der so prall ist, dass er platzen würde, würde man aus dem Ventil nicht ein wenig Luft ablassen.
Für Max ist das Drehen ein Ventil und inzwischen leider auch, in den Schwanz zu beißen.
Seit Wochen ist er nicht mehr in der Box, weil das Ehepaar seinen Fehler selbst einsah, aber das Drehen ist geblieben.
Wichtig also ist, zu wissen, woher der noch immer große Druck des Hundes kommt. Natürlich kann aus jedem Verhalten auch ein Tick werden, ich spüre jedoch deutlich, dass der Hund innerlich fast explodiert und noch andere Gründe haben muss.
Dass es hier auch Führungsprobleme gibt, ist zu sehen. Wichtiger scheint mir aber, dass der Hund nicht die innere Verfassung besitzt, zur Ruhe zu kommen, obwohl er gern tun möchte, was man von ihm verlangt, wenn man es ihm deutlich mitteilt. Er kann zum Beispiel jetzt in seinem Korb nur bleiben, wenn er sich immer wieder dreht. Oder wenn er es schafft, kurz hinaus zu gelangen, schnell eine Runde im Wohnzimmer zu drehen und dann wieder in den Korb zu gehen. Er versucht also, dem Verlangten nachzukommen, kann dies aber nur zu seinen inneren Bedingungen tun. Um nicht zu explodieren, muss er sich immer wieder bewegen.
Ich arbeitete einmal mit einer kleinen Jagdhündin, die hyperaktiv war. Um an ihrem Platz zu bleiben, während ihr Halter einen Dummy für sie versteckte, machte sie zehnfach Einmetersprünge in die Luft. So blieb sie an ihrem Platz und bewegte sich nur nach oben, um den Druck, den ihr das Stillhalten bereitete, abzubauen. Ihr noch sehr junger Halter wollte sie dafür tadeln, was natürlich fatal gewesen wäre. Tat dieser Hund doch alles dafür, um an seinem Platz zu bleiben.
Ich frage das Ehepaar nach dem Tagesablauf. Der Mann muss früh raus und geht nach dem Frühstück 5.00 Uhr die erste Runde. Um 7.00 Uhr geht er zur Arbeit. Die Frau geht 8.00 Uhr mit Max 10 Minuten vor die Tür. Weiter traut sie sich nicht, weil sie sich hilflos mit dem kräftigen, mitunter angstaggressiven Rüden fühlt. Die Frau gibt zu, Angst vor dem Hund zu haben und deshalb noch kein gutes Verhältnis zu ihm. Sie füttert ihn, alle anderen Belange erfüllt der Mann.
Dieser kommt nach acht Stunden, manchmal auch nach neun Stunden zurück von der Arbeit.
„Und dann gehen Sie wieder mit Max raus?" frage ich eher rhetorisch, meinen Kugelschreiber schwingend.
Erstaunt sieht er mich an. „Nein, ich muss ja auch erst einmal ankommen. Ich ruhe mich dann aus, dusche, esse etwas und dann erst gehe ich die letzte Runde."
Ich bin so platt, dass ich nur schlucken kann.
Ich vermeide, meine Mitarbeiterin, Anja, anzusehen, die neben mir sitzt. Sie schluckt sicher ebenso.
„Also vergeht dann noch einmal eine Stunde?" versuche ich sachlich festzustellen.
„Ja sicher." Sagt der Mann.
Man muss dazu noch wissen, dass Max nie frei laufen kann, sondern immer an einer kurzen Leine ist, weil beide dem Hund nicht trauen.
Ich weise auf den Hund und sage so ruhig wie möglich. „Sie haben hier, wie sie am Körperbau Ihres Hundes sehen, einen Leistungssportler. Es ist überhaupt kein Wunder, dass Max den enormen Druck, der sich nun über Monate in ihm aufgebaut hat, noch nie abbauen konnte, wenn er als einzige Möglichkeit, einen Leinengassigang früh und einen abends hat und am Tag sich selbst und der Langenweile überlassen wird.
Stellen Sie sich einmal vor, ich würde Sie täglich 8-9 Stunden in einen leeren Raum ohne Zeitung, TV und Radio sperren. Auch in Ihnen würde sich ein enormer Druck aufbauen, den Sie irgendwann nicht mehr los würden."
„Wir wollten ihn am Fahrrad laufen lassen, aber er ist erst 1 ½ Jahre und die Tierärztin meint, er solle noch nicht soviel laufen."
Es ist sehr gut möglich, dass die Tierärztin das vor 6 Monaten gesagt hat. Inzwischen jedoch spricht auch bei dieser Größe nichts gegen eine moderate, gleichmäßige Ausdauerbewegung.
Außerdem erstaunt mich, wie genau das Ehepaar die physische Gesundheit des Hundes nimmt, während sie sein Seelenzustand offenbar nur dann berührt, wenn der Haushalt in Gefahr ist, oder der Hund durch sein Drehen zuviel Unruhe verbreitet.
Ich muss gestehen, dass ich dieser Aussage deshalb nicht wirklich Glauben schenken kann, sondern sie für eine Alibibehauptung halte, warum man dem Hund keine ausreichende Bewegung schenken kann.
„Außerdem haben wir hier kein Auslaufgebiet." Fügt der Mann hinzu.
Anja schaut ihn erstaunt an und sagt: „Aber hier ist doch Arkenberge um die Ecke."
Tatsächlich befindet sich dieses wunderschöne Hundeauslaufgebiet, in das ich regelmäßig mit meinen Hunden fahre, nur 2 km entfernt.
„Sie fahren ja auch mit dem Auto." Sagt der Mann vorwurfsvoll. „Ich müsste das mit dem Fahrrad fahren."
„Diese zwei Kilometer Entfernung sind eine wunderbare Distanz für Max + Waldspaziergang und Rückweg."
Der Mann wirkt nicht im Geringsten begeistert und ich werde langsam sauer.
„Wenn Sie nicht zuallererst eine Auslastung für Max schaffen und eine Möglichkeit, sich den gewaltigen Druck abzulaufen, den er inzwischen hat, sehe ich keine Möglichkeit, Ihnen bei den Dingen zu helfen, die Sie stören, wie die Leinenführigkeit, das Kreisdrehen und die Besuchersituation."
Während des Gespräches erlöste ich Max bereits vom Stillhalten müssen, weil es in seinem Falle völlig kontraproduktiv ist, das zu verlangen. Dafür lernte er nebenbei „Touch", also auf dieses Signal hin, mit der Schnauze eine hingehaltene Hand zu berühren. Wir machen das abwechselnd und Max ist mit einem Feuereifer dabei, als ginge es um sein Leben. Er dreht sich dabei nicht ein einziges Mal. Wenn wir die Übung unterbrechen, beginnt er damit. Die große Dankbarkeit des Hundes über diese winzige Ablenkung springt ihm förmlich aus den Pupillen und macht mich sehr traurig. Es könnte so einfach sein, denke ich.
Ich schlage vor, einen Dogwalker oder eine Privatperson zu finden, die mit Max tagsüber nach Arkenberge fährt.
„Das ist auch eine Kostenfrage" sagt die Frau.
Ich weise sie nicht darauf hin, dass sie beide arbeiten gehen und keine Kinder haben.
Ich bleibe nur dabei.
„Wenn Sie keine Lösung in dieser Richtung finden, werden sich die Probleme weiter massiv verschlimmern und ich werde Ihnen nicht helfen können."
Eine Entlastung wäre auch, wenn die Frau eine Beziehung zu Max aufbauen könnte, um zusätzliche Spaziergänge zu machen.
Ich zeige ihr eine kleine Übung, in der sie Futter in der geschlossenen Faust hält und es Max erst gibt, wenn er sie anschaut.
„Diese Übung machen bitte nur Sie und nicht ihr Mann."
Natürlich ist es für den Hund unerheblich, ob beide sie machen, oder nur die Frau. Ich möchte jedoch der Frau einen kleinen Raum schaffen, den nur sie mit dem Hund hat, da der Mann sehr Raum einnehmend auftritt.
„Moment mal, ich habe da einmal eine Frage," sagt er sofort angespannt. „Wenn jetzt nur meine Frau die Übung macht, stört das dann nicht meine Beziehung zu dem Hund?"
Übersetzt heißt das soviel wie: „Hat er mich dann weniger lieb."
Ich habe das Gefühl, in einem Sumpf aus Bedürftigkeiten, zu versinken, die mit dem Hund selbst alle nichts zu tun haben. Ich weiß nicht, warum der Hund angeschafft wurde. Bisher hatte er keine Chance, einer zu sein.
Ich sage noch einmal ganz klar, dass ich die Arbeit nicht fortsetzen kann, wenn bis zum nächsten Termin keine Lösungen gefunden wurden. Ich habe kein gutes Gefühl.
Drei Fehler
1. Die Treppe
Ein Ehepaar rief mich an, weil ihr 35 kg Hund, ein Shar Pei, die Haustreppen zwar hoch, aber nicht runter lief.
Sie tragen ihn seit zwei Jahren vier Mal am Tag fünf Stockwerke. Echte Liebe. Jetzt blieben ihnen nach fünf Hundetrainern nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder schaffe ich es, den Hund zum Treppenhochsteigen zu bewegen, oder sie müssen in eine Erdgeschosswohnung umziehen.
Als ich das Haus betrete, fallen mir als erstes die weißen Marmortreppenstufen auf. Das bringt mich auf einen Verdacht. Hunde haben in einer weißen Badewanne zum Beispiel oft deshalb soviel Angst, weil sie durch ihre andere Art zu sehen, den Grund der Wanne nicht erkennen. Legt man einen Waschlappen, oder ein Handtuch auf den Wannenboden, kann der Hund besser einschätzen, wo die Wanne endet und hat weniger Angst. Die Treppe hier ist auch weiß. Hat das ähnliches zu bedeuten? Wenn ja, habe ich den Fall schon gelöst?
Dann würde ich farbiges Klebeband auf die Treppenkanten kleben und der Hund sieht die Stufen. Ende.
Bevor ich meine Vermutung äußern kann, werde ich von einem Shar Pei größeren Schultermaßes an die Korridorwand in der Wohnung gerempelt. Er schnappt nach mir und ich trage nur deshalb keinen Biss davon, weil er seine „Seehundschnauze" wie einen natürlichen Maulkorb vor den Zähnen trägt. Die Schnauze ist so groß und vorgewölbt, dass die Zähne ihr Ziel einfach nicht richtig erreichen.
Das ist leider nicht bei allen Shar Pei`s so, also verlassen Sie sich nicht darauf, wenn sie einen treffen, der angriffslustig ist.
Malou hat seine Menschen wunderbar im Griff. Sein Frauchen kann vor Liebe nicht die Augen von ihm lassen und Herrchen überlässt die Erziehung der Frau. Er ist Türsteher in einer Nachtbar und hat dort genug zu erziehen.
Nach dem ich darum gebeten habe, den Hund anzuleinen, mache ich einen Test. Ich lege ein Stück Käse auf den weißen Küchenboden und die Frau lässt die Leine los. Der Hund stürzt punktgenau zum Käse und schlabbert ihn in seine Riesenschnauze.
Danach lege ich ein Stück Käse auf eine farbidentisch gelbe Tupperdose und noch ein zweites Stück Käse auf den weißen Küchenboden. Malou holt sich sofort den Käse vom weißen Küchenboden. Das Stück Käse auf der gelben Dose bleibt liegen.
Damit ist für mich der Fall erledigt. Malou kann offenbar Konturen innerhalb einer Farbe nicht erkennen. So auch nicht die weißen Treppenstufen. Ich erkläre meinen Verdacht.
Die Frau und der Mann schütteln heftig mit dem Kopf. „Das kann nicht sein", sagt sie. „Unser Nachbarhaus hat dieselben weißen Marmorstufen. Da wohnt ein Freund von uns und die läuft er prima."
Meine These kippt in sich zusammen. Hm.
Nun lasse ich mir Malou`s Treppenangst vorführen. Obwohl er schon zwei Jahre alt ist, brüllt er hemmungslos einen Hollywoodreifen Welpenschrei. Falls Sie Welpenbesitzer sind oder waren, wissen Sie, was ich meine. Der Schrei, bei dem sich einem die Nackenhaare sträuben. Natürlich dient der Schrei meistens nur dem Zwecke, eine mögliche Verletzung zu verhindern, als dass er selbst eine anzeigen würde. Der Welpenschrei ist das stärkste Signal aus dem Demutsverhalten. Er kann Hunden den Hintern retten.
Genau das tut Malou. Immer, wenn er seinen Schrei loslässt, wird er in Ruhe gelassen und muss die Treppe nicht hinab laufen. Frauchen wird dabei jedes Mal kreidebleich und der Hund bekommt den Eindruck, das auch sie sich ganz entsetzlich vor der Treppe fürchtet und er es nur durch seinen enormen Schrei verhindert hat, das beiden ein Unglück geschieht. Mit dem Mann ist es leider dasselbe. Inzwischen hat Malou eine solche Angst aufgebaut, als handelte es sich darum, die Niagarafälle hinunter zu springen.
Wir trainieren wochenlang eine Sensibilisierung auf die Treppe, mit Futter, mit Übungen, mit allem, was die Verhaltenstherapie zu bieten hat. Nichts. Der Hund geht die Treppe nicht.
Nebenbei klären wir andere Baustellen wie den robusten Besucherempfang und die Leinenführigkeit. Diese Dinge klappen sehr schnell, erstaunlich gut.
Aber die Treppe.
Inzwischen haben die Frau und ich einen guten Kontakt. Ich schlage ihr etwas vor, was ich ganz selten äußere, aber oft verwende. Ich möchte auf der nonverbalen Ebene mit Malou kommunizieren, um zu wissen, was ihn davon abhält, die Treppe zu laufen. Die Frau ist inzwischen zu allem bereit und vertraut mir durch die bereits gelungenen Dinge.
Sie lässt mich mit dem Hund für 30 Minuten im Wohnzimmer allein.
Seien Sie jetzt tapfer. Es geht nun um Dinge, die Menschen noch nicht wissenschaftlich bewiesen haben, denen aber egal ist, ob wir das tun.
Man nennt es inzwischen „Tierkommunikation" weil Menschen immer eine Bezeichnung benötigen, um sich sicher zu fühlen.
Bei mir ist es einfach so, dass ich oft Bilder senden kann, wenn ich einen „Empfänger" habe und welche empfange, wenn ein anderes Wesen sendet. Mit Tieren geht das natürlich sehr viel einfacher, als mit Menschen, weil sie sich nicht von Gedanken stören lassen. Mit meiner besten Freundin, Esther, jedoch, geht das auch sehr gut.
Es ist ein sehr heißer Tag. Ich beginne diese Form der Gedanken/Bild/Übertragung immer damit, die Augen zu schließen, gut zu atmen und mir vorzustellen, wohin der Hund gerade blickt. Das Hecheln des Hundes ist zu hören. Vor meinem geistigen Auge taucht der Propeller des Ventilators auf, der im Zimmer steht. Ich hatte ihn zuvor noch gar nicht bewusst wahrgenommen. Ich öffne die Augen und tatsächlich schaut Malou mit nach rechts gedrehtem Kopf auf den Ventilator. Für mich ist das Information genug, darauf zu vertrauen, dass wir im Gespräch sind. Ich kann kein Bild empfangen, wenn ein anderer es nicht sendet. Der Hund hätte überall hinschauen können, aber ich habe genau empfangen, wohin er blickt.
Als nächstes stelle ich mir einen leeren Futternapf vor und das erste Bild, das darin erscheint, werte ich als Lieblingsfutter des Hundes. In Malou`s Fall, liegt Leberkäse darin. (Anschließend kann dies, wenn nötig, als Nachtest überprüft werden.) Es folgen noch einige andere Bilder und Gedanken.
Dann stelle ich die entscheidende Frage:
Ich stelle mir die Treppe vor. Ich sehe sie deutlich vor mir.
Mir wird schwindlig. Ich schaue in einen Abgrund. Ich stehe auf einem Zehnmeterbrett und sehe in ein weißes leeres Becken. Ein Alptraum.
Ich sehe auf den Hund, der Hund sieht auf mich. Er kommt langsam heran und ist sehr sanft, als er seine Schlabberschnauze auf mein Knie legt.
Ich könnte mir vor den Kopf schlagen. Ich habe genau das gesehen, was ich beim ersten Hinauflaufen der Treppen gedacht habe. Der Hund SIEHT sie nicht!
Ich rufe die Frau und den Mann wieder herein.
„Ich möchte jetzt in das Nachbarhaus gehen und sehen, wie Malou auf denselben Stufen wie hier hinunterläuft."
Der Mann kratzt sich am Kopf. „Das war, als er fünf Monate alt war. Jetzt läuft er die Stufen schon lange auch nicht mehr."
Ich schlucke. Na toll. Die zwei hatten meine Theorie offenbar zu gewagt und zu schnell gefunden und nach irgendeinem Argument zur Abwehr gegriffen. Und ich habe mich tatsächlich sofort davon abbringen lassen.
Ich lerne eine wichtige Lektion: Egal was Menschen über ihre Hunde sagen, überprüfe es!
Das hat mir in den Jahren danach viele Misserfolge erspart.
In der nächsten Stunde habe ich rotes Klebeband dabei. Die Kanten des gesamten ersten Treppenabsatzes im Erdgeschoß sind kenntlich abgeklebt und wir gehen mit Malou auf dem Arm hinunter. Ich schwöre die Frau ein. „Sie gehen nur diesen einen Absatz hinauf, machen dann überraschend eine Kehrtwendung und egal was passiert, laufen Sie schnurstracks hinunter."
Die Frau läuft die Treppen hoch, macht kehrt, Malou schreit den Welpenschrei, ich schreie: „Weiter!", die Frau läuft die Treppe runter, der Hund hinterher.
Malou ist zum ersten Mal eine Treppe hinunter gelaufen. Wir wiederholen das, bis Malou diesen Treppenabsatz ohne Probleme läuft. Das bleiche Gesicht der Frau bekommt langsam Farbe, der Hund einen sicheren Gang.
Vier Stunden später erhalte ich die erste SMS. „Malou läuft zwei Stockwerke. Juchu!"
Sechs Stunden später die zweite SMS: „Alle Treppenstufen, 5 Stockwerke, er ist richtig stolz!!! Wir auch!!!"
Natürlich freue ich mich sehr, nur ein kleiner Wermutstropfen bleibt. Ich hätte uns einige Therapiestunden ersparen können.
2. Gänsehaut
Ein Mann ruft mich zu seinem bissigen Schäferhund auf sein Grundstück am Rande von Berlin. Natürlich sind das nicht die Verabredungen, denen ich vor Freude entgegen fiebere, aber immerhin sind es Herausforderungen, bei denen man jedes Mal etwas dazu lernen kann.
Der 5-jährige Schäferhund, Baltus, lässt, nach Aussage des Mannes, keinen mehr auf das Grundstück.
Ich parke im Matsch der letzten Regentage vor einem Häuschen, sehr abgelegen am Wald. Idyllisch, denke ich noch. Was muss man arbeiten, um so leben zu können.
Ich klingle, ein Summen öffnet mir die Tür. Ich lausche auf ein Hundebellen. Nichts.
Und das bei einem Schäferhund. Bei einem Schäferhund, der sonst keinen auf den Hof lässt. Lauert er irgendwo? Das wäre zwar sehr Hundeuntypisch, aber alles gibt es das erste Mal. Irgendwie ist die Stille unheimlich.
Ein Mann öffnet mir die Haustür, blickt kurz um sich und begrüßt er mich.
Will er nicht, dass die Nachbarn sehen, dass eine Hundetrainerin kommt? Es gibt weit und breit keine Nachbarn.
Hat er sich nach dem Hund umgeschaut, der noch immer eine Phantom ist?
Ein Schauer überläuft mich. Ich kann nicht sagen warum, aber ich habe Gänsehaut.
Ich trete ein. Der Mann schaut mich seltsam an.
Er beobachtet mich, wie man Bazillen unter einem Mikroskop betrachtet.
Ein misstrauischer Zeitgenosse, denke ich.
„Wo ist denn der Hund?" frage ich, um die Situation zu entspannen.
Er macht eine undefinierbare Bewegung in Richtung Hof.
Von dort: Stille.
„Ist er immer so ruhig?"
„Na ja, das hängt von der Tagesform ab." Sagt der Mann mit starrem Blick.
Mir wird unheimlich. Ich habe einmal einen Karatekurs besucht, nachdem ich im Judo war. Die Trainerin beschrieb uns, dass eine Frau mit 53 Messerstichen getötet worden ist, und sich nicht gewehrt hat. Ihr war gar nicht bewusst, dass man sich wehren kann, sonst wäre sie vielleicht nicht getötet worden. Auch von Frauen, denen es zu albern schien einen Mann, der sie auf der Straße nächtlich verfolgte, zu verdächtigen, erzählte sie und was mit ihnen passiert war.
Seltsamer Weise fällt mir genau das jetzt wieder ein.
Ich gehe sofort zu der hinteren Haustür, reiße sie auf und renne in den Hof.
Kein Hund.
„Wo ist ihr Hund?" rufe ich mit funkelnden Augen.
Der Mann wedelt aufgeregt mit den Armen.
„Ich habe ihn in die Garage eingesperrt." Ruft er panisch.
Mein Herz schlägt bis zum Hals.
Ich spüre bis in die letzte Haarwurzel, dass hier etwas faul ist, stürze zum Gartentor.
Hinaus.
In mein Auto.
Fahre los.
Nach 500 Metern rufe ich die Polizei an. Auf die Gefahr hin, mich bis auf die Knochen zu blamieren. Aber ich vertraue meinem Gefühl.
Ich berichte von dem Vorfall. Nach zwanzig Minuten kommt die Polizei.
Wir klingeln, der Mann öffnet und kommt in den Hof.
„Ich habe meinen Hund vor zwei Wochen abgegeben und vergessen, den Termin hier abzusagen." deutet er auf mich, bei der Befragung.
Die Polizei nimmt seine Daten auf. Ein Polizist sagt zum Abschied zu dem Mann: „Wir prüfen ihre Angaben nach und haben ein Auge auf sie."
Tatsächlich hatte der Mann seinen Hund weggegeben, teilte mir ein Polizist später telefonisch mit. Ich kann also bis heute nicht sagen, ob mein Gefühl mich getäuscht hat. Das wiederum ist ein seltsames Gefühl.
3. Vertauschte Rollen
„Unser Hund bellt, wenn wir weggehen, aber sonst ist er lieb." Ist die Information, die ich bei dem Anruf der Frau erhalte.
Weiterhin besteht bei ihr akute Gefahr, die Wohnung zu verlieren, weil der Vermieter nach mehrfachen Klagen der Mitbewohner über das stundelange Bellen und Winseln eine Frist zum Abstellen der Belästigung gesetzt hat.
Ein wenig ärgert mich immer, wenn Menschen erst in der letzten Sekunde handeln, weil die eigenen Lebensumstände plötzlich betroffen sind, während die des Hundes schon lange betroffen waren.
Selten erlebe ich, dass ein Mensch mich anruft, wie auch schon geschehen und sagt; „Ich war jetzt lange sehr krank und habe meinen Hund sehr gebraucht, ich glaube, jetzt braucht er mal wieder mich. Bitte zeigen Sie mir, was ich für ihn tun kann."
Als mich dieser Anruf einer Frau erreichte, die zwei Organtransplantationen hinter sich hatte, war ich sehr gerührt.
Meistens ist es nur all zu menschlich, erst dann anzurufen, wenn die Kacke am dampfen ist.
Bei meinem Klingeln öffnet eine hübsche, modern gestylte Frau in meinem mittleren Alter. Ein großer Hund schießt wedelnd auf mich zu.
„Hum,hum,hum" schnauft er. (was „oh ist das aufregend!" heißen könnte.)
Ich werde in das Wohnzimmer geführt und stelle mich, immer den Hund im Blick, vor eine Couchgarnitur.
„Das also ist er?" frage ich.
Ich sehe noch den irritierten Blick der Frau und wie sie für einen kurzen Moment die untere Gesichtshälfte hochzieht, wie man das tut, wenn man Schmerz bei einem Mitmenschen mitempfindet.
Dann spüre ich einen saftigen Biss in meinem Hintern.
Der Hund ist vor mir.
Etwas perplex drehe ich mich um. Hinter mir auf der Couch rüstet sich zähnefletschend ein kleiner, brauner Dackelmix zur nächsten Attacke.
Die Frau steht regungslos.
„Frau Soundso", rufe ich energisch. Nehmen sie sofort diesen Hund an die Leine. Frau Soundso schaut mich verdattert an. Leine? In der Wohnung? Warum? Steht mit Riesenlettern in ihrem Blick geschrieben.
Bevor die Leine da ist, muss ich mich selbst erwehren und gehe einfach einen Schritt auf den Hund zu. Er springt, wie ich erwartet habe, fiepend zurück. Bei so einem Hund ist es nur gefährlich, ihn nicht aus den Augen zu lassen und ihn vor allem nicht hinter sich zu lassen. Dieser Hund ist ein Hinterrücksangreifer. Von vorn fehlt ihm der Mut.
(Verlassen Sie sich nie darauf, wenn Sie nicht sehr gut im Lesen von Hunden sind.)
„Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass sie zwei Hunde haben und einer Ihrer Hunde beißt?" frage ich, nachdem ich auf der Couch Platz nehmen kann und der Dackelmix zwei Meter entfernt, am Sessel angebunden ist.
„Sie haben doch nicht danach gefragt," antwortet sie treuherzig.
Ich spiele kurz das Szenario durch, künftig JEDEN Hundebsitzer, der mich anruft zu fragen: „Okay, Sie sagen, ihr Hund jagt, aber haben Sie auch noch einen zweiten Hund, der beißt dazu?"
Ich verwerfe diese Variante.
„Hören Sie, Sie können doch nicht ernsthaft bei Besuch das Risiko eingehen, dass ein Mensch gebissen wird. Man sieht doch, dass dieser Hund bereits Erfahrung darin hat." Mein Hintern schmerzt trotz der festen Jeans gewaltig.
Die Frau schaut mich wieder erstaunt an.
Ich spüre, dass sie tatsächlich nicht versteht, warum ich diese Bagatelle so wichtig nehme. Sie hat offenbar noch nie gespürt, wie schmerzhaft ein harter Hundebiss sein kann, auch wenn er „nur" Hämatome zurücklässt.
In ihren Augen ist der Dackelmix ein Lämmchen.
Ich beginne mit der Theorie zum Fall und zeige dann in der Praxis meine Form der Führung an dem großen Hund. Oskar ist ein sehr hübscher weißer Pudelmix mit etwas Langhaarigem drin. Er wirkt zwar gestresst, ist aber der Ruhigere von den beiden. Bei der Arbeit ist er sehr kooperativ und konzentriert.
Nach der Übung setze ich mich wieder auf die Couch und bitte die Frau die Übung mit dem Dackelmix zu wiederholen.
Sie beginnt mit lascher Energie und der Hund tut ihr schon leid, bevor sie überhaupt angefangen hat. Ich muss dazu sagen, der Hund soll nur kurz auf einer Stelle bleiben, etwas, was jeder souveräne Leithund und jede Hundemama zum Schutz des Rudels zu tun im Stande ist.
„Warum bemitleiden Sie den Hund?" frage ich.
„Na ja, er ist aus Polen und er war ganz lange krank als Kind und er hat immer soviel Angst."
In dieser Aussage stecken für mich alle wichtigen Informationen.
Der Hund wird als Kindersatz verwendet und gebraucht und die Frau sieht NUR die Angst des Hundes und nicht auch die Aggression mit der er inzwischen handelt und die Überforderung aus der heraus er sich in ihr befindet.
Ich erkläre ihr gerade diesen Zusammenhang, als der Hund wie abgeschossener Pfeil hoch auf das Sofa schießt und mich erneut attackieren will. Im selben Moment wirft sich Oskar vor mich und wehrt den Dackelmix mit Bodyblocks ab. Er ist viel kräftiger und er könnte auch die Zähne einsetzen, aber hält tapfer den Schnappern des Dackelmixes stand und bringt „nur" seinen Körper zwischen mich und den Angreifer.
In diesem Moment begreife ich eine weiterhin tragische Realität, neben dem angstaggressiven Dackelmix.
Ich habe es hier bei Oskar mit einem sehr seltenen Exemplar von Leithund zu tun, der souverän und prompt handelt und sich lieber selbst verletzen lässt, als zu schnöseln. Auch mein Leithund, Wanja, in Russland und die Leithündin, Laska, waren so. Wanja wurde mitunter beim Streitschlichten im eigenen Rudel verletzt. Er selbst hat jedoch, nach meiner Kenntnis, nie einem anderen eine Verletzung beigefügt.
Stellen Sie sich vor, ein dreijähriges Kind würde sie schlagen. Sie schlagen nicht zurück. (Wenn ja, empfehle ich eine Beratung.)
So ist der Status eines souveränen Leithundes. Wenn unsichere Hunde meinen, mit Aggression zu einer Lösung zu kommen, reagiert der Leithund nicht auch mit Aggression.
Vielleicht muss man dazu wissen, dass ein Leithund seinen Status nicht besitzt, weil er der Stärkste ist oder der der Klügste. Er ist nicht der Bodyboilder oder der Mathematikprofessor unter den Hunden. Er ist der Souveränste von allen. Einer, der kluge Entscheidungen trifft, um Konflikte zu vermeiden. Nur Schnösel und Angsthasen fühlen sich in allem gemeint und reagieren auf alles übertrieben.
Dieser Hund hier, verhält sich wie ein Leithund.
Der Dackelmix knurrt, fletscht die Zähne, versucht immer wieder, an Oskar vorbei zu kommen und kapituliert dann schließlich vor Oskars ruhiger Kompetenz.
Die tragische Realität dabei ist, dass die Frau während der Szenerie mit auf dem Sofa sitzt und ruhig zuschaut und als Oskar sich erlaubt, die Zähne zu zeigen, sogar ruft: „Oskar, wirst du wohl." Der arme Oskar ist mit seinen Fähigkeiten komplett alleingelassen und das Schnöselverhalten des Dackelmixes wird komplett entschuldigt.
Wären es zwei Geschwister, so wäre das vergleichbar mit folgender Situation:
Der Knabe, Manfred, haut dem Knaben, Oskar, mit der Schippe auf den Kopf. Oskar hält den Kloppfern wacker stand und versucht durch Ruhe und eine Bewegungseinschränkung Beruhigung in die Situation zu bringen. Er sagt auch: „Naaaaa!", um den kleineren Bruder zu stoppen. Dann kommt die Mutter herein und sagt: „Oskar, wirst du wohl."
Toll.
Auch dieser Oskar hier schaut verzweifelt von einem zum anderen. Er versteht die Welt nicht mehr. Er ist das einzig kompetente Wesen im Raum und muss soviel Inkompetenz verkraften. Dann soll er sich im Alltag der Inkompetenz noch anvertrauen und auf sie hören.
Würde die Frau die Statusverteilung im Rudel akzeptieren und nicht weiter den von ihr vorgezogenen Dackelmix künstlich aufblasen, könnte sie sich einhundert Prozent auf Oskar verlassen. Sie müsste eigentlich nur ihm beistehen, dann würde auch der Dackelmixangsthase, dem eine riesige Aufgabe zugeteilt wurde, die er nicht erfüllen kann, Sicherheit gewinnen.
Ich mache ihr die Realität klar und weise sie darauf hin, dass sie ihr Verhalten grundlegend verändern muss, um Ruhe in dieses Rudel zu bringen.
„Er kann nicht allein sein. Nur darum geht es." Sagt die Frau, als hätte ich nichts gesagt.
„Das leuchtet mir ein." Antworte ich. „Wenn ich soviel zu beschützen hätte wie dieser Hund, würde es mich auch wahnsinnig machen, wenn die Schutzbefohlene einfach die Wohnung verlässt und mir die Tür vor der Nase zuschlägt und mir jede Möglichkeit nimmt, sie zu beschützen,
„Aber der Hund muss mich doch gar nicht beschützen." ruft die Frau genervt.
„Doch. Genau das sagen Sie ihm mit Ihrem Verhalten. Schon, indem Sie ihn all das tun lassen, was er tut, sagen Sie ihm, dass Sie wunderbar finden, was er macht. Setzt einer dann eine Grenze, wie Oskar, schimpfen Sie mit dem, der eine Grenze setzt. Das bestätigt den Kleinen ununterbrochen in seinen verzweifelten Bemühungen, etwas zu regeln, was er gar nicht einschätzen kann."
Die Frau ist unangenehm berührt. Sie verbindet offenbar mit dem Dackelmix ein sehr tiefes und benötigtes Gefühl, das sie nicht hergeben kann, um es gegen ein neues zu tauschen.
„Das ist nicht mein Problem. Er kann nur nicht allein sein." Wiederholt sie standhaft.
Hier beginnt mein Fehler.
Ich versuche weiter, ihr in freundlicher Weise ihr Missverständnis klarzumachen. Sie reagiert höflich und gibt vor, mit dem Dackelmix die Übung üben zu wollen, die wir zur Führung bereits angefangen haben. Auch will sie über das nachdenken, was ich gesagt habe und ihr Verhalten Oskar gegenüber ändern.
Zwei Wochen später, am Morgen unseres zweiten Trainingstages, ruft sie mich an.
„Ich habe Oskar weggeben. Es ging nicht mehr mit zwei Hunden. Ich muss heute länger arbeiten und kann die Stunde nicht wahrnehmen."
Mir ist sofort klar, dass sie die Stunde niemals wahrnehmen wird. Dass sie ihre Gefühle für den Dackelmix braucht, so wie sie sind.
Es tut mir sehr leid für den kleinen Dackelmix, der nun keine Entlastung finden wird. Vielleicht hätte ich anderen Zugang gefunden, wenn ich bestimmter gewesen wäre. Vielleicht auch nicht. Ein ungutes Gefühl bleibt.
Ich kann jedoch nicht verschweigen, dass ich mich für Oskar freue, der eine neue Chance bei anderen Menschen bekommen hat. Sicher kein Fehler!
Die Genauigkeit in Hundeperson
Wäre die weiße Schäferhündin, Suki, ein Mensch, so wäre sie sicher eine ausgezeichnete Buchhalterin oder Steuerberaterin, eben etwas worin man sehr genau sein muss. Sie reagiert punktgenau auf ihre Umwelt und wiederholt einmal eingeübte Dinge mit der Zuverlässigkeit einer Funkuhr.
Grit, ist das ganz Gegenteil. Sie ist locker, entspannt, neutral gegenüber Umweltreizen und fährt einen mit Blumen bemalten Hippiebus, der vor vielen Jahren einmal neu war.
Sie arbeitet als Sozialpädagogin an einer Schule. Im Erdgeschoß befindet sich „Die Station" für schulbezogene Sozialarbeit. Hierher können Kinder, Jugendliche und Eltern mit ihren Sorgen kommen. Oft ein Brennpunkt sozialer Probleme.
Meine Mitarbeiterin, Anja und ich sind einen Moment allein mit Suki, weil Grit zwei Jugendliche zur Therapie holt. In dieser Zeit werden wir mit missbilligenden Knurrseufzern beschallt. „Brrrrrhaaa, brrrrrrhaaaa."
Ich möchte betonen, dass es sich bei Suki nicht um ein aggressives Verhalten, sondern ausschließlich um Ängstlichkeit ohne Aggressionsverhalten handelt. Wir haben auf dem Hundeplatz mit heftigen Angriffssituationen getestet, ob Suki nach vorne gehen würde, wenn die Angst und der Schreck nur groß genug sind. Sie ging nie nach vorn.
Es gibt sicher Menschen, die bereits ein Knurren für eine gefährliche Aggression halten. Diese sollten sich fragen, was es dann bedeutet, wenn wir saftige Beschimpfungen durch unsere Autoscheiben schreien, weil andere nach unserer Meinung nicht Auto fahren können. Alles Mörder?
Ein Hund schreit nicht, er knurrt oder bellt.
Natürlich heißt das nicht, dass jeder Hund, der knurrt oder bellt frei von Aggression ist. Das kann man von Autofahrern auch nicht sagen. Suki jedoch will sich die von ihr empfundenen Bedrohungen einfach vom Leib halten.
Beim Nachdenken über diesen Fall und meinen anfänglichen Bedenken, was Suki's Anwesenheit in der Schule betrifft, erinnerte ich mich an ein Projekt in Mecklenburg, das ich ganz am Anfang meiner Trainerzeit für einen Monat begleitete.
Eine Frau, die mit Pferden und sozial gestörten Kindern arbeitet, hatte zwei Hunde aufgenommen, die aus einem Animal Hoarding Zusammenhang (Tierhortung) kamen. Die Hunde waren sehr ängstlich und weigerten sich, eine dunkle Stelle des Stalles zu verlassen, die sie für sich, im neuen zu Hause, als Versteck gefunden hatten.
Die Frau rief mich an, weil sie Hilfe für diese Hunde brauchte. In meiner dritten Stunde dort, hatten wir die Hunde so weit, dass sie uns an der Leine über den Hof folgten und sich dabei füttern ließen. Zur selben Zeit trainierte eine Kollegin der Frau mit Jugendlichen und Pferden.
Einige Jugendliche schauten neugierig zu uns herüber und einer Intuition folgend, fragte ich, ob jemand bei der Therapie der Hunde mithelfen möchte.
Ich erzählte ihnen, dass beide Hunde bereits schlimme Erfahrungen mit Menschen machen mussten, jetzt Angst haben und aus dieser Angst heraus auch knurren, wenn ihnen jemand zu nahe kommt.
Als ich das Problem der Hunde beschrieb, sah ich im Gesicht eines Jugendlichen eine erstaunliche Wandlung vor sich gehen. Sein verschlossenes, cooles Gesicht schien wie von einer Berührung erwärmt. Es taute auf in einen mitfühlenden Blick und besonders der schwarze Hund Lucky, der seinen Namen bisher wie zum Hohn auf sein Schicksal trug, zog ihn an. Er und ein zweiter Jugendlicher, beide 14 Jahre, erklärten sich bereit, mit den Hunden zu arbeiten.
Der Junge, den ich einmal Johannes nenne, hatte denselben Hintergrund wie die Hunde. Auch er hatte sehr schlechte Erfahrungen mit Menschen (Eltern) gemacht, hatte Gewalt erlebt und danach selbst Gewalt ausgeübt, um ihr nicht mehr ausgesetzt zu sein.
„Wenn ich zuerst angreife, passiert mir vielleicht nichts", ist auch die Devise bei Hunden, die aus Angst nach vorn gehen.
Wir trainierten über den Monat sehr behutsam eine Annäherung zwischen ihm und Lucky und man spürte Johannes wachsen, während der Hund Vertrauen fasste. Es war, als ob Lucky ihm beweisen würde, dass man Ängste überwinden kann und dass Johannes selbst etwas zu geben hat und nicht nur Opfer ist. Die Beziehung zwischen Johannes und Lucky wurde so eng, dass Johannes täglich auf die Pferdefarm kam, um Zeit mit dem Hund zu verbringen. Seine Eltern erlaubten ihm leider keinen Hund, sonst hätten wir ihm Lucky sehr gern anvertraut. Der andere Jugendliche hatte nicht so einen langen Atem, schaffte jedoch auch, dass Vertrauen des anderen Hundes zu gewinnen. Mein schönstes Erlebnis war, als ich überraschend auf der Farm auftauchte, um einen Antrag für das Jugendamt abzugeben. Ich lief am Stall vorbei und hörte Johannes Stimme dünn, wie ein kleiner Junge, sagen:
„Was für ein Guter du doch bist. Mein Luckydog."
Ich muss gestehen, dass ich durch eine Lattenritze lugte und schlucken musste, als ich Lucky und Johannes nebeneinander im Heu sah. Der Hund hatte seinen Kopf auf die Oberschenkel des Jungen gelegt und der Junge hatte seine Hand auf seiner Flanke. Sie lagen da ruhig und mir wurde jetzt, in diesem so stillen Moment das ganze Ausmaß der schweren Vergangenheit deutlich, die beide so verband, dass sie füreinander Zukunft waren.
Die ängstliche Suki und die Station für soziale Arbeit mit Jugendlichen erschienen mir bei dieser Erinnerung plötzlich wie füreinander gemacht.
Beim ersten Treffen helfen uns Simon und Angie, die bisher immer angeknurrt wurden, wenn sie das Büro betreten wollten. Simon ist ein laut agierender Junge, der seinen Raumeinnehmenden Leib unter einem weiten T-Shirt verbirgt und seinen Kopf unter einer Kapuze. Angie ist ein Mädchen mit einer herzlichen Ausstrahlung.
Ich bringe Suki „Touch" bei, also mit der Schnauze meinen Handrücken zu berühren. Dann lege ich meine Hand über die Hand von Angie, um sie nach jedem Touch ein wenig mehr zur Seite wegzuziehen, so dass Angies Hand mehr und mehr zum Vorschein kommt.
Die meisten Hunde würden nun im Eifer und in der Fressgier automatisch weiter Touch machen, oft ohne überhaupt zu bemerken, dass es sich inzwischen um eine andere Hand handelt. Nicht so Suki, die trotz Fressgier und schnellem Tempo sehr genau darauf achtet, nicht aus Versehen an die fremde Hand zu kommen.
Ich versuche einen Trick und lege meine Hand einfach unter die von Angie, so dass ihr Handrücken jetzt oben ist. Ohne eine Sekunde zu zögern, taucht Suki unter unseren Händen durch und stupst mich von unten in die Innenfläche meiner Hand.
Grit wiederholte die Übung mit Simon und demselben Resultat. Suki achtet peinlich genau darauf, nur Grits Hand zu berühren. Wie konnten wir nur annehmen, dass der genauen Suki ein Versehen unterläuft.
Dennoch können die Jugendlichen durch diese Denkübung neben Suki stehen, ohne dass diese auf sie reagiert.
Heute unterstützen uns Armin und Samantha. Beide sind cirka 15 Jahre. Armin ist ein hübscher Junge, dem eine Zahnspange besonderen Charme verleiht. Er wirkt schüchtern, aber auch neugierig und intelligent. Die Kriegsbemalung um Samanthas Augen verbirgt leider die Augen selbst. Durch die Schminke ist schwer zu sagen, was Samantha für einen Gesichtsausdruck hat. Er ist fest aufgemalt und fixiert. Sie trägt körperbetonte Kleidung mit rosa Aspekten. Samantha wirkt freundlich und unsicher.
Wieder kommt der lange Holzkochlöffel zum Einsatz, der schon in der Geschichte "Die Tankstelle" eine Rolle spielte.
Hier jedoch hat er die Funktion eines Abstandhalters bei gleichzeitiger Kontaktaufnahme. Wir gehen heute behutsamer vor, um zu erreichen, dass Suki eine fremde Hand berührt.
Armin hält ihr den Löffel entgegen, an dessen Ende etwas Leberwurst ist.
Suki begutachtet die Situation, toleriert sie und folgt dem verlockenden Duft der Leberwurst.
Armin fasst den Löffel bei jedem Angebot eines neuen Leberwursthappens kürzer, bis er mit seiner Hand an Sukis Schnauze angekommen ist. 

Dann hält er nur seine Hand hin und bringt Suki dazu, Touch zu machen. Alles klappt sofort. Wir sind platt.

Suki scheint die schüchterne Art Armins sehr zu mögen und sich bei ihm sicher zu fühlen. Ein Hund spiegelt nicht unser Verhalten, sondern unsere Persönlichkeit wieder, weil er auf die Energie reagiert, die man ihm entgegen bringt. Arnim hat offenbar eine Energie, die Suki angenehm ist.
Eine weitere Herausforderung ist das Herkommen für Suki, die sich grundsätzlich nicht auf fremde Menschen zu bewegt. Angie wurde noch eine halbe Stunde zuvor von ihr angeknurrt. Weil sie etwas unsicherer ist als Arnim, zieht sie ihre ausgestreckte Hand immer ein kleines Stück zurück, sobald Sukis Nase sich nähert. Dennoch bewegt sich Suki auf sie zu und lässt sich kurz streicheln. „Sie mag es noch nicht wirklich." sagt Samantha absolut genau die Situation erfassend. 

Eine eindrucksvolle Vorstellung von Sukis Genauigkeit ist auch bei der nächsten Übung zu sehen. Grit, Anja, Angie und Armin setzen sich im Kreis und lassen Suki Touch machen.
Sie geht tatsächlich von Mensch zu Mensch und bei Arnim angekommen, hebt sie sogar die Pfote zum Pfötchen geben. Arnim scheint „Hundeflüsterer"-Qualitäten zu haben, denn zu ihm hat sie das meiste Vertrauen. Ich ermuntere ihn, die Hand noch einmal hinzuhalten und tatsächlich gibt Suki bereitwillig Pfötchen. Von da ab stupst sie jedem in der Runde bei dem Signal „Touch" an den Handrücken, nur Armin gibt sie vor jedem Stupsen prompt und zuverlässig auch noch Pfötchen. Man sieht ihr förmlich an, welche Freude es ihr macht, nicht vergessen zu haben: „Das war der Junge, bei dem Touch hieß: Stupsen UND Pfötchen geben." 
Wir beenden die Stunde mit einer Anschauübung. Suki bellt oft, wenn man sie ansieht. Es ist ihr sehr unangenehm. Sie soll lernen, dass unser Anschauen keine Drohgebärde darstellt.
Armin hält Futter in der geschlossenen Faust und Suki versucht heran zu kommen. Sie knabbert vorsichtig, stupst, pfötelt an der Hand. Die Faust bleibt geschlossen. Irritiert schaut sie ganz kurz zu Arnim hinauf, der sofort die Faust öffnet. Tatsächlich schaffen so alle Anwesenden, einen Blickkontakt zu ihr aufzubauen und Suki zu zeigen, dass es nicht nur ungefährlich ist, Menschen anzuschauen, sondern sie dadurch auch manchmal zu Lösungen für ein Problem kommen kann.
Man merkt den Jugendlichen an, dass sie sich nur schwer aus der Situation lösen können, als wir sie verabschieden. Sie haben das wunderbar gemacht und wir haben heute viele erste Schritte auf dem Weg zu einer Annäherung geschafft.
Die unterschiedlichen Charaktere von Grit und Suki jedoch führen zu einem noch ganz anderen Problem. Suki zeigt ein eindeutig territoriales Verhalten, das durch ihre Ängstlichkeit noch verstärkt wird. Sie erträgt es nicht, dass Fremde einfach so den Raum, der ihr Territorium darstellt, betreten.
Während die penible Suki bereits knurrt, wenn sich jemand der Tür von außen nähert, reagiert die entspannte Grit erst auf deren Knurren, wenn Besucher schon im Raum sind und Sukis Knurrmonologe kein Ende nehmen. Ihre Modulationsvarianten, um Missmut, Unwillen oder Unsicherheit auszudrücken, sind sehr umfangreich. Suki gewinnt natürlich den Eindruck, dass das entspannte Frauchen pennt und die Gefahr gar nicht bemerkt hat, weil sie ja viel zu spät reagiert. Suki MUSS also sehr lange knurren, damit ihr Frauchen überhaupt reagiert.
Stellen Sie sich vor, Sie wären ein ganz penibler Mensch und ein Chaot in Ihrer Familie schmeißt jedes Mal beim Nachhausekommen seine Sachen in den Flur, um sie später wegräumen zu wollen. Sie werden nicht verstehen können, wieso es ihn nicht im Geringsten stört, dass Sachen herum liegen. Es wird sie wahnsinnig machen, dass jemand ihre Ordnung stört.
Sukis Ordnung heißt: Wo ich liege, kommt kein anderer hinzu. Der Platz ist belegt.
Auch vergleichbar mit dem Handtuch, das ein deutscher Hotelgast 5.00 Uhr früh auf einer Liege am Swimmingpool auslegt. Sie alle wissen, was passiert, wenn man sich auf so eine reservierte Liege legt.
Suki ist quasi ihr eigenes Handtuch.
Die Schwierigkeit hier in der Situation mit Grit und Suki besteht darin, dass beide völlig verschiedene Wahrnehmungen derselben Situation haben. Grit muss lernen, die Welt ein wenig mehr wie Suki zu sehen,
was sie dazu zwingt, genauer zu werden.
Grit blickt bei dieser Eröffnung auf Suki und sagt entgeistert: „Eine penible Buchhalterin habe ich als Hund, na so was."
Wichtig wird jetzt, dass Grit bei Besuchern schneller, oder zumindest genauso schnell ist wie Suki. Sie muss also bereits mit einem Warnlaut zu Suki hin reagieren, wenn diese den Kopf hebt, um zu knurren. Suki lernt dadurch, dass Frauchen alles mit bekommt und es als ihre Baustelle betrachtet, mit dem Folgenden umzugehen. Grit muss Suki jetzt also zeigen, dass sie sich in der Situation auskennt, damit Suki sich dafür nicht mehr verantwortlich fühlt.
Sie wissen, wie das ist:
Wenn einer den Weg kennt, läuft der andere nebenher und achtet gar nicht mehr darauf.










Besondere Felle














