Die Zughunde als Helfer bei den Berliner ForstenDie Geschichte der Zughunde

Text: Thomas Böhm/Fotos: Sönke Tollkühn

Viele Hundehalter ärgern sich, wenn ihr Vierbeiner wie verrückt an der Leine zerrt und sie in eine Richtung zieht, in die sie nicht wollen. Man muss in so einem Fall aber nicht gleich den  Hundetrainer zu Rate ziehen. Die Mitarbeiterin der Berliner Forsten, Susanne Preuß, 46, hat eine ganz einfache Erklärung dafür und auch keine Probleme damit, wenn ihr dreijähriger Aaron sie durch den Wald zieht:
„In den großen und starken Rassen wie meinem Großen Berner Sennen steckt immer noch viel Zughundeblut. Hunde wurden früher als Nutztiere gehalten. Die mussten schwer arbeiten, wurden nicht so verhätschelt und verwöhnt wie heute. So ein kräftiger Kerl hat immer noch seinen Spaß, wenn er was hinter sich her ziehen kann."


Über tausende von Jahren schufteten die Zughunde an der Seite der Menschen. Sie transportierten Obst und Gemüse von den Bauernhöfen auf die Märkte, schleppten in den Kriegen die Kranken in die Hospitäler und halfen beim Wiederaufbau der zerstörten Städte, in dem sie unermüdlich Steine und anderes Baumaterial hin und her transportieren. In der Zeit des Rokokos waren sie die Zierde der Fürsten und Reichen, zogen prunkvolle Kutschen durch die Parks. Aber die meiste Zeit galt der Zughund als „das Pferd der armen Leute".Schon damals dienten die Zughunde als Warenlieferanten für die Großstädte
Preuß: „Wir haben den Zughunden noch mehr zu verdanken. Das erste Tierschutzgesetz wurde 1886 beschlossen, tragende Hündinnen durften nicht mehr vor den Karren gespannt werden. Etwa zur gleichen Zeit wurde der erste Führerschein eingeführt, der die Tauglichkeit der Tiere überprüfte. Weil es zu Stoßzeiten (bis 1900 waren 15.000 Zughunde unterwegs) immer wieder zu Verkehrsunfällen gekommen war, trat vor 150 Jahren die Regel „Rechts vor Links" in Kraft. Für die Berliner Forsten holten sie fleißig Stämme aus dem Wald, von dort, wo kein Pferd hineinpasste. Im Jahr 2000 ging der letzte Zughund in Rente."
Aaron ist trotzdem jeden Tag mit Frauchen im Wald und hilft ihr als „freier Mitarbeiter" bei der Holzarbeit.
Ohne die Zughunde wären viele Transporte nicht möglich gewesenBis zum 5fachen seines eigenen Körpergewichtes kann ein kräftiger Rüde wie Aaron in seinem Brustblattgeschirr ziehen, dabei fällt er in leichten Trab (6- 10 km/h) und schafft locker Strecken von bis zu 10 Kilometer ohne große Pause bis zu einer Temperatur von 25 Grad. Wird es wärmer, muss abgespannt werden. Die Ausbildung ist einfach. Die jungen Hunde werden neben den Erfahrenen gespannt, „learning by doing", Befehle wie „Los", „Halt", „Links", „Rechts" oder „Geradeaus" werden so schnell umgesetzt.
Preuß: „Hunde sind schlauer, als viele denken. Schon nach dem zweiten Mal finden sie den Weg, nicht nur nach Hause, von ganz allein."
Immer wieder Sonntags, zieht die Chefin des Begleit- und Zughundesportverein Berlin die Tracht eines Milchmädchens an und erzählt den Besuchern historische Geschichten. Anschließend geht es mit einem sportlich leichten Sacco-Card raus in die Natur. Dann ziehen die Hunde wie verrückt und Herrchen darf sich freuen.
Mehr Infos: www.zughund1.de, Susanne Preuß: „Der Zughund einst und jetzt" (Kynos Verlag)Ein Schluck aus der Kanne: Das Milchmädchen