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Der Grammophon-Terrier

Kein Hund auf der Welt hat sich so oft im Kreise um sich selbst gedreht wie „Nipper". Nipper ist der Name eines Terriers, genauer gesagt eines Parson Jack Russel Terriers, und er ist unzweifelhaft der berühmteste Reklame-Hund, den es je gegeben hat. Sein Bildnis schmückte jahrzehntelang das Schallplatten-Label der „Deutschen Grammophon Gesellschaft". Und für sie drehte Nipper auf der schwarzen Scheibe seine Runden. Das Label zeigt den Hund vor einem Tichter-Grammophon sitzend und, den Kopf leicht nach links geneigt, aufmerksam lauschend. Ist das die Stimme seines Herren, der er lauscht? Die drei Worte „His Master's Voice" sind mit dem Vierbeiner aufs innigste verbunden - jeder Musikfreund kennt das Bild und den Slogan.
Bevor wir Nippers spannende Lebensgeschichte erzählen, zunächst eine Vorbemerkung zu dem eigenwilligen Namen der Hunderasse Parson Jack Russel Terrier. Benannt ist sie nach Jack Russel, der ein „Parson" (Pfarrer) und Züchter war. Im Jahre 1819 erwarb er eine kleine Terrier-Dame, nannte sie „Trump" (Trumpf) und machte sie zur Stammutter der neuen Terrier-Rasse.
Obwohl kleiner als der Foxterrier, ist der Parson Jack Russel Terrier robust, drahtig, furchtlos, gleichzeitig aber auch freundlich und gut gelaunt. Immer zum Spielen aufgelegt, tobt er gern mit Kindern und ist ein echter Familienhund. Sein weißes Kurzhaarfell und die braunen Ohren, meist gepaart mit zwei Augenflecken, sowie einem Fleck über der Schwanzwurzel verleihen dem Tier ein clowneskes und drolliges Aussehen.
Von Trump also stammt Nipper ab, der seine Jugend, oder sagen wir treffender seine „Welpenzeit", in Bristol verbrachte. Das ist ein schöner englischer Ort, eine Sieben-Hügel-Stadt im Küstenbereich westlich von London. Von hier aus nahmen im 19. Jahrhundert die Großsegler Kurs auf den weiten Atlantik. Der Seewind und die grüne Umgebung der Stadt boten einem kleinen Hund, eine abwechslungsreiches Dasein, aber was nutzt das alles, wenn man kein Zuhause hat? So bummelte Nipper durch die Straßen und Gassen von Bristol auf der Suche nach einem Herrchen. Eines Tages, das war im Jahre 1884, lief er Mark Barraud über den Weg. Es muß Zuneigung auf den ersten Blick gewesen sein. Mark Barraud fand Gefallen an dem Streuner und - wir vermeiden bewußt das Wort „Straßenköter" - nahm ihn mit nach Hause. Es war der Beginn einer tiefen Freundschaft.
Mark war es, der seinem neuen Begleiter den Namen „Nipper" gab, weil der Vierbeiner eine Unart von der Straße mitgebracht hatte: Er zwickte die Besucher seines Herrn gern in die Hacken („to nip" heißt im Englischen „kneifen oder zwicken"). Wohlgemerkt: Nipper hat nur gezwickt, nicht gebissen! Vielleicht hat Mark bei dem Namen auch an die englische Redewendung „to be nip and tuck" gedacht, was ein Ausdruck der Zärtlichkeit ist und sinngemäß mit „Kopf an Kopf liegen" zu übersetzen ist.
Das Glück zwischen Herrn und Hund war leider nicht von langer Dauer. Nach drei Jahre war Marks Lebensuhr abgelaufen. Er starb im besten Mannesalter. Nipper war plötzlich wieder herrenlos. Was nun? Was sollte aus ihm werden? Glücklicherweise hatte Mark noch einen Bruder, der Kunstmaler war und Francis Barraud hieß. Der setzte den Hund nicht auf der Straße aus, sondern ließ sein Herz sprechen. Schließlich war Nipper der Liebling seines älteren Bruders.
Francis Barraud, Nippers neuer Besitzer, wohnte nicht in Bristol, sondern weiter nordwärts, in Liverpool. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf, an dessen Ende ein Straßenhund zum „Schallplatten-Star" aufstieg, wenn auch nur mit seinem Bildnis auf dem Label von Millionen schwarzer Musikscheiben.
Francis Barraud hatte in seinem Atelier einen Phonographen, so hieß das Tonaufzeichnungsgerät, das Thomas Alva Edison 1877 erfunden hatte. Jedesmal wenn Francis das Gerät mit der Handkurbel aufzog, um ihm Töne zu entlocken, setzte sich Nipper davor und lauschte den Stimmen, die aus der großen Tüte kamen.
Wiederholt beobachtete der Maler die Szene, war beeindruckt und gerührt. Vielleicht hat er dabei gedacht, daß der Hund unter den Geräuschen aus unbekannten Sphären die Stimme seines Bruders herauszufiltern versuchte? Wie auch immer: Im Kopf des Künstler formte sich ein Bild, das er auf die Leinwand bannte und später unter dem Titel „His Master's Voice" (Die Stimme seines Herrn) weltberühmt werden sollte.
Aber soweit war es noch nicht, weil außer Francis kein Mensch von dem Bild beeindruckt war. Als der Maler es 1899 in der Londoner Royal Academy ausstellen wollte, lehnte die Jury ab. Auch der nächste Versuch, die Szene in einem Magazin zu veröffentlichen, scheiterte. Ein Mißerfolg reihte sich an den nächsten. „Kein Mensch versteht, was der Hund vor einem Phonographen tut", krittelten die einen, und die anderen begründeten ihre Absage mit Kopfschütteln: „Hunde sitzen doch nicht vor einem Phonographen und hören zu!!" Soviel Absagen - Francis Barraud verstand die Welt nicht mehr...
Als der Maler sich mit seinem Pech abfinden wollte, riet ihm ein Freund, das Bild zu „modernisieren". Inzwischen war nämlich der Phonograph mit der Edison Walze veraltet. 1887 hatte Emil Berliner, ein Amerikaner deutscher Herkunft, das Schallplatten-Grammophon erfunden. Dieses verbesserte Tongerät, das statt der Walze einen Plattenteller hatte, war die neueste technische Errungenschaft der Musikindustrie. Das Grammophon war sozusagen der letzte Schrei.
So malte Francis Barraud eine zweite Fassung seines Gemäldes, auf dem Nipper nicht vor dem Phonographen mit dem dunklen Trichter, sondern vor einem aktuellen Gerät mit metallglänzender Lautsprecher-Tüte saß. Und prompt meldete sich ein Interessent, der mit dem Gemälde sein Büro schmücken wollte. Es war Garry Owen, Manager der Londoner Gramophone Company. Francis Barraud kassierte 100 Pfund und übersah in seiner Freude, daß er auch die Urheberrechte verloren und damit ein Millionenvermögen aus der Hand gegeben hatte. Aber das konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen...
Das Bild wäre vermutlich unentdeckt geblieben, wäre nicht eines Tages Emil Berliner in London aufgetaucht, wo er das originelle Gemälde in Owens Büro sah. Er erkannte sofort die Werbekraft des Bildes für den Vertrieb seiner Schallplatten und bat Francis Barraud um eine Kopie. Was danach folgt, ist Geschichte...
Daß diese Geschichte ihren Anfang in einem Künstleratelier in Liverpool, der Heimatstadt der Beatles, nahm, mag Zufall sein. Kein Zufall ist, daß sie die Welt mit ihren Stimmen eroberten, während Nipper bis heute zum Symbol des aufmerksamen Zuhörers geworden ist.
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