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Der Gutachter

Nach dem Drama in Cottbus wird mal wieder viel diskutiert über die Gefährlichkeit von Hunden. Einige Boulevardblätter stellten gar die Frage: "Steckt in jedem Hund ein Killer?". Man hätte auch fragen können: "Ist jeder Aufofahrer ein Massenmörder?" oder "Ist jeder Katholik ein Kinderschänder?" Enrico Lombardi, Leiter des DogCoach-Instituts in Berlin, hat jeden Tag mit "gefährlichen Kreaturen" zu tun. Er prfüft das Wesen von so genannten Listenhunden und stellt den Sachkundenachweis aus. Tausend Tölen hat ihn bei seiner Arbeit begleitet.
Isa Genthner, 26, aus Kreuzberg ist aufgeregt. Ihr geliebter Staffortshire-Mix Cash, eine "38-Kilo-Granate", muss heute zum TÜV. Zwar hat die Kellnerin mit 50 von 60 richtigen Antworten ihren Sachkundenachweis gut bestanden, aber jetzt ist der Vierbeiner fällig, muss unter den strengen Augen des Gutachters Enrico Lombardi, 37, den Wesenstest bestehen. Der Hundeprofi ist einer von 49 Sachverständigen, die von den Berliner Veterinärämtern anerkannt und bestellt werden und Cash ist ein Listenhund und mit 16 Monaten im Flegelalter. Er hat zwar niemanden gebissen, aber da seine Rasse als gefährlich eingestuft wurde, reichen Maulkorb und Leine nicht aus.
Isa: „Mein Cash ist ein ganz Lieber. Aber ich weiß, so ein Hund ist und bleibt immer eine Herausforderung. Deshalb finde ich es wichtig, dass er von einem professionellen Hundeverhaltenstherapeut unter die Lupe genommen wird."
Als erstes will Enrico Lombardi testen, ob von Cash eine gesteigerte Aggressivität ausgeht:
„Ich muss genau hingucken. Eine normale Aggression gehört zum Verhalten eines jeden sozialen Lebewesens dazu. Sie ist notwendig, um sich zu schützen und sich Vorteile zu verschaffen. Das ist bei uns Menschen genau so."
Enrico hat einen Dummy präpariert - eine täuschend echt wirkende Schäferhundattrappe. Die legt er aufs Pflaster und fordert Isa auf, mit Cash an der Leine vorbeizugehen. Der Maulkorb wurde für diese Prüfung abgelegt. Cash reagiert bei dieser Begegnung erst unsicher, dann fängt er an zu knurren. Als immer noch nichts passiert, schnappt er sogar nach dem vermeintlichen Artgenossen. Enrico Lombardi bleibt locker:
„Das war keine Attacke, sondern kommunikative Signale. Cash will sich gegenüber Konkurrenten durchsetzen. Das ist nachvollziehbar, aber unerwünscht."
Dafür zeigt sich der Rüde gegenüber einem Ball spielenden Mädchen gelassen. „Prima" kommentiert der Hundetrainer. „Cash ist nicht auf das Beutefangspiel fixiert und will auch keine Ressourcen verteidigen. In dieser Situation ist er sehr gut führbar."
Aber nun wird es für den temperamentvollen Rüden richtig stressig. Es geht in die Schlossstraße, ins Einkaufszentrum, in den Fahrstuhl und zu guter letzt noch runter in die U-Bahn.
Enrico: „Ein Wesenstest ist nur sinnvoll, wenn er in alltäglichen Situationen durchgeführt wird. Der Hund muss lernen mit unbekannten Reizen umzugehen." Cash wirkt in der Enge leicht angespannt, aber erst als ein weiterer Hund aus der U-Bahn steigt, zeigt er wieder sein konkurrenzbedingtes Aggressionsverhalten.
Enrico ist dennoch zufrieden. Cash hat den Wesenstest bestanden, Isa allerdings bekommt ein paar Aufgaben mit auf den Weg.
Enrico: „Cash zeigt sich gegenüber Artgenossen unsicher und von daher auffällig. Da er aber die Eskalationsstufe einhält, kann ich von einem arttypischen Verhalten ausgehen. Ich empfehle aber eine Kastration, um den Testosteronspiegel zu senken und eine Hundeschule, in der Cash lernt, sich bei Begegnungen mit anderen Vierbeinern neutral zu verhalten. Auch ein bestandener Wesenstest ist keine lebenslange Garantie. Das gilt für uns Zweibeiner ja auch."
Isa ist glücklich, ihren Liebling mit Maulkorb behalten zu dürfen, Enrico empfängt einen neuen „Kunden". Eine alte Dame mit einem Dackel. Ein richtiger Giftzwerg, der sich immer wieder mit größeren Hunden anlegt.
Info: Sachkundenachweis und Wesenstest kosten zusammen 110 Euro und sind wiederholbar.
Durchgeführt mit einem Dummy, um gesetzte Kommunikationssignale auszuschließen. Der Hund soll sich mit dem „Objekt" Artgenosse auseinandersetzen. Es soll aufzeigen, ob ein Tier auf Schärfe trainiert wurde.
Analyse:
Cash besitzt eine natürliche Unsicherheit, welche mit einem offensiven Temperament und testosterongesteuerten Konkurrenzverhalten aufheizt. Seine Verhaltensweisen zeigten, durch langsame Annäherung und Bogen laufen, dass er Konflikte zum einen nicht möchte. Zum anderen möchte er sich gegenüber potenziellen Konkurrenten durchsetzen. Als die Situation sich nicht auflöste versuchte Cash über knurren und letztendlich abschnappen, die Distanz zu vergrößern. Es waren keine Attacken, sondern kommunikative Signale. Die Verhaltensweisen sind unerwünscht, aber nachvollziehbar.
Diagnose:
Cash sollte die Hundebegegnung positiviert werden. Es wurden Ausbildungsmaßnahmen empfohlen, welche dem Hund Alternativen im Verhalten ermöglichen. Er muss lernen, gegenüber Artgenossen eine Neutralität zu entwickeln. Die Senkung der hormonellen Ausschüttung von Testosteron, kann über eine Kastration erzielt werden.
Durchgeführt mit einem Ball spielenden Kind. Bezogen auf die etwas andersartigen Bewegungen von Kindern und dem Ballfangspiel, welches als Beutefangspiel durch einen Hund verstanden wird, wurde hier diese Situation simuliert.
Analyse:
Cash zeigte sich orientiert, aber nicht sonderlich interessiert. Die Bewegungen des Kindes und des Balles aktivierten keine Beutefangverhalten und auch keine ggf. resourcenbedingte Aggression.
Diagnose:
Der Hunde zeigte sich gegenüber dem Reiz stressresistent und führbar.
Wird durchgeführt, da die sog. Rollkoffer von den Geräuschen ein gewissen Reiz, vor allem auf unsichere Tiere, ausführt. Ferner bewegen sich die Menschen oft frontal aufeinander zu, was auf Hunde wie eine Provokation wirkt. Diese laufen einen Bogen und fixieren sich nicht.
Analyse:
Cash zeigt sich orientiert, aber nicht sonderlich interessiert. Auch hier ist sein offensives Temperament für diese Aufmerksamkeit verantwortlich. Eine offensive Reaktion erfolgte aber nicht.
Diagnose:
Verhalten ist als alltagstauglich einzuschätzen. Keine offensichtliche Gefahr für dritte.
Hund wird auf glattem Untergrund geführt, Passanten kommen unkoordiniert von allen Seiten. Der Hund ist mit alltagsüblichen Situationen konfrontiert, welche Stressreaktionen hervorrufen.
Analyse:
Cash zeigte sich im Gesamtverhalten ruhig und ausgeglichen. Der Kontakt mit Menschen ist ihm nicht fremd und die Reizsituationen bewirkten bei ihm keine Veränderung im neutralen Verhalten.
Diagnose:
Der Hunde zeigte sich gegenüber allen auftretenden Reizen stressresistent und führbar.
Der Hund ist in einem engen Raum konfrontiert, da es wenig Möglichkeit zum Ausweichen gibt. Er muss sich Reizsituationen stellen und eine Neutralität ausstrahlen. Zusätzlich wirkt die untypische senkrechte Bewegung vom Lift. Mit neuen, für ihn unbekannten Reizen, muss ein Hund lernen umzugehen. Dabei greift er auf bewährte Verhaltensweisen zurück.
Analyse:
Cash zeigte sich im Gesamtverhalten leicht angespannt und gestresst. Er orientierte sich aber sehr schnell am Hundehalter und die ausgestrahlte Gelassenheit und Ruhe übertrug sich dann auf ihn. Einsteigende Passanten mit Kinder haben kaum sein Interesse gefordert, er blieb ruhig und über Habituation (Gewöhnung) wurde die Fahrt neutralisiert.
Diagnose:
Der Hund zeigt sich am Halter orientiert, führbar und ruhig.
Der Hund wird mit Reizen konfrontiert, welche durch öffentliche Verkehrsmittel ausgehen. Menschen bewegen sich schneller und hektischer, die Geräuschkulisse ist größer, die Objektkonfrontation enormer und beweglich.
Analyse:
Cash zeigte sich im Gesamtverhalten leicht gestresst, aber kontrollierbar. Erst als ein Hund aus der U-Bahn kam wurde sein konkurrenzbedingtes Aggressionsverhalten aktiviert. Gegenüber Menschen verhielt sich der Rüde desinteressiert und neutral.
Diagnose:
Verhalten ist als alltagstauglich einzuschätzen. Keine offensichtliche Gefahr für dritte.
Zusammenfassung:
Cash hat ein unsicheres Wesen, mit offensivem Temperament. Er ist ein Hund, der einer positiven Orientierung bedarf und einer konsequenten Führung. Seine Verhaltensweisen gegenüber Artgenossen sind über entsprechende Ausbildungsmaßnahmen therapierbar.
Text: Thomas Böhm/ Fotos: Sönke Tollkühn
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