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Auf dem Weg in ein neues Leben
Wir kommen im Dunkeln in Duisburg an.
Meine Trainerkollegin, Anja Baumert, betreut meine zwei Hunde, Viktor und Frieda in Berlin. Unsere Mitarbeiterin, Freerke de Buhr ist bei mir, um mich zu unterstützen. Ein gutes Team ist alles.
Die letzten Kilometer vor Duisburg, nach einer sechsstündigen Fahrt, bei der wir noch Panja, eine Pudelhündin aus dem Tierschutz an einer Raststätte in Hannover übergeben, reden wir wie die Weltmeister. Die Anspannung und Aufregung auf den bevorstehenden Moment ist so groß, dass wir Worte wie Pflastersteine in jede mögliche Pause zementieren, damit die Gefühle nicht aufsteigen können, die uns bewegen. Man nimmt nicht jeden Tag ein neues Familienmitglied auf. In diesem Falle eines, das auch noch krank ist. Auch Freerke hat ihre kleine, damals kranke, Smilla aus dem Tierschutz und erlebt ihre eigene Geschichte noch einmal mit.

Die Tür von Susanne Löttgen vom Verein „Tiere in Not in Griechenland" öffnet sich und drei Tiere kommen auf uns zu. Ein Welpe, der Haushund und ein Erdmännchen. Margot steht auf den Hinterbeinen und bewegt ihre Vorderpfötchen in einer nervösen Schaufelbewegung. Ich kenne diese Gebärde schon von Bichon`s. Sie haben schnell raus, dass ein Leckerli, oder Aufmerksamkeit folgen, wenn sie ein Hundeerdmännchen geben. Das kann lustig aussehen, wenn ein Hund es mit Freude tut. Bei Margot jedoch sieht es einfach verzweifelt aus.
Ich freue mich, endlich Evi, die griechische Tierschützerin, kennen zu lernen, die schon meine Frieda gerettet hat, die ich vor 8 Monaten aufnahm. Jetzt ist auch Margot in Sicherheit.
Evi macht auf mich den Eindruck einer einfachen und sehr herzlichen Frau. Sie arbeitet in Griechenland täglich in einer Fabrik und abends in einer Taverne. Wie sie noch schafft die 140 Hunde zu füttern, die sie aktuell im Tierheim mit nur einem Mitarbeiter betreut, sie zum Arzt zu bringen, ihnen Medizin zu geben und sie aus schrecklichen Umständen des griechischen Alltags zu retten, ist mir ein Rätsel.
Ich bin so beeindruckt von ihrer Arbeit, dass es einfach ein ganz anderes Thema ist, wenn es die gutmütige und einfache Evi reizend findet, dass Margot auf den Hinterbeinen steht und in die Luft schaufelt.
Ich kann in Margots Gebärde nichts Niedliches, oder gar Lustiges sehen. Für mich liegen einfach Verzweiflung und Angst in ihrem Ausdruck. Es gibt ein Video, das Evi in Griechenland aufnahm, um die Putzigkeit des Hundes zu zeigen. Sie animiert Margot darin, das Erdmännchen zu machen und man hört ihr entzücktes Lachen darüber. Sicher keine Reaktion, die nicht auch vielen anderen Menschen aus Unkenntnis passieren würde.
Ich kann auf dem Video jedoch nur Verzweiflung, das Flehen um Aufmerksamkeit und „vorausschauende" Beschwichtigung entdecken.
In der Übernachtungspension in Duisburg angekommen, geht Freerke mit Margot zum ersten Pippiversuch und ich hole mir von der Wirtin unseren Schlüssel. Sie war erst dagegen, dass wir einen Hund mitbringen und erklärte sich dann doch einverstanden. Als ich ihr erzähle, dass Margot erst heute aus Griechenland angekommen ist, sehe ich ihr an, dass sie ihr Angebot am liebsten zurückziehen würde. „Auch noch ein dreckiger Hund" steht in ihrem Gesichtausdruck geschrieben.
Nach der Schlüsselübergabe tauchen Freerke und Margot auf und ich stelle der Wirtin den Hund vor. Margot macht, völlig erschöpft, wieder das Erdmännchen und die Frau bückt sich sofort nach unten. „Na du bist ja süß." sagt sie streichelnd und man sieht ihr an, dass sie selbst erstaunt ist über ihren Sinneswandel.
In der Pension tappert die Kleine jeder von uns beiden hinterher, egal wohin wir gehen. Sie fällt vor Erschöpfung fast um. Ich sehe darin keinerlei Anhänglichkeit, sondern nur Fragen.
Wer seid ihr? Wer ist hier zuständig, wenn Gefahr droht? Seid ihr gefährlich? Kann ich euch vertrauen? Eine Situation, die man mit jedem Hund erlebt, der frisch in einem neuen „Rudel" ankommt.
Der Kardinalsfehler, den fast alle Menschen machen, ist, diese Fragen nicht zu beantworten bzw. in der falschen Weise.
Stellen Sie sich vor, Sie fangen auf einer neuen Arbeitsstelle an. Sie kommen am ersten Tag, niemand stellt sich Ihnen als Ansprechpartner, oder Chef vor. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, wie die Regeln sind, wann Schluss ist, oder Mittagspause. Gar nichts. Sie gehen auf jeden Menschen zu und sehen ihn fragend an, vielleicht lächeln sie noch, um zu erklären, dass Ihre Absichten positiv sind und jeder, den Sie so fragen, streichelt Ihnen über den Kopf, sagt: „Ach bist du süß" und steckt Ihnen einen Keks in den Mund.
Wie wunderbar wäre es dann, jemand käme herein und zeigte Ihnen einen Platz, der der Ihre ist und an dem Sie sicher sind. Damit würde er Ihnen auch zeigen, dass er es ist, der hier für Sicherheit sorgt.
Stellen Sie sich nun noch vor, sie fangen nicht nur auf einer neuen Arbeitsstelle an, sondern in einem fremden neuen Leben, das nicht das Ihre ist, sondern das von fremden Wesen.
Ich stelle Margot ihr künftiges Hundesofa auf den Boden und bringe sie hinein. Sie schießt sofort wieder heraus. Ich gebe ganz moderat einen Warnlaut von mir und schiebe sie mit einer ebenfalls sehr sanften, aber fühlbaren Bewegungseinschränkung wieder hinein. Ich entferne mich, sie kommt hinterher. Ich wiederhole das Ganze zehn Mal. Danach rollt sich Margot ein und schläft. Egal wohin wir in der Wohnung gehen.


Freerke hat Tränen in den Augen. Sie sagt: „Nun habe ich schon so oft von Dir gehört, warum man dies als erstes tun sollte, aber ehrlich gesagt habe ich es gerade eben erst tatsächlich vollständig verstanden."
Der völlig erschöpfte kleine Hund, schafft es jetzt, zu schlafen, weil er sich auf mich verlässt. In fast allen Köpfen gilt „das auf einem Platz bleiben sollen" als Strafe, oder Zurechtweisung.
Ich sehe es als wichtige Information für den Hund, dass er sich entspannen darf, weil ich ihm den Hintern retten werde, wenn es nötig wird.
Morgens um vier Uhr erwache ich von einem bestialischen Gestank. Margot hat Blähungen, die sich langsam lösen. Ihr Bauch ist sehr stark angeschwollen, so als wäre sie lange nicht auf Toilette gewesen.
Sechs Uhr stehen wir auf und kurz darauf hat Margot einen extrem geruchsintensiven Stuhlgang. Ich kann ihn tatsächlich nur mit einem Handtuch vor dem Mund entfernen. Er stinkt, wie Verfaultes, Verwestes.
Von da an hat sie furchtbaren Durchfall. Wir machen auf der Rückreise eine Spaziergangsrast und fahren eine beliebige Abfahrt ab. Ich gehe in eine Drogerie, um für Margot Kindersonnencreme Lichtschutzfaktor 50 zu kaufen. Die Sonne scheint. Als wir losfuhren und das wunderbare Licht über der Autobahn lag, sagte Freerke: „Was für ein schöner Tag." Dann verstummte sie, denn uns fiel beiden zugleich ein, dass Sonne von nun an zwei Bedeutungen haben wird. Wunderschön für uns, gefährlich und schmerzhaft für Margot.
Lupus ist eine Autoimmunkrankheit. Hannelore Kohl hatte sie. Bei Margot ist das Gesicht betroffen. Ihre Augen sind schwer entzündet und ihre Nase ist wund und vergrindet. Schon aus diesem Grund ist für sie ein Leben in Deutschland besser, als im sonnenintensiveren Griechenland. Die Krankheit ist nicht heilbar. Später werde ich Margot beibringen müssen, eine Sonnenbrille für Hunde zu tragen und die Sonnenschutzcreme von der Nase nicht abzulecken.
Ich frage die Drogistin, ob man hier irgendwo schön Gassi gehen kann. Sie nickt und sagt treu: „Ja, fahren Sie einfach geradeaus bis zum Baumarkt Hornbach, dann links und da ist gleich der Teutoburger Wald.
So kommt es, dass Margots erster Wald in ihrem dreijährigen Leben gleich der Teutoburger Wald ist.
Ich rechne mit Angst, mit Abscannen der Gegend, mit Panik, aber weit gefehlt. Margots kurze, krumme Beinchen berühren den Boden und im selben Moment auch ihr Nase. Sie hebt sie erst wieder, als sie ins Auto gehoben wird, um nun endgültig nach Berlin zu reisen.
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