TT-Exklusiv-Interview mit Schlittenhunde-Weltmeister Dirk Grünberg

Mit dem Huskies beim Training"Ich wollte endlich mal schneller sein, als mit dem Fahrrad!"

Text: Thomas Böhm/ Fotos: Sönke Tollkühn

Raureif schenkt den bunten Blättern des Herbstwaldes einen silbernen Schimmer. Es ist kalt geworden in den Ravensbergen bei Potsdam. Knapp über Null Grad - Huskywetter. Schlittenhunde-Weltmeister Dirk Grünberg, 40, rollt seinen Quad über den Rasen und lässt seine acht Hündinnen aus den Gehegen. Die Sibirian Huskies haben nur darauf gewartet. Mit Gejaule stürzen sie ins Freie, tollen herum, springen alles und jeden an.

„Meine Sportlerinnen sind alle freundlich und temperamentvoll und nach dem Sommer ganz heiß auf jede Trainingsarbeit. Ich arbeite sehr gerne mit Hündinnen zusammen. Sie sind zuverlässiger und ausdauernder als Rüden."

Dirk Grünberg bereitet sich auf die WM 2010 in Oberwiesenthal vor. Im Jahr 2008 ist er in Schweden in der 6-Hunde-Klasse über 3 mal 52 Kilometer (Mitteldistanz) schon einmal Weltmeister geworden. Diesen Triumph will er im Februar wiederholen.

„Im Augenblick trainiere ich fünf Mal die Woche zwischen sechs und zehn Kilometer. Im Januar werden die Huskies vor einen Schlitten gespannt, denn dann liegt hier Schnee. Wenn nicht, geht es ins Riesengebirge." 

Im Sommer haben die grazilen Hündinnen etwas zugelegt. Außerdem müssen zuerst die Muskeln wieder aufgebaut werden. Deshalb dürfen sie heute Morgen den 210 Kilo schweren Quad ziehen. Jede Hündin schleckert noch schnell einen Napf Fleischsuppe, dann ruft der Job. Wie immer drängeln sie sich alle nach vorne, jede will der Leithund sein.

„Ich arbeite nach dem Rotationsprinzip. So kann ich Stärke und Kondition am besten beobachten. Die Hunde müssen sich, aber sie wollen sich auch alle anstrengen. Von meinen acht Huskys werden bei der WM nur sechs eingesetzt."

Mit Hilfe von „Doghandler" Gudrun, 40, wird nun eine nach der anderen eingespannt. Alle zwei Meter werden die Hunde am acht Meter langen Zugseil, das teilweise aus Stahl ist, links und rechts positioniert. Jeweils zwei 1 Meter lange Seile befestigen Dirk und Gudrun am gut gepolsterten Geschirr hinter dem Rücken, und ein kurzes Stück am Halsband. Die Huskies sind nervös, das Gejaule wird immer lauter. Gudrun öffnet das Tor und dann schießen sie los. Es geht über enge Waldwege und breite Sandwege, nur mit „Links" und „Rechts" lenkt der erfahrene Schlittenhundeführer seine tierische Mannschaft über die kurvenreiche Strecke. So flitzen sie mit 35 km/h fünfzehn Kilometer durch die wildromantische Landschaft. Bergab muss Dirk seine „Rennmäuse" ein wenig ausbremsen, bergauf muss er manchmal mithelfen.Ab geht die Post in Potsdam

Dirk: „Das schönste an diesem Sport ist, dass es allen Beteiligten Riesenspaß macht."

Wer an diesem Vergnügen teilhaben möchte: Wer gerne mal als Beisitzer mit auf eine Trainingstour gehen möchte: Das Tausend Tölen Team verlost 3 Freifahrten. Einfach e-mail an: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Das komplette Interview:

Wie bist du zum Hundeschlitten-Sport gekommen?

Die Rottweiler, mit denen ich vorher jahrelang Hundesport betrieben hatte, waren mir zu träge und überzüchtet. Ich suchte nach einer temperamentvolleren, ursprünglichen Rasse und ich wollte nicht immer nur Schutzdienst machen sondern, mal was anderes ausprobieren.


Wieso hast du dich für Sibirien Huskys entschieden?

Als ich mit meiner letzten Rotti-Hündin am Fahrrad galoppiert bin, hat uns ein Husky im Trab überholt und ich dachte nur: „Wau, die können rennen!"
Mein Vater stand zu der Zeit total auf Wölfe und ich konnte ihn überreden, statt dessen Huskies anzuschaffen, die man ebenfalls im Rudel halten kann und die noch ziemlich naturbelassen sind. Dachte ich zumindest damals.

Beschreibe bitte kurz diese Hunderasse (Geschichte, Züchtung, Verbreitung, körperliche Merkmale, Wesen/Charakter)

FCI: Der Siberian Husky ist ein mittelgrosser Arbeitshund, schnell, leichtfüssig, frei und elegant in der Bewegung. Sein mässig kompakter, dichtbehaarter Körper, die aufrecht stehenden Ohren und die buschige Rute weisen auf die nordische Herkunft hin. Seine charakteristische Gangart ist fliessend und scheinbar mühelos. Er ist (nach wie vor) äusserst fähig, seine ursprüngliche Aufgabe als Schlittenhund zu erfüllen und leichtere Lasten in mässigem Tempo über grosse Entfernungen zu ziehen. Die Proportionen und die Form seines Körpers spiegeln dies grundlegend ausgewogene Verhältnis von Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer wider.
FCI: Das charakteristische Temperament des Siberian Husky ist freundlich und sanftmütig, aber auch aufmerksam und kontaktfreudig...
Seine Intelligenz, Lenkbarkeit und sein Eifer machen ihn zum angenehmen Begleiter und willigen Arbeiter.
Mein Senf: Der Sibirian Husky ist tatsächlich der fleißigste, schnellste u. m.E. auch der unkomplizierteste der vier klassischen Schlittenhunde. Und er hat eine einmaliges Leistungs- und Ausdauerpotiential bei extrem geringem Futterbedarf. Er ist absolut menschenfreundlich und relativ leicht zu dirigieren. Aaaaber: Er ist noch kein richtiger Haushund und hat einen sehr wölfischen Jagdinstinkt. Dann ist es vorbei mit der leichten Führbarkeit. Alle Katzen, Kaninchen, Hühner ja selbst Ziegen, Schafe und manchmal sogar andere Nichtschlittenhunde sind nicht vor ihm sicher. Ich kann meine Huskies deshalb niemals ohne Leine frei laufen lassen.

Warum hast du nur Hündinnen in der Gruppe?

Sie sind zuverlässiger und ausdauernder als Rüden. Zwar können die Hündinnen nicht ganz so kräftig ziehen, aber ab einer bestimmten Gespanngröße, spielt das keine Rolle mehr. Außerdem vermeide ich so ungewollte Deckakte, die unter anderem nämlich auch zu Problemen mit meinem Zuchtverband führen.
Leider mussten wir vor kurzem einen damals als Welpe verkauften Rüden wieder zurückholen und deshalb habe ich im Moment einen Rüden unter 13 Hündinnen. Das geht solange problemlos, wie keine Hündin heiß wird, aber da ist fast dauernd jemand heiß... Und kastrieren lassen möchte ich ihn nicht.

Wie funktioniert überhaupt so ein Schlittenhunde-Gespann?Das Geschirr muss gut sitzen

Die Hunde werden paarweise nebeneinander eingespannt. Die Vordersten haben dabei die wichtigste Aufgabe, denn sie müssen sowohl das Tempo vorgeben und die Leine immer straff halten, aber auch die Richtungskommandos des Mushers (Gespannführers) umsetzen. Sie werden nur auf Zuruf gesteuert und obwohl ich ganz hinten stehe, müssen die Hunde doch akzeptieren, dass ich es bin, der bestimmt, wo es langgeht und was gemacht wird. Ansonsten kann ich nur die schlimmste Strafe einsetzen, die Schlittenhunde kennen - ich halte einfach an.

Wie ist das Gespann zusammengesetzt, nach welchen Kriterien (sportliche Aspekte, soziale Aspekte, psychologische Aspekte)

Im Training setze ich alle gesunden Hunde ein (im Moment 12) und ich achte auch darauf, dass jeder mit jedem im Gespann klarkommt. Im Rennen setze ich dann in erster Linie die Schnellsten, danach die Fittesten und schließlich diejenigen ein, die am besten gesoffen haben, wie viele ich einspanne hängt meist vom Qualifikationsmodus ab. Zur WM werde ich in der 6-Hunde-Klasse starten.

Wie setzt du die einzelnen Hunde ein, wie positionierst du sie?

Im Training darf bei mir jeder mal vorne laufen. Aber im Rennen kommen die kleineren, leichten Hündinnen nach vorn und die großen, kräftigen nach hinten. Andere setzen dort meist ihre Rüden ein.
Im Rennen läuft nach Möglichkeit auch jeder Hund auf seiner „Schockoladenseite". Im Training mache ich von Zeit zu Zeit einige Einheiten „links herum". Dann kommt jeder Hund genau auf die andere Seite, damit sie das zur Not im Rennen auch drauf haben.

Wie wird einer deiner Hündinnen zum „Leíthund" im Gespann? Hast du da Einfluss drauf, oder machen das die Hündinnen unter sich aus?

Man muss klar zwischen der Rangordnung und dem Leithund unterscheiden. Es ist so, dass meine beste Leithündin die unterste in der Rangordnung ist. Aber sie läuft auch nicht allein vorn, sondern hat immer noch eine andere ebenfalls schnelle Hündin an ihrer Seite. Tempo ist für mich das wichtigste Kriterium beim Rennen. Sonst könnte ich nicht gewinnen. Auf meine Kommandos hören alle gut. Es sind eben Hündinnen.

Gibt es innerhalb des Gespanns so etwas wie Eifersucht? Musst du alle Hunde gleich behandeln?

Nein, im Gespann sind meine Hunde sehr unproblematisch. Alle wissen, was zu tun ist. Und Zickereien dulde ich sowie so nicht. Allerdings stellen sich alle Hunde beim Einspannen erwartungsvoll ganz vorne hin, und versuchen manchmal sich vorzudrängeln.

Was ist deine Aufgabe? Würden die Hunde auch einen Schlitten ziehen, ohne Hundeführer?

Ich bin das Alphatier und steuere von hinten die Fahrt. Ich kann die Richtung angeben und die Hunde suchen nach einem Weg der in diese Richtung läuft. Ich kann die Kommandos jederzeit ändern (also links statt rechts), ich kann das Tempo erhöhen, ich kann den Hunden verbieten Blödsinn zu machen und ich kann ihnen vorschlagen, in welcher Richtung sie um ein Hindernis laufen können (z.B. beim Überholen). Das alles mache ich mit meiner Stimme. Zum Anhalten muss ich meist aber auch noch etwas bremsen, sonst bleiben sie nicht stehen. Das gleiche passiert, wenn ich nicht auf dem Schlitten bin: Die Hunde laufen einfach immer weiter. Es gibt sogar eine Rennregel für solche Fälle. Wenn der Sportler nach seinem Team ins Ziel kommt, zählt seine Zeit. Aber jeder Rennteilnehmer ist auch verpflichtet eine freilaufendes Gespann sofort anzuhalten und zu sichern. Weil es sehr gefährlich für die führerlosen Hunde ist.

Wie ist das Geschirr gebaut, welchen Einfluss hat es auf das Verhalten der Hunde?

Das Geschirr ist am Hals-, Brust und Rippenbereich gepolstert und geht bis zum Rutenansatz, wobei der Schulterbereich sehr weit freigehalten wird, damit die Hunde beim Laufen maximalen Komfort haben und volle Zugkraft entfalten können.
Wenn ich ihnen die Geschirre anziehe werden sie schon ganz aufgeregt, weil sie wissen, dass es gleich losgeht. Aber noch schlimmer wird es, wenn ich den ersten Hund einspanne.

Wie lange und in welchem Alter wird ein Hund als Schlittenhund eingesetzt?

Wir beginnen die Hunde ab 9 Monaten mit dem Geschirr zu trainieren. Zuerst zu Fuß und danach im Gespann. Für Wagenrennen müssen die Hunde mindestens 12 Monate alt sein, für Sprintrennen 15 Monate und für Distanzrennen sogar 18 Monate. Dann habe sie nach 8 Jahren ihren Leistungszenit überschritten. Meine älteste Hündin im Gespann ist aber schon 10 Jahre alt. Letzte Saison war sie im Europameisterteam noch dabei. Ob sie es dieses Jahr noch mal ins WM-Team schafft werde ich sehen.

Werden die jungen Hunde von den erfahrenden Hunden mittrainiert?

Auf jeden Fall. Sie gucken sich alles von den anderen ab.

Wie oft, wann, wo und wie lange trainierst du die HundeNach dem Training gibt's die Belohnung

Wir trainieren jetzt 5 mal die Woche, je nach Wetterlage zwischen 6 und 10 Kilometer. Aber bis Weihnachten möchte ich auf 30 Kilometer sein. Im Januar kommen die ersten Schneerennen, da werden es dann 30 bis 40 Kilometer auf Schnee sein. Und spätestens Anfang Januar fahren wir in ein Schneetrainingslager und bereiten uns gezielt auf die WM vor. Wahrscheinlich im Riesengebirge oder im Bayrischen Wald.
Jetzt fahren wir in den Ravensbergen bei Potsdam herum.

Wie läuft so ein Training ab?

Ich brauche einen Helfer (den sogenannten „Doghandler"). Wir lassen die Hunde in den Auslauf. Dann werden sie einzeln herangerufen und angezogen. Ich sperre die Alten und Verletzten wieder ein und die anderen werden eingespannt. Dann öffnet der Doghandler das Tor und winkt mich über die Straße, bis ich im Wald bin. Ich halte noch einmal an, um das freie Stehen am Start zu trainieren, drücke mein GPS und dann geht's los. Nach der Rückkehr bekommen die Hunde im Gespann erst einmal Wasser und dann auch ein Rindfleisch-Belohnungshäppchen. Danach werden sie ausgespannt und ausgezogen und kommen dann wieder in ihre Gruppenzwinger.

Was kann eigentlich schief gehen bei einem Rennen/Training? (Beißereien, Verletzungen einzelner Hunde, was passiert mit dem Rest des Rudels, können das die anderen kompensieren etc. Und was macht man dann?

Natürlich kann man mal stürzen oder gegen den Baum fahren, aber mein größtes Problem sind andere Hunde, die sich auf meine Hunde stürzen wollen oder Pferde, die scheuen und ihre Reiter abwerfen. Da muss ich aufpassen, damit es keinen Ärger gibt. Untereinander hatte ich noch keine Probleme. Bei Verletzungen spanne ich den Hund aus und nehme ihn auf dem Wagen oder dem Schlitten wieder mit zurück. Da ich doppelt so viele habe, wie ich zur WM brauche kann ich diese Hunde in Ruhe auskurieren.

Wie schnell können deine Schlittenhunde laufen? Wie lange können die Schlittenhunde „Volldampf" laufen?

Also ich habe 42 km/h als Höchstgeschwindigkeit gemessen. Das schaffen sie aber nur bei leichtem Gefälle. Bei flacher Strecke können sie über mehrere Kilometer mit knappen 30 km/h laufen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit bei Sprintrennen (10-20 km) liegt idealer Weise bei um die 28 km/h und bei Distanzrennen (30-40 km) so um die 22 km/h.

Gibt es besonders „begabte" Schlittenhunde? Wie macht sich das bemerkbar und was könnte der Grund dafür sein?

Ja die gibt es. Diese Hunde laufen vorn, sie sind schnell, ausdauernd und kommandosicher und einfach nicht totzukriegen. Wir haben bei der Auswahl der Zuchtrüden darauf geachtet, dass wir nur mit solchen Hunde ausgewählt haben. Viele gehen nämlich nur nach der Ahnentafel, und nehmen Hunde, die von sehr guter Abstammung sind. Aber jeder Hund ist ein Individuum und jeder hat seine Stärken und Schwächen. Ich fahre jede Menge Zwillingsschwestern, aber jede ist anders.

Wie, wann und wo bist du Weltmeister geworden?

Ich bin 2008 in Arsana in Schweden in der 6-Hunde-Klasse über 3 mal 52 Kilometer (Mitteldistanz) Weltmeister geworden. Und zwar 6 Minuten vor dem Finnen Raunio und 53 Minuten vor der Schwedin Filander.