
Mehr Stories
Auf dem Weg in ein neues Leben, 2. Teil
Montag, 7.12. 2009 - Wegen des starken Durchfalls rufen wir noch auf der Autobahn die Tierärztin, Dr. Gräfe im Prenzlauer Berg an und erhalten für 16.00 Uhr einen Termin. Nach acht Stunden Fahrt an diesem Tag, einem Flug am letzten Tag und den ganzen fremden Eindrücken ist die kleine Margot so erschöpft, dass ihr Gesicht ganz alt aussieht.
„Mein Gott, was für ein kleines krankes Häufchen", sagt Frau Dr. Gräfe.
Sie übersetzt uns die griechischen Befunde, die bereits ins englische übersetzt wurden und ist erstaunt, wie viel bereits untersucht wurde. Tatsächlich haben sich die Rheinländischen Tierschützer/innen und Evi in Griechenland ein Jahr lang darum bemüht, herauszubekommen, warum Margots Gesichtszustand immer schlimmer wurde.
Die Enddiagnose lautet: Lupus. Eine hochallergische Reaktion auf das Sonnenlicht. Im absolut sonnenreichen Griechenland ist so ein Befund natürlich besonders schlimm.
Die Tierärztin ist sehr behutsam mit Margot und nimmt sich viel Zeit. Wir haben Vertrauen und fühlen uns gut aufgehoben. Sie diagnostiziert noch eine schlimme Magenschleimhautentzündung, Schnupfen und einen insgesamt sehr entkräfteten Zustand, was bei der langen Reise kein Wunder ist.
Für die starke Bindehautentzündung bekommt sie jetzt 3 x täglich Antibiotika-Augensalbe, dann noch etwas für den Magen und die anderen Medikamente, wie die spezielle Kortisonzusammensetzung, müssen erst in der deutschen Entsprechung gefunden werden.
Freerke geht müde und emotional völlig überfüllt nach Hause.
Anja erwartet uns bereits vor meiner Wohnungstür und nimmt Margot auf den Arm, damit ich ungezwungen Frieda und Viktor begrüßen kann.
Frieda ist entzückt, jedoch sehr sanft, als sie merkt, dass Margot im Moment keine hundlichen Zuwendungen benötigt. Der taubblinde, alte Viktor tappert durch die Gegend, als bekäme er gar nicht mit, dass ein neuer Hund in der Wohnung ist. Ich bin mir jedoch sicher, dass ihm wie immer nichts entgeht.
Als wir Margot auf den Stubenteppich setzen, dockt sie mit ihrer Nase auf dem Boden an und hebt sie die nächste halbe Stunde nicht mehr. Frieda schnüffelt an ihr. Margot hebt, ohne hinzusehen, oder ihre Wohnungsinhalation zu unterbrechen, bereitwillig das Hinterbein ganz nach oben, damit Friedas großer Kopf darunter Platz findet.
Nach Anjas Verabschiedung zeige ich Margot ihren Platz. Sie schläft sofort ein.
Dienstag 8.12.09
Am nächsten Morgen, Frieda und Viktor schlafen noch, nehme ich Margot für eine erstes Kontaktliegen in mein Bett. Ich habe schon mit sehr vielen Hunden geschmust, aber Margot ist ein Naturereignis. Wenn auch ein sehr Trauriges. Gäbe es eine Öffnung an mir, die groß genug wäre, zum Hineinkriechen, so würde Margot sicher bereits in mir wohnen.
Sie versucht jeden Millimeter ihres kleinen Körpers mit dem Meinen in Kontakt zu bringen, was natürlich nur einseitig gelingt, weswegen sie ständig die Seiten wechselt.
Höre ich auf, sie zu streicheln, gerät sie sofort in Panik und beginnt, mich abzulecken, oder ihre Pfoten zu knabbern.
Nun kommt unser erster Gassigang zum Arnimplatz. Ich rechne mit viel Angst vor den fremden Autos, Kindern, Fahrradfahrern. Frieda brauchte einen Monat, um diese neuen Umweltreize einiger Maßen zu verkraften.
Margot geht auf die Straße, blickt nicht links und rechts, sondern liest sofort die Prenzelberger Hundezeitung.
Stellen Sie sich vor, sie würden in eine völlig fremde Kultur entführt und ausgesetzt. Zum Beispiel zu einem Indianerstamm im tiefsten Regenwald (falls es etwas so etwas noch gibt). Bei der Begehung des Gebietes schauen Sie weder nach dem fauchenden Geparden in einem Baum über Ihnen, noch nach dem grunzenden Warzenschwein im Buschwerk neben Ihnen, noch nach einer Anakonda auf dem Baum vor Ihnen. Das alles ignorieren Sie und lesen, während Sie laufen, interessiert die Buschzeitung.
Genau das tut Margot. Neben ihr knallt ein Scateboardfahrer sein Brett herunter, ein Fahrradfahrer fährt dicht vorbei, ein Auto hupt,- Margot liest Zeitung. Sie hebt nicht ein einziges Mal den Kopf.
Zu Hause fällt, durch ein umgefallenes Schneidebrett, eine riesige gusseiserne Pfanne vom Herd auf den Boden. Frieda schießt wie ein abgeschossener Pfeil in den äußersten Winkel der Wohnung. Hätte Viktor den Knall gehört, oder die Pfanne fallen gesehen, wäre auch er zurück gesprungen. Margot geht einen Schritt nach hinten und geht dann interessiert zu der Pfanne, um zu schnuppern, was das ist.
Ein Verdacht kommt mir. Ist Margot vielleicht taub?
Ich mache Geräusche hinter ihr, sie reagiert nicht. Ich lasse etwas fallen, sie reagiert nicht.
Wir gehen in die Gartenkolonie spazieren. Egal, was ich mache; schnalzen, rufen,- Margot dackelt frei an der Schleppleine und lässt sich durch nichts zu einer Reaktion bewegen.
Dafür gehen wir bereits wie ein geschlossenes Rudel. Viktor tappert rechts von mir und hypnotisiert mich mit seinem blinden Hitchcockblick (was so viel heißt, wie: dalli, dalli, ich will Trockenfutter jagen) Die kleine Margot läuft zackig links neben mir (und schnüffelt schon nicht mehr so ausschließlich), Frieda bewegt sich vor und hinter uns. Schließlich ist sie sowohl Späherin, als auch Hüterin des Rudels.
Abends liege ich im Bett und lese, alle Hunde schlafen und ich verkrafte gerade die Annahme, dass die kleine Margot auch noch taub ist. Plötzlich muss ich niesen. Frieda schaut kurz, Viktor schläft weiter und Margot schrickt deutlich zusammen. Entwarnung. Sie hört.
Mittwoch 9.12.09
Fast jeder Hundebesitzer weiß, dass Hunde morgens besonders viel Kuschelkontakt suchen. Ausgenommen sind Hunde, die länger schlafen wollen, als ihre Menschen.
Meine gehören nicht zu letzteren.
Selbst Viktor, der sonst selten Streicheleinheiten sucht, ist morgens so ausgehungert nach Berührungen, als wären Jahre der Abstinenz vergangen. Er legt sich platt auf den Bauch und wünscht sanfte und langsame Berührungen.
Ich lege mich dazu auf den Teppich, rechts Viktor, links Frieda.
Die große Frieda packt sich, auf dem Rücken liegend, zu einem sehr kleinen Packet zusammen, das in meinen linken Arm passt. Dazu streckt sie ihre langen Beine so hoch wie möglich in die Luft und wölbt ihren Rücken. Ihren Kopf schiebt sie in meine Achselhöhle.
So war das bisher.
Wohin mit der kleinen Margot?
Ich finde eine Lösung. Eine halbe Stunde, bevor ich aufstehen muss, klopfe ich auf mein Bett und sehe einen Schatten auf mich zufliegen. Hopp. Da ist sie. Zack unter die Decke. Dicht an mich ran. Zum ersten Mal wedelt der winzige Stummelschwanz. Sie reckt und streckt sich, sucht noch immer einen Eingang in mich. Leckt alle freiliegenden oberen Hautpartien an mir ab und kommt nach und nach zur Ruhe, solange ich sie berühre.
Beim Aufstehen, bedeute ich ihr, auf dem Bett zu warten und lege mich zu den beiden anderen auf den Boden. Margot gerät noch kurz in Panik, gibt das Erdmännchen und legt sich dann ruhig hin, bis auch die beiden anderen von ihren schlimmsten Abstinenzen erlöst sind.
Mittags kommt ein Team vom RBB, die eine Sendung über Menschen in Berlin mit ihren Hunde drehen. Eine Geschichte darin wird der Tag einer Hundetrainerin. (Ausstrahlung Januar) Unter anderem wird in meiner Wohnung wird ein langes Interview aufgenommen, das später in Form von Zwischenkommentaren in die Sendung geschnitten wird.
Margot gibt ihr Erdmännchen vor allen dreien und es ist deutlich zu sehen, dass sie es in diesem Falle aus Beschwichtigung tut. „Ich bin ganz lieb, also seid bitte auch lieb zu mir."
Natürlich führt das wieder dazu, das alle sie dafür loben und entzückt sind, aber als ich es erkläre, bemühen sich alle, Margot nur zu beachten, wenn sie sich gerade nicht so abmüht.
Abends hört der Durchfall auf. Sie frisst endlich ein Spezialfutter vom Tierarzt. Vielleicht hätte sie auch schon eher gefressen. Ich kam nur nicht darauf, es aus der Schüssel auf den Boden zu schütten. Sie frisst nur von dort.
Donnerstag, 10.12.09
Margot beginnt zu reagieren. Sie lernt innerhalb eines Frühstückes „Sitz" nach Handzeichen. Sie rammt dazu ihren kleinen Hintern in einem Tempo auf den Boden, dass mir angst und bange wird. „Wir sind doch nicht bei der Armee, Margot", sage ich völlig nutzlos. Margot will offenbar etwas, was sie verstanden hat, supertoll machen. Der erste kleine Charakterhinweis.
Beim Spaziergang in der Gartenanlage, in die wir wegen der geschlossenen Außentüren mit Schleppleine gehen können, staune ich Bauklötzer.
Margot kann nach drei Tagen, wie die beiden anderen, an einem Platz bleiben und ist einzeln ablockbar (abrufbar ist sie natürlich noch nicht)
Das alles ohne Sitz und Bleib, nur mit einer kurz ausgestreckten Hand als Bewegungseinschränkung.
Heute Nachmittag lernen wir Zsuzsa kennen, die Tiermedizin studieren möchte und von der Tierärztin, Jana Chernutzky, empfohlen wurde, bei der sie bereits jetzt aushilft.
Sie ist eine freundliche, ruhige junge Frau, die sehr verantwortungsvoll wirkt und mit allen Hunden sofort wunderbar Kontakt aufnimmt.
Sie ist seit heute für ab und zu unsere Hundenanny und für den Fall, dass Margot durch die Unvorhersehbarkeit des Krankheitsverlaufes bei Lupus einmal mehr Versorgung braucht, meine Unterstützung, wenn ich arbeite.
Bei der Tierärztin, Dr. Gräfe, stellt sich heraus, dass Margots Ödem am Auge durch die Salbe bereits verschwunden ist und die Haut an der Nase keine Blasen mehr schlägt.
Alle Medikamente bis auf eines sind eingetroffen. Letzteres muss aus Amerika bestellt werden.
Ab jetzt wird Margots Lupus örtlich an Nase und Augen mit Kortison und Antibiotika behandelt.
Bei unserer Rückkehr treffen wir drei kiezbekannte ältere Damen mit ihren Hunden, die entzückt sind von Margot, nicht aber von ihrem Namen.
Ich erkläre ihnen, dass Margot auch nicht mehr lange Margot heißen wird, jedoch erst ein schöner Name gefunden werden muss. „Manja, Panja" so etwas in der Art, etwas, was gut zu rufen ist und zu einem Hund passt, der nach meinem Empfinden einmal sehr lustig und selbstbewusst wird.
Warum also nicht Sie, liebe Leser, um Unterstützung zu bitten. Wer von Ihnen kennt einen schönen Namen für Margot?
Alle Vorschläge, zu senden an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können. , werden veröffentlicht.
| - Impressum -- AGB -- Nutzungsbedingungen -- Datenschutzerklärung - |
Copyright © 2009 Tausend Tölen, mit freundlicher Unterstützung von Rechtsanwalt Oliver Grebe
All Rights Reserved.
Webdesign .kirner.logo.web.design. designed by Wilfried Kirner - Hundegrafiken von Thomas Böhm