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Die Heiligen und die Hunde
Das Jahr 2009 war ein besonderes Jahr. Es erinnerte an ein Ereignis des Jahres 1209. Damals vor 800 Jahren wurde der Grundstein für den Bau der ersten gotischen Kathedrale in Deutschland, den Magdeburger Dom, gelegt. Das Gotteshaus, Ruhestätte des ersten römisch-deutschen Kaisers Otto I ., besitzt viele kostbare Kunstwerke vergangener Zeiten.
Darunter befindet sich auch dieses kleine, rund 30 cm breite, Holzrelief. Das Schnitzwerk entstand um 1390 und befindet sich an einer Wange des Chorgestühls. Es erzählt die Weihnachtsgeschichte: Voll Mutterglück schaut die ruhende Gottesmutter Maria zu ihrem Neugeborenen hinüber, das die Hebamme Salome in einem Bottich badet, während Josef sich sorgenvoll in den Bart greift. Oben in den Wolken entrollen drei Engel ein Schriftband, auf dem wir uns die Worte aus dem Lukas-Evangelium denken müssen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden..." In der oberen Ecke links blickt ein Hirt zum Himmel auf, als schaue er den Stern von Bethlehem.
Eine Szene, links im Mittelbereich des Reliefs, fesselt unsere besondere Aufmerksamkeit: Einer der Hirten spielt mit gekreuzten Beinen die Flöte - und zu seinen Füßen krümmt sich ein Hund, der sich ganz klein macht, weil ihm offensichtlich die hohen Flötentöne mißfallen. Was daran Besonderes ist? Zum ersten Mal hat ein Künstler neben Schafen, Ochs und Esel auch einen Hund in die Weihnachtsgeschichte der Geburt Jesu Christi aufgenommen!
Ein Hund, Schafe, Ochs und Esel, Menschen, Engel und die heilige Familie im trauten Miteinander - was für ein rührendes Zeichen der gegenseitigen Achtung und Liebe. Es ist auch ein Symbol dafür, wie sich das Verhältnis der Christen zu den Vierbeinern im Laufe der Geschichte verändert hat.
Die drei großen monotheistischen Religionen - Judentum, Christentum und Islam - stehen dem Hund reserviert, ja oft sogar verachtend gegenüber. Die Bewertung der Vierbeiner ist beeinflußt von religiösen Vorstellungen, aber auch von hygienischer Vorsicht. Immerhin war die Tollwut im Heiligen Land einstmals eine oft auftretende Krankheit. Es kommt hinzu, daß die Anhänger der monotheistischen Glaubensrichtungen die Tier-Verehrung als Götzendienst verurteilten.
So ist es verständlich, wenn der Hund im Alten Testament in negativen Zusammenhängen auftaucht. Juden und Moslems halten bis heute den Hund (wie auch das Schwein) für unrein. Mohammed sah im schwarzen Hund sogar die Personifikation des Teufels, der den Engeln in die Quere kommt und deshalb zu erschlagen sei. Im Christentum vollzog sich, je weiter der Glaube nach Europa vordrang, eine Wandlung. Das mag mit der Zuneigung der Germanen zu ihrem vierbeinigen Jagdgefährten zusammenhängen, hat aber auch mit Griechen und Römern zu tun, die den Wach- und Jagdhund schätzten. Er begleitete Artemis/Diana, die Göttin der Jagd, auf ihren Streifzügen und ist als Sternbild am Himmel als Großer und Kleiner Hund gleich doppelt gegenwärtig.
Wer einmal die Vatikanischen Museen besucht hat, ist überrascht über die Vielzahl von Hundedarstellungen in der antiken Plastik. Wie sehr die Griechen den Hund schätzten, kann man bei Homer nachlesen. In der „Odyssee" schildert der erste Dichter des Abendlandes die Irrfahrten des Odysseus, König von Ithaka, und rühmt dabei die Treue und Anhänglichkeit seines Hundes „Argos". 20 Jahre lang harrte das Tier aus, wartete und wartete auf die Rückkehr seines Herren. Als es soweit war, kannte ihn keiner mehr, so fremd war Odysseus den Menschen geworden. Nur Argos, der Hund, erkannte seinen Herren. In all den Jahren alt und schwach geworden, begrüßte er den Heimkehrer mit freudigem Schwanzwedeln. Erheben konnte er sich nicht mehr. Jetzt, da sein Herr wieder zurückgekehrt war, durfte er sterben. Es war für beide Glück und Schmerz, Wiedersehen und Abschied zugleich. Zu Füßen seines Herrn verendete der Vierbeiner. Der große und ruhmreiche Held Odysseus weinte... Was für ein bewegendes Beispiel der Freundschaft und bedingungslosen Treue zwischen Mensch und Tier!
In der christlich-europäischen Welt ist kein Heiliger den Tieren so nahe wie Franz von Assisi, dem die Legende Wunderdinge nachsagt. Er predigte den Vögeln, setzte sich für Baum und Feldblume, ja sogar für die Insekten ein. Ein „Umweltschützer" an der Wende des 12. zum 13. Jahrhundert, dem die Natur in all ihrer Herrlichkeit am Herzen lag. Noch heute bewegt sein „Sonnengesang" die Menschen. Den Hund lobte er überschwenglich: „Daß mir mein Hund das Liebste sei, sagst du, o Mensch, sei Sünde. Mein Hund ist mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde."
Die Internationalen Tierschutzgesellschaften erhoben den Tag des Jahres 1228, an dem der Franziskanermönch heiliggesprochen wurde, zum Welttierschutztag. Es ist der 4. Oktober!
Eine enge Verbindung zum Hund hat auch der heilige Rochus von Montpellier, der rund 100 Jahre später als Franziskus lebte und sich wie dieser den Ärmsten der Armen widmete. Auf einer Pilgerreise nach Rom, wo die Pest wütete, pflegte er Schwerstkranke und Sterbende. Deswegen gilt er heute als Patron der Pestkranken und wird als Pilger mit Stab, Muschel und einem Hund dargestellt, der einen Brotlaib im Maul hält. Auf der Heimreise im Jahre 1320 nämlich infizierte sich Rochus in Piacenza, wo er ebenfalls Pestkranke pflegte. Er, der so vielen geholfen hatte, zog sich die Beulenpest zu und keiner stand ihm bei - bis auf einen Hund, der, wie die Legende berichtet, ihm täglich etwas zu essen brachte. Rochus genas, aber die Krankheit hatte ihn so entstellt, daß ihn zu Hause keiner mehr kennen wollte. Man warf ihn ins Gefängnis, in dem er nach fünf Jahren starb. An diesen selbstlosen Mann erinnert nicht nur sein tierischer Begleiter, sondern auch die Buchstaben VSR, die in Südfrankreich, Italien und Nordspanien über vielen Türen stehen. Es sind die Anfangsbuchstaben des Jubelrufs: Vive Saint Roche!
Den hohen Stellenwert des Hundes in Europa belegen viele Zeugnisse der Vergangenheit. So sehen wir in der reich illustrierten Gebetssammlung der Brüder von Limburg, dem sogenannten Stundenbuch des Herzogs von Berry, auf einer Darstellung Hunde, die selbst beim Festmahl der Menschen dabei sein durften. Mehr noch: Zwei Zwerghunden wurde das Fressen sogar auf dem Tisch serviert.
Die Dominikaner, ein Predigerorden, der 1216 entstand, gab sich den Beinamen „Hunde des Herren". Gemeint waren mit diesem Ausdruck - in Anlehnung an den Habit der Mönche - die im französisch-italienischen Raum beliebten schwarzweißen Jagdhunde. Diese Hunde haben die Dominikaner sogar in die Konventssiegel des Ordens aufgenommen. Oft haben sie als Zeichen der Redekunst eine brennende Fackel im Maul.
Petrus Canisius, nach Bonifatius der „zweite Apostel Deutschlands", hat seinen Namen „Peter de Hondt" in Ehren gehalten, als er ihn, der Gepflogenheit der Zeit entsprechend, latinisierte und sich Petrus Canisius (canis = Hund) nannte. Der große Theologe, Schöpfer des Katechismus, war auch ein überzeugender Prediger, der die Gegenreformation leitete: „Gott", so sagte er einmal, „wollte nicht, daß ich ein stummer Hund sei, sondern er hieß mich Laut geben auf der katholischen Kanzel."
Die christliche Ikonologie hat Beispiele in Hülle und Fülle, in der Hunde eine Rolle spielen. Albrecht Dürer beispielsweise hat auf den drei berühmten Kupferstichen - „Ritter, Tod und Teufel", „Hieronymus im Gehäuse" und „Melancholie" - jeweils auch einen Hund dargestellt. Auf dem ersten dieser Meisterstiche ist der Hund der Begleiter des christlichen Ritters, auf dem zweiten ruht der Hund neben einem Löwen in der Studierstube des Gelehrten. Auf dem dritten schließlich symbolisiert ein abgemagerter Hund die Schwermut.
Auf dem Hochzeitsbild („Arnolfini-Hochzeit") des Jan van Eyck hat sich ein kleiner zottiger Affenpinscher vor dem Brautpaar postiert, um durch seine Gegenwart die Treue des Mannes, der seine Hand zum Schwur erhoben hat, zu verstärken. Ein anderer Affenpinscher hat sich auf Dürers Aquarell „Maria mit den vielen Tieren" zu Füßen der Madonna zu einem Nickerchen hingestreckt.
Ein Deckengemälde in der Bibliothek des Klosters Marienthal in der Lausitz zeigt eine dramatische Szene aus der Zeit der Hussitenkriege. Spießgesellen zogen durch das Land, plünderten, brandschatzten und mordeten. Im Jahre 1427 tauchten sie mit Sturmfahnen und Trommelschlag in dem lieblichen Tal an der Neiße auf, wo die Zisterzienserinnen ihre Heimstatt hatte. Die Äbtissin stellte sich, wie das Bild zeigt, mutig den Marodeuren entgegen und konnte dennoch nicht verhindern, daß die Nonnen ihr Kloster verloren. Es ging in Schutt und Asche auf. Auffallend auf dem Bild ist ein Hündchen, dass der frommen Frau beisteht. Der kleine Kerl stellt sich tapfer zum Kampf, auch wenn er ein wenig verängstigt wirkt. Eine Szene, die jeden Hundefreund rühren muß.
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