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Die Tausend Tölen Weihnachtsgeschichte
Bambi & BeagleEs war einmal eine Beagle-Dame, die hieß Mary. Sie lebte zusammen mit Frauchen und Herrchen in einem kleinen Haus am Rande eines Waldes. Aber meistens lebte sie alleine, weil Frauchen und Herrchen arbeiten mussten. Den ganzen Tag, viele Kilometer weit weg in einer Stadt. Beide liebten ihre Hündin, jeden Samstagabend gab es einen Riesenknochen. Aber viel Zeit hatten sie nicht. Nach ein paar Streicheleinheiten hieß es immer „Husch, husch ins Körbchen". Herrchen und Frauchen waren von der Arbeit immer müde, gingen früh ins Bett. Am Wochenende standen sie so gut wie nie auf. Sie lebten einsam und bescheiden. Für den Lohn konnten sie gerade mal die Miete bezahlen und das Nötigste einkaufen.
Mary langweilte sich. Sie durfte zwar durch eine Hundeklappe in den Garten. Aber da wartete keiner, der mit ihr spielen wollte. So hockte sie den ganzen Tag mit hängenden Schlappohren am Zaun und sah zu, wie ihre Artgenossen draußen munter miteinander tobten.
Eines Abends, drei Tage vor Weihnachten, kam Herrchen ganz aufgeregt nach Hause. Es war bitterkalt geworden. Der Schnee war gefroren. Als Mary ihn begrüßen wollte, rutschte sie aus und knallte gegen den Gartenzwerg. Dieses blöde Ding mochte die Hündin sowieso nicht, stand der doch nur dumm herum, ohne mit ihr zu raufen.
Aber Herrchen hatte in diesem Augenblick kein Auge für Mary. Er stürmte zur Tür hinein, rief nach Frauchen und sagte: „Stell dir vor, morgen ist es soweit, morgen kann ich mit auf die Jagd gehen. Da gibt es zu Weihnachten einen herrlichen Wildbraten!". „Viel Spaß", antwortete Frauchen und servierte ihm wie fast jeden Abend Fischstäbchen mit Spinat.
Am nächsten Morgen war Herrchen ganz früh wach, pfiff fröhlich ein Weihnachtslied vor sich hin, während er das Gewehr säuberte. Dabei streichelte er abwesend die Beagle Dame und murmelte: „Tut mir Leid, meine Kleine, ich kann dich nicht mit auf die Jagd nehmen, dazu bist du zu alt."
Es hatte in der Nacht noch weiter geschneit und Frauchen war bereits dabei, einen Weg freizuschaufeln. Als ein Geländewagen vor dem Haus hielt und hupte, stürzte Herrchen aus der Tür hinaus und kletterte hinten auf die Tragefläche des Autos, das mit laufendem Motor ungeduldig wartete.
Frauchen verzog sich wieder ins Haus, Mary blieb im Garten und schnappte nach ein paar Schneeflocken, die leise vom Himmel rieselten. Dabei kam sie immer näher an die Zauntür. Und traute ihren scharfen Augen kaum. Herrchen hatte in der Eile vergessen, das Tor zu schließen. Mary machte einen Riesensprung, blickte sich noch einmal kurz um - Frauchen schien nichts zu bemerken - und huschte durch den Spalt in die Freiheit.
Mary war außer sich vor Freude, rannte einfach drauflos, in den Wald hinein. Was gab es da zu schnuppern, Mary buddelte sich durch den Schnee, roch am verwelktem Laub und gefrorenen Ästen. So drang sie immer tiefer in das stille Dickicht. Zurück nach Hause würde sie bestimmt finden. Schließlich war sie ein Beagle.
Doch plötzlich knallte es ganz fürchterlich, gar nicht so weit weg. Mary hörte mehrere laute, aufgeregte Stimmen. Mary hatte keine Angst vor solchen Geräuschen, aber vorsichtig ist der Hund in der Porzellankiste. Sie versteckte sie sich hinter einem umgestürzten Baum. Nur wenige Minuten später knackte es im Unterholz, Männer mit Gewehren tauchten auf. Auch Herrchen. Über seinen Schultern hing schlaff der Kadaver eines toten Rehs. Herrchen strahlte, hatte rote Wangen. Als sich die Jäger entfernt hatten, hielt Mary ihre Nase in die Luft. Sie schnupperte etwas und lief in die Richtung aus der die Männer gekommen waren.
Immer wieder blieb Mary stehen, hielt ihre Nase hoch und lief weiter. Bis sie ein leises Wimmern hörte, genau vor ihr im Gestrüpp. Mit ihrer Schnauze schob sie die Äste und das Laub zur Seite und entdeckte ein junges Reh, das zitternd in einer Erdkuhle lag und sie mit vor Angst aufgerissenen Augen anstarrte. Mary fiepte ein paar Mal, leckte mit ihrer Zunge das Rehkitz, legte sich daneben und versuchte es zu wärmen. Allmählich beruhigte sich das Kleine. Mary stand auf, wollte sich auf den Heimweg machen. Das Rehkitz kam nun ebenfalls auf seine wackeligen dünnen Beine: Mary bellte kurz verhalten auf und lief langsam los. Das Rehkitz folgte ihr.
Ein starker Wind trieb ihnen die Schneeflocken ins Gesicht, aber nach einer halben Stunde hatten sie das Haus erreicht. Die Gartentür war glücklicherweise noch offen. Von Herrchen und Frauchen keine Spur. Die beiden Vierbeiner staksten durch den Garten. Mit der Schnauze hielt Mary die Hundeklappe auf. Das Rehkitz kroch hindurch. Im Haus war es wunderbar warm, sie legten sich beide auf das weiche Sofa am Ofen, kringelten sich ganz gemütlich eng aneinander und dösten selig vor sich hin.
Plötzlich ging die Haustür auf, Frauchen stellte ein paar Einkaufstüten ab. Hinter ihr tauchte Herrchen auf mit einer riesigen Rehkeule in der einen Hand und dem Gewehr in der anderen Hand. Beides ließ er fallen, als die beiden Tiere auf dem Sofa erblickte. Das Kleine schrak hoch und kroch unter das Sofa. Frauchen bekam einen hysterischen Anfall, Herrchen wurde ganz blass um die Nase. Mary knurrte ihn an. Das hatte sie noch nie gemacht.
Herrchen ignorierte die Hündin. Er legte sich auf den Boden, zog sanft das Rehkitz unter dem Sofa hervor und streichelte es. Mary war wieder besänftigt und leckte abwechselnd dem Findling über den Kopf und Herrchen über die Hand.
„Wo kommst du denn her, wo ist denn deine Mama, du armes, kleines Ding?", fragte Herrchen Marys neue Freundin. Kaum hatte er die Worte gesprochen, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Es gab keine Mama mehr. Er hatte die Mama erschossen. Im liefen die Tränen über die Wangen. Frauchen indessen schnappte sich die Rehkeule und das Gewehr und warf beides in den Müllcontainer hinter dem Haus.
Von nun an gab es jedes Jahr Fischstäbchen mit Spinat zu Weihnachten.
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