Wie ist Dein Name?

von Maike Maja Nowak

 

Ich habe schon vielen Tieren einen Namen geben dürfen. Nicht dass er wichtig für sie wäre, aber für uns Menschen bedeutet er alles.

Gestatten: Maja Nowak.
Unsere Vorstellung von einem Wesen ist eng mit seinem Namen verknüpft, wir verbinden damit seinen Charakter, sein Aussehen, sein Auftreten.

Für einen Hund ist sein Name vielleicht das best konditionierte Wort, einfach, weil man es so häufig ruft. Mehr nicht. Ein Hund verbindet mit einem Namen keine Charaktereigenschaften, keine Persönlichkeit. Hunde rufen sich nicht beim Namen, brauchen keine Namen.

Wir schon. So ist es eher mir zuzusprechen, dass die Namensfindung für Margot sich schwierig gestaltete.

Viele Vorschläge gab es. Vielen Dank, liebe Leser und Freunde. Sie alle wurden im Mund und im Gefühl bewegt.

Martha, zum Beispiel.
Ein wunderschöner Name. Aber rufen Sie ihn einmal auf Deutsch. „Mata, Mata." Im Spanischen, oder Russischen wäre er wunderbar. Das „R" dürfte ausschweifend rollen.

Irgendetwas stimmte nie. Entweder ließ sich ein Name nicht rufen, oder er passte in meinem Gefühl nicht zu der kleinen Hündin.

Schwierig dabei ist, dass ich gar nicht genau sagen kann, was zu ihr passt. In den letzten drei Wochen hat sich viel bewegt, nur ihr kleines Gesicht nicht. Das blieb zu einer Maske erstarrt.

Ich erinnere mich an den ersten Morgen mit Frieda, die aus demselben griechischen Hundelager stammt, wie Margot. Am Abend, bei ihrer Ankunft noch völlig verstört und ängstlich, am Morgen ein Grinsen im Gesicht und unternehmungslustige Albernheit, die bis heute leider immer auch wieder von ihrer Angststörung unterbrochen wird. Aber sowohl Freude, als auch Angst sind Frieda anzusehen. Sie erinnert mich in ihrer Schönheit und in ihrem Wesen an Frieda Kahlo und so änderte ich an ihrem, bereits vorhandenen, Namen nichts.

Viktor, der zehn Jahre auf einem Balkon ausgesperrt war und die ganze Fahrt in sein neues Zuhause vor Angst schrie und dann hier, in Ermangelung eigener Muskeln, auf meinem Teppich abgelegt, nach fünf Minuten das Ballspiel verstand und mich ansah, mit einem Blick, bei dem mir klar wurde, dass dieser Hund ein Viktor ist, ein Sieger, der sich das bisher gestohlene Leben erobern wird.


Hundetrainerin Maika Maja Nowak und ihre drei Hunde

Margot jedoch, zeigt jeder Zeit lustige Einfälle, ihren Kopf und ihr Körperchen in meine Körpernähe zu bringen, ihr entgeht keine Chance, keine Stimmung, nichts. Ihr Ausdruck verändert sich dabei jedoch nicht.
Ihr Gesicht wirkt wie fest gefroren, gefrorene Traurigkeit.

Vielleicht haben Sie jetzt zur Weihnachtszeit das Märchen „Die Schneekönigin" gesehen. Margot erinnert an den kleinen, vereisten Kai, der von seiner Schwester Gerda mit viel Geduld und Liebe wieder aufgetaut wird. Dazu musste sie ihn jedoch erst bei der Schneekönigin finden.

So suche auch ich nach dem Wesen der kleinen Hündin. Wo hält es sich auf. Wo hält sie es fest?
Mitunter denke ich, diese beeindruckende Gleichgültigkeit gegenüber Umweltreizen und anderen, Margot völlig fremden Dingen, ist vielleicht nur vorhanden, weil Margot in sich eine Möglichkeit gefunden hat, sich hinter dieser Starre, wie hinter einer schützenden Rüstung zu bergen.

Wie findet man einen Namen für ein solches Wesen? Wie soll man es bezeichnen?
Die Odyssee ging weiter. Ronja, Marie, Wassilisa, Mascha, Panja, Darja, Aika, Kessy, Lulu, Sassa, Guscha, Lidia - viele Vorschläge und Ideen gab es.

Kurzzeitig, die Vorstellung, der Name wäre gefunden: Leni. Ein Vorschlag von Simone Waak. Der Name erinnerte mich an eine verstorbene Tante, selbigen Namens. Sie war ebenso klein und knubbelig wie Margot.

Fragte mich jedoch jemand auf der Straße, wie der Hund heißt, musste ich immer einen Moment zu lange überlegen. Dieses ständige Vergessen des Namens sagte mir, dass er doch nicht zu mir und nicht zu Margot gehört.

Kalinka, ein Vorschlag meiner Freundin, Esther, gefiel mir gut. Zwei Tage wurde aus Margot „Kalinka". Dummerweise tauchten immer russische Tanzbeine in meinen Kopf auf, die das Lied „Kalinka" verstampften.

Dann das Weihnachtsfest in Familie. „Das ist Kalinka" stellte ich die kleine Griechin den Leipziger Sachsen vor.
„Katinka, Katinka." Begann die Verwechslung.
„Eigentlich ist Katinka noch viel schöner", gab ich zu.

Meine Mutter setzte daraufhin ein Gesicht auf, das sie immer hat, wenn folgenschwere Überlegungen in ihr stattfinden.
Einen Moment später schaute sie bedeutungsvoll in den Raum und verkündete, in ihrer unnachahmlich, pragmatischen Art: „Katinka ist viel zu lang, für so einen kleinen Hund! Tinka, muss sie heißen."

Wo Mütter Recht haben, haben sie Recht.

TINKA.

Das klingt nach Hoffnung.
Auch nach Unbeschwertheit.
Nach Zärtlichkeit.
Genau nach dem, was nötig ist, um ein neues Leben zu beginnen.

Herzlich willkommen darin, kleine Tinka.

PS: Ein letztes Weihnachtsgeschenk und hoffentlich die letzte nötige Rettung des Hundes, fand kurz vor der Heimfahrt nach Berlin statt.
Übermüdet vergesse ich die Übersocken von den Stiefel zu ziehen, als ich das Haus meines Bruders im 3. Stock verlasse.
Die Holztreppenstufen sind glatt und hoch. Noch nichts für einen Hund, der keine Treppen kennt. Auf dem Arm habe ich Tinka, an den Fingerspitzen hängt ihr Hundesofa und verdeckt mir die Sicht. Ich verfehle eine Stufe, rutsche durch die Socken unter meinen Stiefeln, stürze, poltere zwanzig Stufen auf meiner linken Körperseite die Treppe herunter, hoch über mir, auf meinen ausgestreckten Armen: Tinka.
Erst auf der vorletzten Stufe, rutscht sie mir aus dem Arm. Fällt wie ein Kätzchen. Schaut mich treu an und will wieder auf den Arm.
Ich stehe unter Schock. Die Vorstellung, wer und was alles in den letzten zwei Jahren zu Tinkas Rettung nötig waren und zu guter Letzt ihr eigener ungeheuerer Lebenswille und dann dieser Moment. Einen Augenblick dachte ich, das Schlimmste könnte passieren.
Aber das Schicksal hat etwas vor mit Tinka. Das ist ganz klar.


Ein gesundes neues Jahr, Ihnen und Ihren Tieren, wünschen von Herzen Maja Nowak, Tinka, Viktor und Frieda