Auf dem Weg in ein neues Leben

Schritte

Text und Fotos: Maika Maja Nowak

Zwischen der kleinen Tinka (die als Margot von einer Müllhalde in Griechenland geretteT wurde), der sanften Frieda und dem alten Rüden, Viktor, haben sich interessante Interessengemeinschaften herausgebildet.
Tinka besitzt die Angewohnheit, blitzschnell ihren Kopf unter meine Hand zu platzieren, wenn diese für sie erreichbar wird. So muss ich stets darauf achten, Tinkas Ohren nicht zwischen meine Schnürsenkel zu binden, wenn ich mir die Schuhe anziehe, oder auf ihr Schnäuzchen zu achten, wenn ich eine Truhe schließe. Streichle ich Frieda, presst sich die Kleine blitzschnell an die Große und versucht ihren Kopf möglichst punktgenau dorthin zu drapieren, wo meine Hand als nächstes hingehen könnte. Man weiß in diesem Moment der siamesischen Zwillingsbildung oft nicht, wo der eine Hund beginnt und der andere endet.
Bei einer dieser Situationen, begann Frieda, Tinka die Ohren auszulecken. Tinka ließ es geschehen, denn den Kopf wegzuziehen, hätte ja einen Verlust, der Streichelhand bedeuten können. Sanft und geduldig säuberte Frieda drei schlimme Jahre aus Tinkas Gehörgängen. Seitdem hat sich etwas geändert. Tinka legt sich jetzt auch ohne mein Zutun immer wieder neben Frieda. Deren dichtes Eisbärfell und ihre liebe Art haben offenbar ihre Wirkung nach vier Wochen Zusammenleben nicht verfehlt.

Sooo kuschelig, Tinka und Frieda
(Übrigens ist es auch im Moment nicht so einfach, zu schreiben, denn meine Hand wird bei jedem Buchstaben von einem Hundekopf begleitet.)


Ein besonderes Ereignis jedoch ist für mich die Interessengemeinschaft von Viktor und Tinka, weil ich nie annahm, dass es überhaupt eine geben könnte. Marken setzen, heißt das gemeinsame Ziel. Tinka hält sich dabei akkurat an die Etikette, die Viktor bei dieser für ihn hochverantwortlichen Situation entwickelt hat: An einer Marke schnüffeln, über die Entdeckung empört schnaufen, den genauen Zielpunkt anvisieren, Bein so hoch wie möglich halten: und los!Wo eine Hand ist, da ist auch TinkaZum Abschluss den eigenen Geruch in alle Winde scharren.
Viktor und Tinka lesen seit vierzehn Tagen Kopf an Kopf die Prenzelberger Hundezeitung. Sie sehen dabei aus, wie ein eingespieltes Ermittlungsteam. Tinka: „Kollege, was würden Sie zu diesem Fall sagen? Verdächtig; nicht." Schnüffel, schnüffel. Viktor: „Mehr als das. Hier liegt ein Verbrechen vor. Der junge Rüdenschnösel aus der Seelower Straße mit den schlechten Manieren, behauptet allen Ernstes, dieser Platz würde ihm gehören. Das ist empörend." Schnauf, schnauf. „Schließlich kümmere ich mich seit Jahren jeden Morgen und Abend gewissenhaft um dieses Revier." Nochmaliges entrüstetes Schnaufen.
Tinka: „Dann müssen wir was unternehmen, Herr Kollege! Unbedingt. Sofort."
Aufgeregtes Zurechtrücken beider Hinterteile. Tinka mit Tippel-Ballarinaschritten, Viktor mit bedächtigen Bewegungsplanungen, weil der Moment des Beinhebens für das Großväterchen auch immer die Gefahr des Umkippens bedeutet, wenn er in eine Schieflage gerät.
Der entscheidende Moment naht. Zuerst Viktor, dann Tinka: zielen, treffen, scharren, mit durchgedrücktem Rücken weitergehen. Tinka hat die Eigenart, nach 50 Metern zu wenden, zurück zu laufen und das Ganze mit einer nochmaligen Markierung abzusichern. Ob sie das tut, um das letzte Wort zu haben, oder um es besonders toll zu machen, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich vermute jedoch Ersteres, sage es aber Viktor nicht weiter. Ich berichte meiner Mutter heute bei einem Telefonat von dieser Teamarbeit und sie fasst in ihrem unnachahmlichen, sächsischen Charme zusammen: „Da hat der Viktor pädagogischen Einfluss genommen und gibt sein Lebenswerk weiter."
Man muss dazu wissen, dass meine Mutter selbst Lehrerin war und sich in solchen Dingen auskennt.
Andere Lebensgewohnheiten entwickelt Tinka sehr speziell und unnachahmlich. So würde sie sich selten irgendwo niederlassen, ohne durch ein erhobenes Bein oder alle, in die Luft gereckten, vier Pfoten daran zu erinnern, dass sie für eine Streicheleinheit IMMER empfänglich ist.

Mach hoch das Bein, das tut doch soo gutIst das gemütlichZum Zweiten hat sie eine phänomenale Beinklammertaktik entwickelt, die bisher noch jeden Menschen begeistert hat, selbst wenn dieser helle Hosen anhatte. Sie visiert dazu ein entgegen kommendes Beinpaar an, nimmt Anlauf, wirft kurz vor dem Aufprall ihre Vorderpfoten so weit nach oben, dass sie einem Ringkämpfer ähnelt, der es wissen will, bleibt kurz auf den Hinterbeinen stehen, um mit den Vorderpfoten noch einmal ordentlich Schwung zu nehmen und dockt dann an das jeweilige Bein an. Ihre Vorderpfoten umklammern es wie einen Rettungsring, oder wie eine gute Beute. Das kommt auf die Sichtweise an.
„Ooooooh, bist du süüüüüüüüüüüß." Ist der meistgesagte Satz in dieser Situation und zuverlässig folgt eine Hand, die streichelt.
Ich kommentiere das inzwischen mit der Bemerkung: „Ich habe auch noch einen Bernhardiner, der das macht, der kommt da hinten..." Woraufhin stets ein erschrockener Blick in alle Richtungen folgt. Es hält jedoch niemanden davon ab, Tinka weiter zu streicheln und sie herzallerliebst zu finden.
Menschen lieben es, geliebt zu werden. Das macht sie liebenswert.
Vorletzte Woche nahm ich Tinka das erste Mal mit in das Seniorenheim, in dem Viktor seit 4 Jahren und Frieda seit ein paar Monaten als Therapiehund arbeiten. Tinka sollte einfach nur dabei sein, noch gar nichts tun und nur die Situation kennen lernen. Sie kann auch noch nichts von dem, worin Viktor und Frieda ausgebildet sind.
Dennoch kann sie ALLES.

Wir kommen auf den Wohnbereich 3. Fünfundzwanzig demente Bewohner warten bereits im Kreis auf die Hundetherapiestunde. Einige von ihnen fragen die ganze Woche über nach den Hunden, obwohl Menschen mit Demenz kein Kurzzeitgedächtnis mehr besitzen und neue Bekanntschaften und Namen sofort vergessen. Sie besitzen jedoch ganz offenbar ein emotionales Gedächtnis und besonders der Kontakt mit Tieren bringt es zum Vorschein. Alte Menschen mit Demenz reagieren oft wieder genauso unmittelbar wie kleine Kinder, die sofort die Händchen ausstrecken, wenn sie ein lebendiges Fell sehen. Ein Hund findet einen ganz direkten Zugang und man kann die schönsten Dinge mit ihm tun, um noch nicht verschüttete Fähigkeiten zu stärken. Sprache, Motorik, sich öffnen können, fühlen, sich bewegen. Ich habe mit meinen Hunden einige Dinge erarbeitet, die diese Bereiche betreffen. Dabei gehen wir in sechs Runden von Mensch zu Mensch und in jeder Runde wird eine andere Fähigkeit angesprochen.
Ich setze also Tinka auf den Boden und habe noch eine Freundin dabei, die sie auf den Schoß nehmen könnte, falls es ihr zuviel wird.
Tinka steht mitten im Kreis und schaut sich um, als hätte sie in diesem Moment den Sechser im Lotto gewonnen. Ihr Kopf schnellt von einem zum anderen, sie rennt nach da, läuft nach dort und stößt überall auf Begeisterung. Das macht sie so fassungslos, dass sie kurz innehält und einen Blick hat, der sagen könnte: „Booooooh, das Paradies! Fünfzig Hände, die mich streicheln wollen, wo geh ich da jetzt zuerst hin."
Dann schnappt sie sich die erstbeste Gelegenheit und lässt sich streicheln, geht weiter, lässt sich streicheln, hüpft auf einen angebotenen Schoß und lässt sich umarmen. Die alte Frau ist davon so gerührt, dass sie weinen muss. Tinka leckt ihr das Gesicht ab. „Ich will auch", schreit eine andere Frau. Tinka kommt diesem Wunsch sofort nach.
Das ist schwer, so einen kleinen Hund groß zu kriegen, nicht?" sagt die kleine Frau Hübner, in der Annahme, es handelt sich um einen Welpen.
„Der wird nicht größer, Frau Hübner. Der ist so klein." Sage ich wahrheitsgemäß.
„Ja das ist schwer." Sinniert sie ungerührt mit zärtlichem Blick auf Tinka.
„Wie heißt denn der Hund?" fragt eine andere Frau.
„Margot" antworte ich, was damals noch der Tatbestand war.
„Ahh, Markus ist ein schöner Name", ruft die Frau begeistert.
„Markus, Markus."
Da mein Bruder diesen Namen trägt, finde ich ihn auch sehr schön.
„Nein, Margot," sagt ein Bewohner.
„Sag ich doch, Markus." Antwortet die Frau.
„Und wie heißt die Schwarzweißkarierte?" ruft eine Frau und zeigt auf Frieda.
Das sind herrliche Momente, in denen man selbst wieder Kind wird. Ich beginne nun mit Viktor und Frieda zu arbeiten, die bereits auf ihren Einsatz warten und Tinka darf sich im Paradies einfach amüsieren.
Nach zwanzig Minuten. „Wo ist denn Tinka?" Da sich sofort alle schweigend umblicken, hört man die begeisterten Schreie im 30 Meter entfernten Schwesternzimmer um so lauter.
„Haaaa, was bist du denn für ein Schnuckelchen. Oh bist du süüüß."
Tinka vergrößert das Paradies.
Das schönste Erlebnis war jedoch vor vier Tagen, als Tinka das erste Mal ihr bisher starres, Mimikloses Gesicht bewegte. Sie lag auf dem Rücken und ich bürstete sie. Plötzlich öffnete sie ganz entspannt den Mund und grinste.

Diese schöne Gesicht sagt doch allesDa sie es ungefähr zwanzig Minuten tat, konnte ich ein paar Fotos machen.
Gestern fragte ich Frau Dr. Gräfe, unsere Tierärztin, ob es sein kann, dass durch die schlimme Krankheit Tinkas, den Lupus (Lichtallergie des Gesichtes) und den damit verbundenen Dauerschmerz die Mimikstarre entstanden sein kann. (Wenn ich mir vorstelle, ich hätte das ganze Gesicht entzündet, dann würde ich auch keine unnötige Bewegung damit machen.) Frau Dr. Gräfe bejahte diese Möglichkeit und freute sich, die kleine Mimikfalte an Tinkas Mund zu sehen, die inzwischen nach oben zeigt und wie ein Dauerlächeln aussieht. Tinkas Gesicht hat sich durch die Behandlung merklich entspannt und mitunter probt sie ein paar Bewegungen.
Die Kortisonbehandlung ist seit zwei Tagen eingestellt, nicht weil ein vollständiger Heilerfolg vorhanden ist, sondern weil die Hornhaut an den Augen sonst geschädigt wird.
Jetzt gilt es Daumen und Zehen zu drücken, dass die Symptome nicht mit voller Wucht zurück kommen.
Als Tinka hier eintraf, ähnelte sie eher einem wandelnden Erdmännchen, als einem Hund. Sobald man sie anschaute, stellte sie sich auf die Hinterpfoten und schaufelte mit den Vorderpfoten in die Luft. Das tat sie wie ein Automat, auch wenn sie todmüde war. Heute lernt sie, dass sich Hinsetzen viel eher lohnt. Falls sie einmal ihre Erdmännchenautomatik abspult, sage ich „Simsalabim" und sie setzt sich sofort auf den Hintern und wird gelobt.
(„Simsalabim" ist ein scherzhafter Umgang mit dem Menschenglauben, dass das Wort „Sitz" für den Hund irgendeine Bedeutung haben könnte. Ich könnte auch „Bleistift" sagen und Tinka beibringen, sich dabei hinzusetzen.)



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Das folgende Gedicht, das mir eine wunderbare Zusammenfassung scheint, schickte mir Conny Waak, als sie von Tinka las.


Danke, kleiner Hund!
Du liegst und schläfst.
Sonnenstrahlen auf deinem Fell.
Wohlig reckst und streckst du dich.
Wovon träumst du, kleiner Hund?
Von dem, was war?
Von dem, was sein wird?
Hast noch nicht viel Gutes erlebt in deinem kurzen Leben.
Und doch vertraust du mir?
Weißt, dass Menschenhände schlagen können
und leckst mir doch die Hand?
Weißt, dass Menschenbeine treten können
und schläfst doch zu meinen Füßen?
Weißt, wie Menschen schreien können
und wartest doch auf ein Wort von mir?
Weißt, wohin dich Menschen brachten
und folgst mir doch auf Schritt und Tritt?
Danke, kleiner Hund!
(Autor unbekannt)
Schauen Sie selbst, wie Tinka den Jahreswechsel begangen hat, der ja auch ihren Lebenswechsel darstellt.
>Ich wünsche Ihnen alle sehr viel Freude mit Ihrem Hund und wenn Sie noch keinen haben, es warten viele Hunde wie Tinka auf ihre Chance. Es ist auch die IHRE.


Maike Maja Nowak