Wenn Diggi im Einsatz ist, dann ist die Freude bei den Wachkomapatienten großLicht in der Dunkelheit

Hunde leisten immer wieder Unglaubliches, Sie sind heutzutage in vielen Bereichen tätig und als Freund und Helfer für die Zweibeiner nicht mehr wegzudenken. Besonders in Therapiebereichen kommen sie immer öfter zum Einsatz. Das Beispiel von Diggi, dem Germanischen Bärenhund zeigt, wie wertvoll so eine Arbeit mit dem Hund sein kann. Er bringt sogar  Wachlomapatienten zum Lächeln. 


Wie ein Germanischer Bärenhund Wachkoma-Patienten hilft

Diggi weckt die Lebensgeister!

Ein Germanischer Bärenhund im Einsatz bei Komapatienten

Text: Thomas Böhm/Fotos: Sönke Tollkühn

Auf dem Regal steht ein Bild, auf dem Rainhard Lingies, 56, mit seiner Frau tanzt. Er sieht fröhlich aus. Gegenüber vom Regal, im Krankenbett, liegt nur noch ein Schatten seines Selbst. Seit zwei Jahren leidet der ehemalige Handwerker am „Looked In Syndrom". Er ist gefangen in seinem eigenen Körper. Fast vollständig gelähmt, aber bei vollem Bewusstsein. Er kann sehen, hören, riechen und schmecken, sich aber nicht mitteilen. Die Folgen einer Gehirnblutung.

Diggi , dem 4 ½ jährigen Germanischen Bärenhund ist das egal. Er bellt verhalten, aber freudig auf, als er mit Herrchen Ingo Joffel, 53,  vom "Therapiehunde Berlin e.V." das Krankenzimmer im Sanatorium West, Lichterfelde betritt und seinen „Patienten" begrüßt. Seit 1 ½ Jahren macht er hier einmal die Woche seine „Dog-Visite". Schwester Verena, 24, stellt die Rückenlehne hoch, Rainhards Augen zucken von links nach rechts, Diggi schiebt seine kalte Schnauze unter die zu einer Faust verkrampften Hand.Ein Stückchen Leberwurst als KontaktmittelIngo Joffel: „Viele von uns haben Probleme mit Wachkomapatienten. Wir sind gehemmt, fühlen uns unsicher, wissen nicht, wie wir mit den Kranken umgehen können. Das spüren diese. Hunde verhalten sich dagegen ganz locker, normal. Sie machen keinen Unterschied zwischen gesunden und kranken Menschen."
Der Polizist hat unbemerkt ein Leckerli in Rainhard`s Faust gedrückt, den versucht Diggi jetzt mit Zunge und Zähnen ganz vorsichtig herauszupulen. Die Augen des Patienten bewegen sich immer schneller, dabei löst sich die Faust, der ganze Körper entspannt sich. Diggi kriegt sein Leckerli, mit zwei Fingern streicht Rainhardt über die Schnauze, seine Augen beginnen zu strahlen.
Schwester Verena: „Wir wissen nicht, was in den betroffenen Menschen wirklich vorgeht, aber wir sind froh über jede Reaktion. Jeder Außenreiz ist eine Abwechslung in diesem so eingeschränkten Leben." Ingo fragt Rainhard, ob Diggi weitermachen soll. Der kann nicht antworten, oder nicken, dafür wandern seine Augen nach rechts, wo über ihm das „Ja-Schild" hängt. Nach zehn Minuten wird Rainhard müde. Die Augen fallen ihm zu, er schläft wieder ein.

Der zweite Besuch heute gilt dem Patienten Bernd Waschki, 67, ebenfalls seit zwei Jahren in diesem Zustand, der für uns so grausam erscheint. Bernd scheint den Hund schon erwartet zu haben, mit den Augen verfolgt er jede Bewegung. Ingo streicht etwas feine Kalbleberwurst auf den rechten Unterarm. Sofort beginnt Diggi begeistert daran zu lecken. Die raue Zunge und der warme Atem bewirkt eine intensive Reaktion bei Bernd. Die Haare stellen sich auf und ein paar Tränen fließen aus den Augen.
Verena: „Wir kümmern uns wirklich um jeden Patienten, aber diese Nähe können wir niemandem geben. Wir wissen, dass der Kontakt mit den Hunden positive physiologische Prozesse in Gang setzt: Die Reize der Patienten werden stimuliert. So können die zentralen Nervenbahnen sowie die Wahrnehmung und der Empfindung beim Menschen aufgebaut bzw. erweitert werden."Ingo Joffel und sein DiggiPeter Gubela, 51, muss von Diggi erst geweckt werden. Er ist vom Baden noch erschöpft. Seine Hand ist in ein Quietscheschweinchen gekrallt. Als er mitkriegt, das Diggi vor seinem Bett hockt und seinen Quadratschädel auf seinen Arm legt, wacht er auf und greift in das dicke Fell seines vierbeinigen Besuchers. Dabei murmelt er etwas.
Verena: „Herr Gubela erzählt uns ständig, dass er auch mal einen Schäferhund hatte. Ob das stimmt, wissen wir nicht. Realität und Fantasie kann bei diesen Patienten nicht immer unterschieden werden."
Immer kräftiger zerrt Peter jetzt am Hund herum. Der bleibt völlig gelassen. Erst als es ihm zu viel wird, zieht er seinen Kopf zurück, um den Patienten gleich darauf wieder anzustupsen. Peter lächelt und beginnt das Spiel von vorne, bis Diggi die Schnauze voll hat.
Ingo: „Mein Hund hat eine sehr hohe Reizschwelle. Wir haben ihn trainiert, sich niemals zu wehren, sondern sich in Stresssituationen zurückzuziehen."
Nach gut einer Stunde hat der Therapiehund seine Arbeit in Wachkomabereich des Sanatorium West beendet. Jetzt geht es eine Etage höher in den Palliativ-Bereich. Dort wohnen Menschen mit schwersten Erkrankungen in ihrer letzten Lebensphase. Hund und Herrchen machen das alles ehrenamtlich. Ein Antrag auf Hundesteuerbefreiung wurde vom Finanzamt Berlin Spandau abgelehnt.

Mehr Infos unter www.therapiehunde-berlin-ev.de