Warum man nicht alle Pudel über einen Kamm scheren sollteGrosspudel, Koenigspudel muessen oft in den Hundesalon

Hunde sind wie Menschen, unterschiedlich. Ein Neufundländer braucht eine andere Fellpflege als ein Rauhaardackel. Aber eins gilt für alle: Irgendwann müssen sie – wie Frauchen – zum Friseur. Ob sie „wollen“ oder nicht.
TT-Reporter Thomas Böhm hat mal einen Tag lang im Hundesalon „Snobby Dogs“ in Charlottenburg mitgeholfen. Und unter seinen zwei linken Händen ist kein Vierbeiner ungeschoren davon gekommen.


Über der Tür zum Waschsalon hängt eine goldene Schere. Die hat sich Salon-Chefin Evelyn Reed (43) bei einem Pudel-Scher-Wettkampf in Dortmund 2001 verdient. Darauf kann sie stolz sein, ich bin eher nervös. Mindestens genauso wie mein erster Kunde Max, ein 4 Jahre alter West-Highland-White-Terrier aus Lichtenberg.
Als ich ihn auf den höhenverstellbaren Trimmtisch hebe und an die Kette lege, schaut er mich mit seinen schwarzen Knopfaugen an, als ob ich ihm eine Glatze verpassen würde. Den Schwanz hat er eingeklemmt, er zittert ein wenig. Ein Wessi, der aussieht wie ein begossener Pudel im Hundesalon„Bleib mal ganz locker“, sagt Evelyn. „Dann beruhigt sich auch der Max. Du kannst froh sein, dass er ein Wolli und kein Drahthaar ist. Du brauchst ihn nur zu scheren und nicht zu trimmen.“
Trimmen ist die Königsdisziplin unter den Hundefriseuren.
Vorsichtig fahre ich mit dem Scherkopf über seinen Rücken. Sieben Millimeter soll der Hund behalten. Da kommt ganz schön was runter. Es geht weiter an den Seiten und dem Bauch. Die ganze Zeit über quatscht mir Max die Ohren voll.
Das schwierigste sind die Beine. Nicht, weil Max so zappelt, sondern, weil ich für den krummen Hund die Krummschere einsetzen muss. Und dazu benötigt man bekanntlich Fingerspitzengefühl. Max knurrt. Die Kopfpartie überlasse ich lieber dem Profi. Ich halte derweil seine Schnauze.
Evelyn: „Du brauchst für den Job das richtige Gefühl. Du musst vorsichtig, aber auf keinen Fall unsicher sein. Das spüren die Hunde sofort. Sie meckern zwar nicht, aber sie können zu schnappen. Und mit einem Maulkorb kann man ihnen schlecht an der Nase rumschnippeln.“
Nach 40 Minuten ist Max von überflüssiger Wolle befreit. Ich greife beherzt zu und stecke ihn hinten im Waschsalon in die Badewanne. Dort wird er lauwarm abgeduscht, damit die lockere Restwolle verschwindet. Dann seife ich ihn mit Nerzölshampoo ein und knete den Terrier ordentlich durch.
Das mag der kleine Kerl.
Evelyn: „Ich habe sogar ein paar vierbeinige Kunden, die freiwillig und freudig in die Wanne springen und auf ihre Massage warten.“
Durchnässt schrumpft der Wessi auf die Größe einer Siamkatze und weil er sich so richtig gut schütteln kann, macht er mich ebenfalls nass.
Evelyn reicht uns ein Handtuch. Damit rubbele ich uns trocken. Zum Schluss setze ich Max unter den Turboföhn und blase ihn durch den Salon. Fertig ist der Hund. Viel Filz in der Lockenpracht eines Pudels, da muss er ueber dem Kamm geschert werdenIch bin zufrieden mit dem Ergebnis: „Macht 35 Euro.“
Herrchen zahlt und zieht Leine. Derweil ist Erich Le Papillon, mein zweiter Patient, schon auf den Trimmtisch gesprungen. Zehn Minuten hat der 15 Monate alte Großpudel ungeduldig auf dem Stuhl gewartet, dann hat er es einfach nicht mehr ausgehalten.
Stürmisch begrüßt er mich, schleckt mir fröhlich über den Schädel. Ich versuche mit einem groben Kamm durch seine kräftigen braunen Locken zu pflügen. Dabei kriege ich mich mit Erich mächtig in die Wolle. Der Halbstarke macht Männchen oder wälzt sich auf dem Rücken tote Katze, nur still hält er nicht.
„Der will nur spielen“, lacht Evelyn. Sein älterer Bruder Diego-Diabolo ist dagegen lammfromm, als ich ihm den Pony toupiere. Ich bin froh, dass meine Chefin ihn gestern schon in einer Drei-Stunden-Sitzung ran genommen hat.
„Beim Pudel wachsen die Haare einen Zentimeter pro Monat und er verliert nicht eines davon freiwillig. Deshalb verfilzen sie so leicht. Pudelpflege ist eine sehr zeitaufwendige Arbeit und nichts für Anfänger.“
Bei Robbie, dem 5 Jahre alten drahthaarigen Parson Russel kommen schließlich die eigentlichen Trimmwerkzeuge zum Einsatz. Mit den Fingern zupfe ich einzelne Haare heraus, Handstripping nennt man das. Für die Feinarbeit benutze ich den Trimmstriegel. Und weil Robbie in letzter Zeit nicht mehr so richtig gehorcht hat, pule ich ihm mit der Pinzette ein paar Haarbüschel aus den Ohren. Für die Pediküre setze ich die Krallenzange ein. Robbie bleibt cool, gibt Pfötchen. Mein Getue schert ihn nicht weiter, braver Hund. Ein Westhighland Terrier auf dem Trimm Dich PfadZum Schluss bitte ich den Riesenschnauzer Nico zu Tisch. Der Typ hat es nötig, er sieht aus wie ein Hippie. Da hilft nur noch die zweimotorige Pferdeschermaschine. Und runter mit der Wolle. Die verknoteten Haare entferne ich mit dem Matbreaker. Das Entfilzungsmesser hat 24 versetzte Widerhaken. Damit könnte ich sogar den gordischen Knoten auflösen. Die lockeren Resthaare ziehe ich mit dem Shedder ab. Ein Werkzeug, das aussieht wie eine Schlinge, die man nur seinem Todfeind an den Hals wünscht. Aber sehr praktisch.
Nico sieht jetzt aus wie neu. Ich dagegen sehe ziemlich alt aus. Das nächste Mal frisiere ich lieber eine Vogelspinne, die hat weniger Haare.

In Berlin kümmern sich rund 60 Hundefriseure um die richtige Pflege der Vierbeiner. Scheren und Schneiden für kleine Hunde (Zwergpudel, Malteser, Yorkshire) kostet im Durchschnitt 35 Euro. Für mittelgroße Hunde (Kleinpudel, Tibet) muss man rund 40 Euro hinblättern, große Hunde (Riesenschnauzer, Schäferhunde) werden für 65 Euro geschert. Die Pflege bei sehr großen und langhaarigen Hunde (Neufundländer, Bobtail) ist für 80 Euro zu haben. Meistens beinhalten die Preise waschen-trocknen, schneiden, Ohr- und Krallenpflege sowie die Kontrolle u. ggf. Entleerung der Analdrüse.
Trimmen und zupfen (wird nicht von allen angeboten) ist jeweils 5 Euro teurer.
Evelyn’s Hundesalon Snobby Dogs bietet zur Ausbildung 14-tägige Einzelkurse an. Der Auszubildende darf sich von Montag bis Freitag unter professioneller Anleitung jeweils an zwei Modell-Hunden austoben. Die Ausbildung kostet 800 Euro zzg. MwSt.

Text: Thomas Böhm/Fotos: Sönke Tollkühn

Das Werkzeug eines Hundefriseurs, salonfaehig