Die mit dem Wolf tanzt

Text: Thomas Böhm/ Fotos: Sönke Tollkühn

Vanessa hat keine Angst vor WölfenEin Liedchen singend sammelt die kleine Vanessa im Garten ein paar heruntergefallene Äpfel auf. Sie merkt nicht, dass aus dem Gebüsch ein „Wolf" heranschleicht. Er fixiert die Vierjährige mit durchdringenden Augen und springt sie von hinten an. Vanessa kreischt - vor Vergnügen.
„Da bist du ja, Mischka, komm lass uns eine Runde spielen!"


Vanessa hat keine Angst vor dem „bösen Wolf". Sie rollt ihren Freund über den Boden, er macht brav „Sitz" und „Platz" und bleibt auch liegen, als sie immer wieder über ihn rüberhüpft. Auch als ein zweite, viel größerer Grauer an ihr vorbeizieht, wird sie nicht nervös.
„Das ist das Ergebnis jahrelangen Trainings", sagt Vater Reina Schulz, 53. Er hat den Rüden Mischka vor 11 Jahren als Welpen aus der Tschechei geholt und seit dem jeden Tag mit ihm trainiert.
Reina: „Mischka ist eine Mischung aus Wolf und Schäferhund, ein tschechisch-slowakischer Wolfshund, eine vom VDH anerkannte Zuchtrasse. Wobei der Hund bei ihm eine etwas kleinere Rolle spielt. Mit seinen 40 Kilo ist Mischka relativ zart. Sein Sohn, der zweijährige Jack ist da schon etwas kräftiger ausgestattet."
Bereits in den 50er Jahren haben die Tschechen Wölfe mit Schäferhunden gekreuzt. Sie wollten die viel besser ausgeprägten Sinnesorgane des wilden Tieres mit dem Charakter des domestizierten Hundes kreuzen um für den Schutzdienst eine „Superhund" zu schaffen.
„Mischka ist wirklich toll. Aber kein Hund für Jedermann. Ich trainiere die Vierbeiner seit meinem dreizehnten Lebensjahr, aber der hier war eine echte Herausforderung. Um das Vertrauen eines der scheuen und misstrauischen Tieres zu gewinnen, benötigt man viel Geduld, äußerste Konsequenz, aber auch eine strenge Hand. Mit Kuscheleinheiten und Leckerlis kann man dem Wolfhund nicht kommen. Hier konnte ich nur mit Stimme und Gestik etwas bewirken. Aber das hat wirklich viel Arbeit und Schweiß gekostet, bis er mich als Rudelführer anerkennen wollte."
Am meisten schätzt Reina Schulz an Mischka seine Ehrlichkeit. Er verwendet ihn oft als „Lügendetektor". Mit seinem feinsinnigen Gespür erkennt er sofort, ob jemand einen aufrichtigen Charakter hat, oder falsch ist.Rotjäckchen und der liebe Wolf„Wenn er einen großen Bogen um den Menschen macht, weiß ich, woran ich bin."
Wenn Reina mit ihm durch die Wälder läuft, kann er seinen Begleiter sogar von der Leine nehmen, er hat den Jagdtrieb unter Kontrolle. Nur wird Mischka auf Befehl nicht bellen, weil er gar nicht bellen kann.
„Wir sind dennoch eng miteinander verbunden. Er gehorcht nur mir und meiner Vanessa. Ins Bett nehmen würde ich Mischka aber niemals, das macht nur die Großmutter im Märchen."
Es wird dunkel, Reina und Vanessa gehen wieder ins Haus. Mischka hebt seinen Kopf und jault in den Himmel. Seine Artgenossen, die in den Wäldern der Umgebung herumstreichen, grüßen freundlich zurück.
tcheschische Wolfshunde in Brandenburg