Kerstin - Die „Mutter" aller Hunde (am Grunewaldsee)

Unterwegs im Grunewald: Kerstin und ihr Multikulti-Rudel„Ich habe den schönsten Job der Welt!"

Text: Thomas Böhm/Fotos: Marilla Slominski

Es ist schwül und stickig, am Horizont türmen sich dunkle Wolken auf, in der Ferne donnert es, ein Gewitter zieht auf, so viel steht schon mal fest. Die Spaziergänger im Grunewald eilen mit ihren Hunden zu den Autos, bei diesem Wetter hört das Gassi gehen eher auf.
Nur eine zieht weiterhin gemütlich ihre Runden, Kerstin, 40, ist wie jeden Tag mit ihren Hunden unterwegs, heute schon das zweite Mal, bis zum späten Nachmittag hat sie ihre 20 Kilometer hinter sich, mindestens 15 Hunden eine Freude gemacht und drei Stunden an der frischen Luft verbracht.
Kerstin ist der Multikulti-Gassiservice von Berlin. Ihr liegt die halbe Welt zu Füßen, wenn sie die Leckerlis verteilt. Das Rudel ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen Hunde aus vielen Teilen Europas.
„Für mich spielt das keine große Rolle, woher der Hund kommt, Hauptsache, er fühlt sich wohl beim mir. Es ist einfach toll, wenn alle Hunde nach dem Spaziergang im Auto zufrieden schlafen. Die Fahrerei ist ein wenig nervig, aber ich hole nur Hunde aus Westend und Grunewald ab, sie sollen nicht länger als insgesamt eine Stunde im Auto sitzen."


Kerstin trägt nicht nur die Verantwortung für ihre vierbeinigen Freunde, sie schleppt auch eine große Tasche mit sich herum: Ein Erste Hilfe Set, Wasser, feuchte Tücher, Hundebürste für die Entfernung von Kletten, diverses Spielzeug, eine Wurfkette, für jeden Hund eine Leine und jede Menge Leckerlis. Besonders für die Leckerlis ist sie im ganzen Grunewald bekannt und beliebt. Wenn Kerstin aus dem Auto steigt, stürmen die ersten „fremden" Hunde an und holen sich ihr „Begrüßungsgeld" ab. So ist sie für viele Hunde im Grunewald zum Anlaufpunkt geworden. Herrchen und Frauchen bleibt nichts anderes übrig, als hinterher zu hecheln.
Kerstin ist so eine feste Institution im Grunewald geworden. Sie kennt fast jeden Hund und kann ihn den Haltern zuordnen. Geht ein Vierbeiner verloren, hat sie die passende Handynummer dabei, verletzt sich ein Tier, leistet sie sofort Erste Hilfe.Alle Hunde sind zur Stelle, wenn es Leckerlis gibt
„Das Auslaufgebiet ist ein riesiger Hundespielplatz und die meisten haben ihre Tiere auch gut unter Kontrolle. Aber ich ärgere mich immer wieder über Halter, die lieber telefonieren, anstatt sich mit ihren Hunden zu beschäftigen oder ihr Tier wenigstens im Auge zu behalten. So kommt es oft zu Rangeleien und das muss nicht sein. Ich beobachte meine Hunde ständig, kümmere mich um jeden einzelnen. Ich kenne die Eigenarten meiner Hunde sehr genau, denn bevor sie mit in die Gassi-Runde dürfen, lerne ich sie alleine kennen. Zuerst bitte ich den Besitzer, mich mit dem Hund bei einem Spaziergang zu begleiten, damit sie sich ein Bild von mir und meiner Arbeit machen können. Danach gehe ich mit dem Neuzugang alleine los, so kann der Hund Vertrauen zu mir aufbauen. Beim ersten Auslauf in der großen Runde sind dann immer ein paar ganz besondere Leckerlis für den Neuen in der Tasche."
Eine fröhliche TruppeKerstin achtet auf die Harmonie in ihrer Gruppe und es kommt auch schon vor, dass sie einen Hund ausschließen muss weil der nur rumstänkern will. „Ich arbeite mit Lob und Leckerlis. Meine Hunde reagieren besser auf meine freundliche Stimme und Belohnung. Mit viel Geduld und Spucke erreiche ich fast alles. Und wenn ich doch mal durchgreifen muss, dann zücke ich die Kette, oder es geht kurze Zeit an die Leine weiter. Meistens verstehen sich die Hunde prima untereinander, auch wenn sie völlig unterschiedlich sind und das Rudel jeden Tag aufs Neue durchgemischt wird."

 

 

 

Für Tausend Tölen stellt Kerstin ihr Mulitkulti-Rudel vor. Die Hunde sind alle eine andere Baureihe, jeder hat seine eigene - manchmal sehr traurige - Geschichte zu erzählen:

Die beiden Flat Coatet Retriever Amy und Ben

Amy und Ben sind zwei Flat Coatet Retriever, sechs und acht Jahre alt. Sie kommen aus der Schweiz sind unzertrennlich und zu jedem anderen Hund freundlich. Aber am liebsten fressen sie. Und Kerstin hat das passende Leckerli für sie.Amy und Ben

 


Lorena, die SchäferhundmischlingsdameLorena ist ein Schäferhundmischling und ca. 4 Jahre alt. Sie kommt aus Teneriffa und hat eine große Narbe auf dem Kopf. Kerstin vermutet, dass Lorena erschlagen werden sollte, bevor sie ins Tierheim kam. Sie wurde von einer Berlinerin, die das Tierheim unterstützt, in den Norden gebracht und hat sich als Straßenhündin prima an das Leben und das Rudel angepasst. Am liebsten rennt sie, egal mit wem und wohin.


Colombo der GallgoColombo ist ein Gallgo und schon 11 Jahre alt. In seinen ersten Lebensjahren musst er in Spanien für einen Jäger arbeiten. Er ist der heimliche Boss im Rudel, aber auch ein richtiger Schmusekater. Er trägt eine Weste, die schützt seine empfindliche Haut. Wenn er von fremden Hunden angemacht wird, beschützt ihn Kerstins Truppe.

 

 

 

 


Noisy, der Irish TerrierNoisy ist ein Irish Terrier und mit 13 Jahren auch schon eine ältere Dame. Da sie schon taub ist, muss Kerstin mit ihr auf Sicht gehen. Sie versteht die Handzeichen schon sehr gut, orientiert sich aber auch an Colombo. Da sie nicht mehr so viel rennt, bleibt sie in Kerstins Nähe und natürlich immer in Reichweite der vielen Leckerlis.

 

 

 

 

 

 

Mischlingshündin Ja Ja aus JamaikaJah Jah ist ein acht Jahre alter Mischling und wurde in Jamaika geboren. Sie ist unsterblich in Colombo verliebt, aber noch mehr liebt sie ihr Futter. Dafür klettert sie auf jeden Baumstumpf und würde sogar Handstand machen. Sie ist ein Menschenfreund,bei anderen Hunden aber wählerisch.

 

 

 

Kyra Border Collie Mischling aus GriechenlandKyra ist ein Border Collie Mischling und fünf Jahre alt. Als Welpe haben Kinder in Griechenland mit ihr Fußball gespielt, bis ein Deutscher sie über den Zaun einer englischen Dame geworfen hat. Diese Frau war aber mit der intelligenten und munteren Hündin total überfordert. Kerstin hat Kyra über ihr Geschäft „Petti's Laden hier in Berlin vermittelt. Kyra ist sehr dominant und konnte nur mit viel Geduld und intensiver Arbeit sozial integriert werden. Aber ihre Angst vor Kindern wird sie wohl nie verlieren.

 

Anna die Beagle-Dame aus TschechienAnna ist eine Beagle-Dame und fünf Jahre alt. Sie kommt aus einer „Massentierhaltung" in Tschechien. Anna ist für ihre Rasse eher untypisch: sie jagt nicht und läuft nicht weg. Auch sie ist mit Colombo befreundet und ein super Knutscherin. Sie küsst alle Hunde in der Gruppe und „Mama" Kerstin natürlich auch.