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Hände hoch oder ich belle
Sie retten Menschenleben und verhindern Attentate. Sie sichern Beweise, stellen flüchtige Straftäter und wenn es bei Krawallen hart auf hart kommt, sind sie ganz vorne mit dabei. DasTausend Tölen hat die Ordnungshüter mit Biss bei ihrem Training beobachtet. Die Berliner Schutzdiensthunde. Bei vielen Ermittlungen sind die vierbeinigen Schnüffler ihren Dienstherrchen immer eine Nasenlänge voraus. Unentbehrlich als zuverlässige und treue Partner für die Polizei im stressigen Arbeitsalltag. Und dabei wollen sie nur spielen.
Eine Reportage aus dem Ausbildungszentrum in Ruhleben
Text: Thomas Böhm, Fotos: Sönke Tollkühn
Dobermann-Hündin Arwen schnappt sich den AngreiferNebenan im Supermarkt wird dem Sprengstoffexperten Askan der jährliche TÜV abgenommen. Neun Jahre ist der Schäferhund-Rüde schon im Dienst der Polizei, ein alter Haudegen. „Als ich ihn aus dem Tierheim geholt habe, wusste ich, wir werden ein Superteam. Und er hat mich noch nie im Stich gelassen“, sagt sein Partner Polizeihauptmeister Bernd Kuhn, 46. Für die heutige Prüfung hat Bernd eine Pistole in einem alten Autoreifen versteckt. Jetzt muss sich Askan, der Kraftprotz, ablegen, während Bernd mit einem „Bringsel“ durch den Raum läuft und so tut, als ob er Akans Lieblingsspielzeug versteckt. Der Hund ist jetzt kaum noch zu halten. Mit einem Taschenspielertrick lässt der Polizist das „Bringsel“ verschwinden, Askan geht auf Suche. Es dauert nicht mal eine Minute und er hat die Waffe gefunden. Aber statt zu bellen, oder zu kratzen legt er sich ganz brav davor und schaut sein Herrchen erwartungsvoll an. Bernd drückt auf den „Klicker“. Der Job ist erledigt, nun wird eine Runde gespielt. Die Belohnung. Bernd Kuhn ist mächtig stolz. „Askan hat erst letzte Woche in einer Wohnung eine Handgranate gefunden und davor auf dem Kreuzberg eine weggeworfene Pistole, die einer Straftat zugeordnet werden konnte.“
Die Ausbildung zum Sprengstoffsuchhund ist mit 16 Wochen die längste. Am Anfang ist es ein Kinderspiel. Der Hund schnuppert an sieben Gläsern. In einem ist Sprengstoff. Bleibt er vor diesem Glas stehen, wird er belohnt. Seit kurzem arbeitet diese Abteilung mit dem „Klicker“, der punktgenau und ohne Stimmungsschwankungen dem Diensthund suggeriert: „Fein gemacht, jetzt gibt es Leckerlis oder was anderes Schönes“.

Da die Beamten es in diesem Bereich oft mit akustischen oder Kontakt-Zündern zu tun haben, müssen sie ihren tierischen Partnern beibringen, sich vor dem Triebziel mucksmäuschenstill abzulegen. Bernd Kuhn: „Askan hat das ziemlich schnell kapiert. Für mich ist Sprengstoff völlig geruchsfrei. Wir wissen alle nicht, was er sich da an verschiedenen Geruchsstoffen seiner Supernase entdeckt. Ein cleverer Bursche. Und ich kann mit ihm auch noch Zuhause spielen. Eine Dienstwaffe bleibt im Gegensatz zum Hund auf dem Revier im Schließfach.“
Aber für heute ist noch lange nicht Schluss. In der Mittagspause werden Erfolgsgeschichten zum Besten gegeben. Diensthundeführer Daniel Kaiser erzählt, wie sein Brandmittel-Schnüffler innerhalb von 6 Minuten auf einer fußballfeldgroßen Fläche einen Tropfen Diesel entdeckt hat und Thomas Martin zeigt stolz die Beute von Tabakspürhund Anton: 4000 Zigaretten hat der Malinois letzte Woche von einem Baum herunter gepflückt.
Schäferhund Tobi, 6, kann darüber nur die Nase rümpfen. Er ist Härteres gewöhnt und schon wieder unterwegs mit Oberkommissarin Iris Liebscher, 42, am Bahnübergang eine „Leiche“ aufzustöbern.
„Dem Aasfresser Hund macht der Gestank nichts aus und ich habe mich auch schon längst daran gewöhnt“, sagt die Polizistin. Für das Training hat sie vorab ein „Dummy“ mit übel riechender Flüssigkeit präpariert und blaue Plastikhandschuhe übergezogen. Die bedeuten für den Hund nichts anderes als: „Achtung, fertig, los“. Tobi zerrt schon aufgeregt an der Leine, fiept und freut sich auf ein neues Spiel.
„Mit einem kontaminierten Lappen hat alles angefangen. Um den haben wir immer wieder gekämpft und ich habe ihn gewinnen lassen. Dann habe ich den Lappen irgendwann eingebuddelt, so dass er anfing zu kratzen, um an sein Triebziel zu kommen.“ Bereits eine Stunde nach dem der Tod eingetreten ist, findet Tobi mittlerweile jede Leiche.
Leichensuchhund Tobi hat von den Toten die Nase gestrichen vollDamit die Kriminaltechniker ihre Arbeit aufnehmen können, wird der Hund, nach dem er angezeigt hat, mit seinem Spielzeug abgelenkt. Für den Vierbeiner beginnt jetzt der eigentliche Spaß, für die Zweibeiner der Ernst.
Iris: „Ich bin von meinem Partner mit der kalten Schnauze auch nach all den Jahren immer wieder aufs Neue fasziniert. Von solchen Fähigkeiten können wir nur träumen.“
Etwas verträumt schaut Schäferhündin Easy, 3 ½, heute aus. Völlig selbstvergessen knabbert sie an einem Kunststoffröhrchen herum. Das liegt aber nicht daran, dass da normalerweise Rauschgift drin ist. „Sie hat einfach ein freundliches Wesen“, sagt Dienstfrauchen Polizeiobermeistern Nicole Schmidt. „Für einen Polizeidiensthund ist sie sehr verspielt. Aber sie ist eine Super-Spürnase.“
Easy belegt heute einen Schnupperkurs am Bahnhof Südkreuz. Nicole hat eine Passfrau mit. In dieser Abteilung sind immer zwei Dienstführer mit ihren Hunden unterwegs - aus Sicherheitsgründen und weil die Hunde sich nach einigen Minuten abwechseln müssen. Nicole: „Es kann immer sein, dass einer einen schlechten Tag hat oder es zu warm ist und der Hund schnell müde wird.“
Am liebsten ist Easy deshalb auf ihrem Lieblingsspielplatz, der Hasenheide, unterwegs. Dort ist sie an der frischen Luft und kriegt jede Menge in die Nase – sehr zum Ärger der Dealer.
Während Nicole mit Easy sich ein wenig einspielt, verstaut ihre Partnerin ein Paket mit Marihuana, Ecstasy, Kokain und Haschisch in einem Schließfach. Dann zückt Nicole das Plastikröhrchen, in dem während der Spezialausbildung schon sämtliche Drogen dieser Welt gebunkert waren. Easy ist jetzt sprungbereit. Nicole „trudelt“ durch die Schließfachanlage, klopft mit dem Röhrchen an das Blech, dann lässt sie es „heimlich“ verschwinden. Und Easy geht ab wie eine Rakete. Nach einer groben Voruntersuchung folgt sie der Hand ihres Frauchens. Bis Easy am „bösen“ Schließfach kratzt. Wie durch ein Wunder taucht in diesem Moment wieder das Röhrchen auf, Easy tobt sich aus, die Beamtin sichert die Beute.
„Wir achten darauf, dass unsere Hunde niemals mit den Drogen wirklich in Berührung kommen, denn das kann tödlich sein. Und unsere Hunde sind das Wertvollste, was wir in unserem Polizistenleben haben.“
Schäferhündin Easy findet allesSeit 55 Jahren arbeiten Hunde bei der Berliner Polizei. Heute sind insgesamt 99 Rüden und 34 Hündinnen für die Behörde tätig. 137 Diensthundeführer (33 Prozent davon Frauen) sind für ihre tierischen Teamgefährten verantwortlich.
Noch immer wird überwiegend der Deutsche Schäferhund als Allrounder und robustes, zuverlässiges Arbeitstier eingesetzt. Außerdem ist hier die Auswahl am größten. Insgesamt sind 8 Rassen zugelassen:
Deutscher Schäferhund, Rottweiler, Dobermann, Riesenschnauzer, Belgischer Schäferhund (Malinois), Hovawart, Airedale Terrier und Boxer.
Die Berliner Polizei erhält ihre Hunde von renommierten und bekannten Händlern aus Deutschland. Ein 12 Monate altes Tier kostet 1400 Euro (nach seiner Ausbildung und mehreren Dienstjahren ist es mindestens 30.000 Euro wert!).
Seit Jahrzehnten werden nur Schäferhunde weitergezüchtet, die einen ausgeprägten Spiel- und Beutetrieb haben. Das macht sie so lernfähig und arbeitswillig, aber auch „scharf“.
Bevor das Tier zur Polizei darf, wird es von Tierärzten durchgecheckt. Der Hund muss gesund, die Muskulatur voll ausgebildet sein. Kranke Hunde kann sich die Behörde nicht leisten. Außerdem wird der Hund auf sein Wesen hin geprüft. Durchgeknallte Typen oder Angsthasen gelten als dienstunfähig.
Überprüfung, Ausbildung und Training übernehmen 7 Lehrwarte. Auf einem ca. 2 Quadratkilometer großen Gelände in Ruhleben wurde ein Dorf nachgebaut, inklusive Kirche, Supermarkt, Tankstelle, Bahnübergang und Autobahnzubringer. Ein idealer Platz für jede Art des Trainings. Während der Mauerzeit übten hier die britischen Soldaten den Häuserkampf.
Nach 4 Wochen Probezeit beginnt für die Vier- und Zweibeiner der A-Lehrgang. Bei diesem 10 wöchigen Anfängerkurs wird Grundgehorsam, Leinenführigkeit, das Abrufen (Komm, Bleib), die Grundbefehle (Sitz, Platz,), das Stöbern nach Gegenständen, das Stellen von flüchtigen Straftätern und das Vereiteln von Straftaten trainiert. Anschließend wird das Erlernte in 4 Praxiswochen während des Dienstes gefestigt und weiter ausgebaut. Jetzt erst ist der Hund ein kompletter Schutzdiensthund mit Diplom!
Der B-Lehrgang (6 Wochen) ist für bereits ausgebildete Diensthundeführer, die einen neuen Hund an die Leine bekommen.
30 Hunde werden im Schnitt für eine Großveranstaltung (Demo, Fußballspiel) eingesetzt. In den 6 Berliner Direktionen sind jeweils weitere 10 Diensthundeführer stationiert.
Einmal im Jahr muss jeder Polizeihund zum „TÜV“. Er ist rund um die Uhr bei seinem Hundeführer. Nach Dienstschluss kommt er mit nach Hause, lebt dort als Familienmitglied. 70 Euro Kostenzuschuss erhält sein Herrchen monatlich von der Behörde. Nach durchschnittlich 8 Jahren geht ein Polizeihund in Rente. Jetzt muss Herrchen auch sämtliche Kosten für Futter, Tierarzt und Hundesteuer allein übernehmen.
Seit den 80er Jahren werden die besten Schutzhunde zusätzlich für Spezialaufgaben ausgebildet und eingesetzt:
4 Brandmittel-, 5 Leichen- und Blut-, 15 Sprengstoff-, 15 Rauschgift-, und 4 Tabaksuchhunde sind mit ihren fantastischen Spürnasen zur Zeit in Berlin unterwegs.
In diesem Jahr werden zum ersten Mal in Berlin Bayerische Gebirgsschweißhunde als Vermisstensuchhunde ausgebildet. Sie können „verlorene“ Hautpartikel über Tage als Spur verfolgen.
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