Kommunikation unter Hunden - ohne viel GelabereVerstehen Sie "Hund"? Die universelle Sprache der Vierbeiner

Hunde quatschen nicht lange, sie diskutieren auch nicht. Zumindest nicht verbal. Aber sie haben eine universelle Sprache. Sie verstehen sich, ohne lange Worte zu verlieren, egal welcher Rasse sie angehören, woher sie kommen, was sie erlebt haben und aus welchem Zuhause sie stammen. Das Tausend Tölen Team hat die Hunde im größten Auslaufgebiet, in Berlin Grunewaldsee, beobachtet und Enrico Lombardi, Leiter des DogInstituts Berlin, zu Rate gezogen. Lesen Sie, was die Vierbeiner (uns) zu sagen haben.


 

Berlin ist die Hauptstadt durcheinander gewürfelter Kulturen. Menschen aus fast allen Regionen und Religionen der Erde leben hier zusammen. Kauderwelsch nennt sich oft die Sprache, in der sie sich unterhalten. Multikulti mit Mißverständnissen.

Ganz anders läuft es im Hundeauslaufgebiet Grunewald. Hier toben Hunde aus aller Welt herum und die unterschiedlichen Rassen und Mischungen kommen – ohne viel Gequatsche – überwiegend gut miteinander aus. Aber wie machen sie das? Haben die Vierbeiner eine universelle Sprache, so etwas wie ein bellendes „Esperanto“, oder funktioniert die Kommunikation bei Hunden eher nonverbal? Verstehen sich Hunde wirklich blind, egal, welcher Rasse sie angehören? Und vor allen Dingen: Wo kommen die vielen bunten Hunde eigentlich her?

Das TT-Team hat sich gemeinsam mit dem Hundeprofi Enrico Lombardi vom „DOGCOACH-Institut“ die Multikulti-Party mal genauer angeschaut.

Mit aufrechter Rute stolziert Hasso, der deutsche Schäferhund, in aller Gelassenheit am Strand entlang, markiert überall, wo er es für nötig hält, sein Revier. Ein kräftiger Kerl, dank „Pappi“ Murat, 32, aus Neukölln: „Hasso kriegt nur Frischfleisch in den Napf. Deshalb ist sein Fell auch so glänzend.“ Ein Deutscher Schäferhund kennt alle Hundesprachen der Welt, Schäferhund, Schaeferhund, schaeferhundPlötzlich stürzen eine französische Bulldogge und ein Rhodesian Ridgeback heran, nehmen Hasso in die Zange. Doch der Schäferhund bleibt cool, lässt die beiden auflaufen. Sie verschwinden wieder. Dafür taucht ein Winzling auf. Hasso ist begeistert – der Lütte ist sein Kumpel, auf den hat er schon gewartet. Erich heißt der und kommt direkt aus China.
„Den habe ich wohl vor dem Grill gerettet“, erzählt Herrchen Dirk. Der Pilot hat vor ein paar Monaten die chinesische Mauer besucht und einen völlig abgemagerten, verängstigten Flohpark aus dem Gestrüpp gezogen. „Ich habe ihn einfach in die Jackentasche gesteckt und im nächsten Flieger mit nach Berlin genommen.“
Oben auf dem Uferweg zieht Ingrid Maaßen ihre Kreise. Sie kämpft mit einer 5 Meter langen Schleppleine, an deren Ende Leo, ihr 6 Monate alter französischer Petit Basset Griffon Vendeen durch das Unterholz stöbert. „Ist der nicht süß“, schwärmt die Kauffrau aus Charlottenburg. „Als ich ihn als Welpen geholt habe, sah er aus wie aus dem Spielzeugregal. Ich stehe nun mal auf tiefer gelegte Hunde. Mir gefällt das Erscheinungsbild der Rasse. Ich finde sie extrem hübsch, sie sehen lustig aus und sind es auch.“
Doch der kleine Kerl ist auch sehr selbstbewusst und neugierig. Ingrid Maaßen hat so ihre Mühe, den Liebling zu bändigen.
„ Der geht gerade in die Schule. Irgendwie müssen wir seinen ausgeprägten Jagdtrieb noch etwas in eine geordnete Richtung lenken. Wenn ich den jetzt von der Leine lassen würde, könnte ich die Kaffeerunde mit Freundinnen am Nachmittag bei mir zu Hause knicken.“

Am Wasser steppt mittlerweile der Hund. Die Aufregung ist groß, irgendein frecher deutscher Dackel hat einem polnischen Hütehund das Bällchen geklaut, jetzt gehen Herrchen und Frauchen wie Streithähne aufeinander los. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Und während die beiden Vierbeiner schon wieder fröhlich miteinander spielen, fällt der Satz, der jedem Hundehalter wahre Alpträume beschert: „Sie haben wohl Ihren Hund nicht unter Kontrolle!“ Ein Traum von einem Hund: ein Petit Basset Grifon VendeenMit einem leisen „Tsch“ ruft Isabella ihren kleinen Mops-Rüden Monti heran. Der treibt seinen kleinen Harem, eine Rottweiler- und eine Bordeaux-Doggen-Dame, direkt zu Frauchen. Der Spaziergang für heute ist beendet, Isabella muss noch arbeiten gehen.
„Die Hunde haben es hier im Grunewald wirklich gut. Luna, unsere Rottweiler-Dame, hat in Spanien in einem Käfig gelebt, musste ihre eigenen Exkremente fressen und ihr Halter hat ihr die halbe Zunge mit dem Schuh abgetreten. Als wir davon hörten sind wir direkt losmarschiert und haben sie da rausgeholt. Und Monti kommt aus Russland, wurde jahrelang hin- und hergeschoben. Erst in Berlin hat er sein richtiges Zuhause bekommen. Dieses Auslaufgebiet ist wirklich ein kleines Paradies für Vierbeiner.“

So geht langsam ein gewöhnlicher „Hundstag“ im Grunewald zu Ende. Ohne Probleme, ohne große Beißereien. Zumindest die Vierbeiner haben sich alle gut verstanden.


 

Enrico Lombardi:
"Zunächst einmal sollte man den Begriff Kommunikation definieren. Eine funktionierende Kommunikation ist eine, die letztendlich auch zu einer Verständigung führt. Sie ist also Grundlage zur Koordinierung von Aktivitäten und sie ist außerordentlich wichtig, damit Verhaltensweisen aufeinander abgestimmt werden können. Kommunikation ist im Grunde nichts weiter als Informationsübertragung.
Innerhalb der gleichen Spezies ist der Informationsaustausch einfach, da gleich stark ausgeprägte Signale genutzt werden. Bei uns Menschen ist es vorrangig das gesprochene Wort, weil es für uns die stärkste Ausdrucksform ist. Der Hund hingegen verwendet überwiegend die Körpersprache zur Verständigung. Es geht hier also um zwei Spezies, welche unterschiedliche Kommunikationsarten nutzen und dadurch oft aneinander "vorbeireden".
Ein Hund beispielsweise ist lediglich in der Lage das gesprochene Wort des Menschen, als Laut zu entschlüsseln und ob es angenehm oder unangenehm auf ihn wirkt. Die inhaltliche Bedeutung bleibt ihm dabei fremd. Und genau hier liegt der Schlüssel zum Erfolg für eine Verständigung mit dem Hund. Berücksichtige ich als Hundehalter diesen Grundsatz kann ich zum "Hundeflüsterer" werden. Verstehe ich die hundliche Kommunikation, kann ich sie richtig deuten und somit eindeutiger entschlüsseln, was der Vierbeiner mir mitteilen möchte. Gleichzeitig kann ich die Antwort so verpacken, dass tatsächlich eine Verständigung stattfindet, von der einen Spezies zur anderen.

Die besten Freunde, weil sie sich verstehen: Bordeaux Dogge, Mops und RottweilerDas Verständigungssystem unserer Hunde ist ausgesprochen leistungsstark. Es kann mit Hilfe verschiedenster Signale unterschiedliche Informationen über Zustand oder Absicht übermitteln. Nur muss es eben auch verstanden werden. Es gibt eben kein allgemeingültiges Normalverhalten des Haushundes. Das heißt, es gibt keine Verhaltensschablone, die auf alle Hunde dieser Welt zutrifft. So unterscheiden sich die verschiedenen Hunderassen einfach in ihrem Aussehen so sehr, dass gleiche Verhaltensmuster unterschiedlich aussehen und wirken können. Ein Yorkshire-Terrier wirkt in Imponierhaltung eben ganz anders, als beispielsweise ein Rhodisian Ritchback. Zum anderen sind Hunde auch individuell so verschieden, dass ein bestimmtes Verhalten für einen Hund völlig „normal“, für einen anderen ganz und garnicht normal sein kann. Dennoch sind unsere Hunde in der Lage, trotz ihrer Unterschiede, verständlich miteinander zu kommunizieren. Man muss sie nur lassen!
Das Ausdrucksrepertoire des Hundes kann als eine Art Baukastensystem verstanden werden. Die meisten Signale sind aus unterschiedlichen Bausteinen zusammengesetzt. Diese sind entweder sichtbar oder hörbar und einzelne auch weniger stark betont als andere. Hier spielen selbstverständlich rassespezifische Merkmale eine nicht unerhebliche Rolle.
Hundesprache ist international, ein amerikanischer Schäferhund und ein BobtailGrundsätzlich machen Hunde ihre Absichten durch eindeutige Körpersignale klar. Der drohende Hund macht sich groß und fixiert sein Gegenüber, während der beschwichtigende sich möglichst klein macht und den Blick abwendet.
In diesem Baukastensystem kann ein Hund auch unterschiedliche Signale miteinander verbinden, wobei letztlich ein Gesamtausdruck erzielt wird. Dadurch wird Hundesprache wieder international. Die einzelnen Signale in Verbindung mit weiteren, ergeben eine Verdeutlichung, welche zur Verständigung führt.
Dabei bedeutet beispielsweise ein Schmatzen oder das Belecken der Lefzen, nicht konfliktbereit zu sein. In Verbindung mit dem so genanntem Zähnefletschen, bedeutet es so viel wie: „Ich fühle mich bedroht, möchte aber keinen Konflikt. Wenn Du mich aber weiter bedrohst, werde ich reagieren.“
Ein Heben der Vorderpfote bedeutet ebenfalls, nicht konfliktbereit zu sein. Das kann einmal in Verbindung mit freundlich-selbstbewusster Körperhaltung, also gerader aufrechte Körperstellung, aber auch ängstlich-beschwichtigend, wie geduckter Kopfstellung mit angelegten Ohren und abgewendetem Kopf, gezeigt werden.
In jedem dieser Beispiele ist bereits die Variabilität zu erkennen. Diese verändert auch die Kommunikation entscheidend. So ist der Ausgang einer Hundebegegnung immer abhängig von den Individuen, die in Kommunikation treten.
Auch das Bellen stellt eine Kommunikationsart dar, welche sich allerdings meistens Richtung Mensch richtet. Das Bellverhalten ist dabei lediglich ein Ausdruck von Emotion. Man unterscheidet sechs Belltypen voneinander.
Das freudige Bellen, welches bei positiver Erwartung, positiver Erregung oder positivem Stress gezeigt wird. Es erfolgt in einer hohen Tonlage, in schnell aufeinander folgenden Bellfrequenzen. Der Hund zeigt dabei eine hohe Bewegungsintensität und ist kaum zur Ruhe zu bekommen.
Das Warnbellen hingegen ist ein kurzer scharfer Beller. Es richtet sich also eigentlich nicht gegen jemanden, sondern alarmiert vor jemanden oder vor etwas.
Beim Angstbellen ähnelt das Klangbild dem freudigen Bellen, ist aber noch hochfrequenter und manifestiert sich in langen Serien. Der Hund wirkt unruhig, läuft hin und her und zeigt im Gesamtbild einen fast gehetzten Ausdruck.
Verteidigungsbellen tritt auf, wenn sich ein Hund in einer defensiven Position befindet, die erfordert, sich oder eigene Besitzstände zu verteidigen. Das Klangbild beinhaltet ein Knurren, dass zusammen mit kurzem Bellen gezeigt wird. Das Bellen wird dabei von ruckartigen Bewegungen in Richtung Gegner begleitet.
Beim Frustrationsbellen handelt es sich hingegen um einen Belltypus, der sich durch ständig wiederholende, eintönige, nicht endenwollende Serien von gleich klingenden Belllauten auszeichnet. Manche Tiere stehen dabei einfach nur da und starren ins Leere.
Das Animationsbellen ist oft ein erlerntes. Der Hund setzt es zur Aufforderung oder Animationen ein. Der Hund bellt drei bis vier Mal, dann macht er eine kurze Pause, bellt wieder u. s. w. Der Hund sieht sich in der Pause nach dem Lob, der Belohnung oder der Aktion um, die er erwartet. Oft bringt der Mensch unbewusst seinem Hund eben dieses Bellen bei. Vielleicht war der Hund einmal hilflos und gestresst, weil sein Ball unter das Sofa gerollt ist. Sein Mensch reagiert sofort auf den dadurch gesetzten Erregungsbeller und holt den Ball hervor. Der Hund lernt also, dass er mit Bellen den Menschen aktiviert und Aufmerksamkeit erhält. Diese Verhaltensweise kann sich festigen und zum erlernten Bellen führen. Oft kann man diese Bellart am Grunewaldsee beobachten. Sie wird auch international angewendet und egal, ob europäischer, afrikanischer, asiatischer oder amerikanischer Hundehalter, häufig erfolgt nach der bellenden Aufforderung des Hundes, der Wurf des Balles ins kühle Nass. BESTÄTIGT!"

Enrico Lombardi, Leiter des Dog Coach Institut und seine WeimeranerhuendinKurzvita:
Enrico Lombardi war bereits innerhalb der Bundeswehr für die Aus- und Weiterbildung von Diensthundeteams verantwortlich. Er trainierte Diensthundeteams für Einsätze bei Absicherungen, Rauschgift- und Sprengstoffsuche. Seine detaillierte Ausbildung wurde mit der Sachkunde gem. § 11 Tierschutzgesetz zertifiziert.
Zusammen mit seiner Frau, Tierheilpraktikerin Sandy Lombardi, gründete er 2001 die DogCoach Serviceagentur, mit dem Schwerpunkt in der Verhaltenstherapie von Hunden.
Seit 2005 ist er für die Bundesländer Berlin und Brandenburg als Sachverständiger, für Sachkundeprüfung und Erstellung eines Negativgutachtens, bestellt.
Im Jahr 2007 eröffnete Enrico Lombardi das DogCoach Institut, welches Fort- und Weiterbildungen im Bereich der Kynologie durchführt. Hier wird zum Hundetrainer ausgebildet, für Außendienstmitarbeiter Konfliktvermeidung bei Hundebegegnungen trainiert und tiergestützte Führungskräfteseminare durchgeführt. Seit 2008 ist das DCI als Bildungsträger zertifiziert und führt Qualifizierungsmaßnahmen auch über die Bundesagentur für Arbeit durch.

Text: Thomas Böhm/Fotos: Marilla Slominski