Ein Ausführservice unterwegsHundebesitzer hört die Signale

von Carola Güldner

Hundegebell in der Ferne, die Sonne glitzert auf dem Wasser, Ruderer grüßen vom Steg herüber. Idylle pur. Mitten in Berlin und - zahlreiche Menschen mit Hund beneiden uns darum - es ist ein erklärtes Hundeauslaufgebiet!
Bei Dirk, dem Wirt des „Werft-Casino" sitzen Leute bei Bier, Apfelschorle, Milchkaffee in der Sonne auf Turnhallenbänken. Die Hunde angeleint oder dicht bei Herrchen und Frauchen, weil sie auf den Kaffeekeks scharf oder einfach nur gut erzogen sind.
Nicht so ein Ridgeback, ein Bordercolliemix, sowie ein Mischlingshund, der seinen Besitzer permanent anklefft: Los, wirf endlich das verdammte Stöckchen!
Dann nähert sich eine Frau mit einer ängstlichen, älteren Windhundmischlingshündin und einem Terrier. Sie sehen den Ridgeback in klarer Körperstellung den Weg zum Hundeauslaufgebiet blockieren und stoppen alle drei. Sicher aus unterschiedlicher Motivation.
Die Frau nimmt - da sie offenbar die Leine vergessen oder nicht parat hat - ihre Hündin am Halsband. Immer eine schlechte Idee aus Hundesicht, aber sei es drum, manchmal hat man als Mensch eben nicht so viele Möglichkeiten.
Dann - die Frau schätzt ihre Chancen, unbekümmert ins Auslaufgebiet zu gelangen als nicht so großartig ein, bittet sie in die anwesende Runde, doch einmal den Hofherren und die vierbeinigen Leibwächter ranzunehmen. Natürlich hat sie es simpler ausgedrückt: „Können Sie bitte mal die Hunde rannehmen, wir kommen hier nicht durch!"
Oh, oh. Da ballert aber auch schon das gesamte Waffenarsenal der anwesenden Cafe-Garde auf sie: „Hier ist Hundeauslaufgebiet!" Geh doch einfach weiter, mach nicht so ein Theater, wenn Dein Hund freilaufen könnte, die klären die das unter sich......".
Es scheint, als gäbe es unter den Hundebesitzern zwei Gruppierungen: Diejenigen, die versuchen, anderen Mitmenschen und Mithunden gegenüber rücksichtsvoll aufzutreten und jene, die immer und überall auf ihrem vermeintlichen Recht zu beharren und finden, die anderen haben eh keine Ahnung von Hunden.
O-Töne der letzteren Gruppe sind immer dieselben:
Der Ridgebackbesitzer: Im Hundeauslaufgebiet kann jeder machen, was er will.
Helga S. : Hunde regeln grundsätzlich alles untereinander, man muss sie nur machen lassen.
Markus C.: Die meisten hier haben doch eh keine Ahnung von Hunden.
Viele befragte Hundeführer sind sich einig: Nichthundebesitzer, die eventuell sogar Angst vor Hunden haben, sollten dem Hundeauslaufgebiet gefälligst fernbleibenHerzlich willkommen? Mit Hund oder ohne?
Es ist zu vermuten, dass die Personen letztgenannter Gruppierung ihren Führerschein schon vor vielen, vielen Jahren gemacht haben und sich deshalb auch nicht mehr an den Artikel 1 der Straßenverkehrsordnung erinnern mögen: Gegenseitige Rücksichtnahme ist da angemahnt.
Im Hundeauslaufgebiet Grunewald und in Spandau haben sich eben aus Gründen der Imageverbesserung diverse Hunde-Ausführservices im losen Verbund zusammengeschlossen, um für eben diese gegenseitige Rücksichtnahme zu werben und diese mit möglichst großer Vorbildwirkung umzusetzen.
Die Hundeausführer stehen nämlich noch vor einem viel größeren Problem als die einzelnen Hundebesitzer. Sie müssen Hundegruppen, die gern auch mal (sachkundlich falsch) als Rudel bezeichnet werden, durch die Auslaufgebiete dirigieren. Vorbei an anderen Hunden, Menschen und auch Entgegenkommenden, die Angst oder vielleicht kleine Kinder haben. Die Kundin eines dieser Gassiservices (möchte nicht namentlich genannt werden) sagte unlängst: „Meine Hündin war auch sehr ängstlich, seit wir an wenigstens zwei Tagen der Woche hier in der Gruppe mitlaufen können, haben nicht nur meine Shirley und ich mehr Spaß, sondern ich habe auch viel mehr Verständnis für die Ängste und Wünsche der anderen Leute hier im Auslaufgebiet gewonnen."
Verständnis für Leute, die beim Anblick einer zehnnasigen Hundegruppe doch etwas panisch reagieren, ist das die beste Voraussetzung für ein gutes Miteinander. Und - wie im Straßenverkehr auch - ist es durchaus möglich, sich freundlich zu verständigen, wer wie ausweicht oder die Hunde rannimmt. Manchmal entstehen sogar Freundschaften und regelmäßige Hunderunden daraus, die wissen die meisten von uns doch zu würdigen.
Die Gassileute - Ausnahmen mögen die Regel bestätigen - praktizieren das täglich und selbst, wenn es immer mal wieder schwierige Situationen gibt, versuchen sie Artikel 1 der Straßenverkehrsordnung auch als ihren wichtigsten Grundsatz im Kopf zu behalten. Da hilft kommunikativer Austausch durchaus. Sabine S. sagt: „Seit ich mal mit meiner Beaglehündin Beauty in so einer Gruppe mitlaufen konnte, haben wir gar keine Angst mehr." Im Gegenteil, die Hündin, war früher immer total ängstlich, durch das Mitlaufen bei unserem Lieblings-Gassi-Service hat sie viel mehr Selbstbewusstsein bekommen."
Nichthundebesitzer wie Manuela, die im Grunewald tapfer und allein an ihrer Hundephobie arbeitet, gehen Leute auf die Nerven, die kein Verständnis für ihre Situation haben. Sie sagt; „Manchmal spreche ich die Leute gezielt am Kiosk an. Ich setze mich auf die Bank und esse etwas. Wenn sich dann neugierige oder einfach nur verfressene Hunde nähern, hofft sie immer, die Besitzer folgen und sie würde mit jemandem Unterwegs durch den Grunewaldsprechen können. „Vor kleinen Hunden hab ich weniger Angst, auch, wenn meine Trainerin mir beigebracht hat, dass das Unsinn ist." Manchmal seien aber auch gar keine Menschen zu den Hunden auszumachen und dann bekomme Manuela es schon mit der Angst zu tun. Was ihr am meisten helfe, sei, sich mit den Hundebesitzern auszutauschen. In den vergangenen vier Jahren, in denen sie bereits ihre Phobie erfolgreich und zuerst mit professioneller Hilfe bekämpfe, habe sie durchaus schon sehr viel über Hunde, aber noch viel mehr über deren Menschen gelernt.
Würden sich mehr von uns eine solche Haltung vom gegenseitigem Verständnis zu eigen machen, stünden auch viel öfter großartige Begegnungen, neue Bekanntschaften und bereichernden (Hunde)Freundschaften für jeden von uns ins Haus. Egal, ob im wunderschönen „Werft-Casino" oder in der „Waldschenke" oder auch am weißen und am orangnen Kiosk im Grunewald.
Im Gegenteil, wir können doch grad da bei einem leckeren Milchkaffee und den immer vorrätigen Hundewürstchen in einen interessanten Dialog mit anderen Vierbeinerfreunden treten. An vielfältigen Erfahrungen besteht ja kein Mangel, hoffentlich bald über mehr positive Beg
egnungen.