Kiki lebt mit ihrem Terrier Lucky auf der StraßeDie Hunde vom Bahnhof Zoo

Das ist die Geschichte von Kiki und ihrem Terrier "Lucky". Beide leben seit Jahren auf der Straße am Bahnhof Zoo. Irgendwie kommen sie über die Runden und genießen ihre Freiheit. Sie werden betreut und bei der Hundeerziehung hilft Trainerin Katrin Berner.


"Wenn du auf der Straße lebst, brauchst du einen guten Freund!" Hunde statt Heroin, die neue Generation der Strassenkinder vom Bahnhof Zoo ist vernuenftig geworden

Text: Thomas Böhm/Fotos: Marilla Slominski

„Haben Sie ein bisschen Kleingeld für die besoffenen Pinguine am Nordpol?“ Die 18-jährige Kiki lacht und hält die Hand auf. Die gepiercte Unterlippe glänzt in der Abendsonne. Ihr Terrier-Mix Lucky macht brav „Sitz“ und reibt seinen Kopf an ihren Springerstiefeln. Dafür gibt’s von den Passanten ein paar Cent und einen kleinen Hundkuchen. Christiane F. war gestern. Heute sind die Kinder vom Bahnhof Zoo mit Hunden unterwegs19 Uhr am Bahnhof Zoo. Kiki hockt schnorrend am U-Bahnausgang. Das macht sie, seitdem sie vor zwei Jahren von zu Hause weg ist, der Hund ist immer an ihrer Seite.
„Mein Mutter war einfach zu blöd. Aber mein Lucky ist cool, der labert mich nicht ständig voll und passt auf, dass mich keiner von der Seite anmacht. Wenn du auf der Straße lebst, brauchst du einfach einen guten Freund.“ Die beiden sind ein unzertrennliches Paar. Lucky ist mit Kiki durch ganz Deutschland getrampt, hat mit ihr in U-Bahnhöfen, Abrisshäusern, unter Brücken und in Parks übernachtet und sie nie aus dem Augen verloren.
„Eigentlich hat Lucky ein tolles Hundeleben. Er ist viel an der frischen Luft, bewegt sich den ganzen Tag und ich sorge für ihn. Bevor mein Lucky nichts gefressen hat, esse ich auch nicht. Die Schnorrerkohle geht immer zuerst für Futter drauf.“

Olli, "MC" und Paule stoßen mit ihren Hunden dazu. Sie kommen vom Alex, wollen nachher mit Kiki im „KuB“, (Kontakt und Beratungsstelle), in der Fasanenstraße vorbeischauen, duschen, Kaffeetrinken, das durch Spenden finanzierte Futter ihren Hunden geben, vielleicht ein paar neue Klamotten ausprobieren und mit den Sozialarbeitern reden. Aber jetzt möchten sie noch ein bisschen Geld „verdienen“. Die Vierbeiner fangen an zu toben, die Punks machen es sich auf dem Asphalt bequem und schauen belustigt zu. Schnorren fuer Hundefutter. Die Kinder vom Bahnhof Zoo heutePaule: „Wenn es mir schlecht geht, macht mir meine Nelly wieder gute Laune. Vielleicht hat sie sogar dazu beigetragen, dass ich meinen Entzug geschafft habe.“
Auch Olli kann sich ein Leben auf der Straße ohne seine kleine Schäferhündin Gischa nicht mehr vorstellen: „Sie ist meine Familie. Durch sie lerne ich, Verantwortung zu übernehmen, sie fordert mich ständig. Und ich habe eine Aufgabe.“
Paule erzählt seinen Freunden, dass es den vier Welpen seiner Bordercollie-Labrador-Hündin, die er an andere weitergegeben hat, gut geht und dass er endlich eine Wohnung gefunden hat. Doch das wissen Kiki & Co schon längst, schließlich hat jeder von ihnen einen e-mail-Account, wo sich Nachrichten schneller herumsprechen, als durchs Weitersagen - wenn genügend Kohle für einen Besuch im Internet-Café übrig ist. „MC“ zieht noch eine lustige Geschichte aus dem Ärmel: Er konnte seinen Hund auf Polizisten konditionieren: „Immer wenn jemand in Uniform aufgetaucht ist, hat er gebellt und ist weggerannt. Und ich gleich hinterher.“ Ein Dream Team. Der Malinois und sein obdachloses HerrchenPlötzlich springt eine junge Boxer-Dame ins fröhliche Rudel. Die Punks stehen auf, begrüßen höflich Hundetrainerin Katrin Berner, 36. Gemeinsam ziehen sie durch den Tiergarten. Auf dem Weg zum KUB hinter dem Bahnhof zeigt die Trainerin den jungen Hundehaltern ein paar Erziehungstricks. Seit einem halben Jahr arbeitet Katrin zweimal im Monat mit den Kids am Zoo.


Katrin: „Für die meisten Punks sind die Hunde Familienersatz, Statussymbol und Alarmanlage. Ein wenig Aufpasser muss drin sein, aber zu groß sollten die Hunde nicht sein, sonst treten zu viele Probleme auf.“
Grunderziehung steht auf dem Stundenplan. Viele der Hunde sind nicht stubenrein, fressen Unrat vom Boden, zeigen sich aggressiv gegenüber Artgenossen, laufen einfach weg oder bellen den lieben langen Tag Passanten an.
Katrin: „Einfach ist das nicht, diesen völlig unabhängigen, auf sich allein gestellten Typen etwas beizubringen. Aber bei den ganz jungen Aussteigern funktioniert das besser, als bei den ‚alten’ Punks, die ihre Hunde immer noch häufig anbrüllen oder sogar prügeln. Die neue Generation ist aufgeschlossener, kaum einer nimmt noch harte Drogen. Aber man braucht auch hier viel Geduld.“ Hundetraining muss sein. Hundetrainerin Katrin Berner macht das ohne HonorarAls sie unter der Eisenbahnbrücke entlanglaufen, boxt Kiki ihren Kumpel „MC“ in die Rippen und zieht ihn zu einer kleinen, geschützten Nische unterhalb der Gleise: „Weißt du noch, letzten Winter, da haben wir hier gemeinsam in einer Penntüte gelegen und unsere Hunde haben uns gewärmt“. „MC“ hat das nicht vergessen.
Nach dem Training trennen sich die Kids wieder. „MC“ will noch eine Runde S-Bahn surfen, Olli bleibt mit Gischa im KUB, Paule fährt nach Hause und Kiki geht zurück zum Bahnhof, eine letztes Mal Kleingeld schnorren, bevor sie sich in einer geheime Ecke im Tiergarten schlafen legt - mit Lucky an ihrer Seite. Sie träumt von einem eigenen Piercing- und Tätowierstudio. Der Kurs dazu kostet 600 Euro. „Ich lege mir jedes Mal ein wenig Geld zur Seite. Ich schaffe das. Schließlich habe ich Lucky. Und das bedeutet Glück.“ Die Punkbraut und ihr Maskottchen. Kiki und Lucky

 

Mehr Infos unter: www.kub-berlin.de

Sachspenden werden gerne genommen und sogar abgeholt. Einfach anrufen: tel: 0177-8941372